Nachfolgend die vollständige Festansprache:
Hochgeachteter Herr Landammann
Hochgeachtete Frau Regierungsrätin und Herren Regierungsräte
Geschätzte Mitbürgerinnen und Mitbürger
Liebe Jugendliche und Kinder
Freiheitskampf in düsterer Zeit
Das 14. Jahrhundert gilt als düstere Zeit. Zwischen 1348 und 1352 , dem Beitrittsjahr des Landes Glarus zur Eidgenossenschaft, starben in ganz Europa ein Drittel der Menschen an einer Pestepidemie. Man kannte die Ursache nicht, und es gab medizinisch keine Hilfe. 1356 verwüstete ein schweres Erdbeben Basel. Ab 1378 gab es zwei Päpste, einen in Rom und einen in Avignion. Die Welt war aus den Fugen. Unser Land gehörte zu dieser Zeit zu der achtörtigen Eidgenossenschaft. Der Druck, den Habsburg auf die junge Eidgenossenschaft ausübte, schweisste diese nur umso stärker zusammen. 1386 gewannen die Eidgenossen, bei denen eine Handvoll Glarner dabei waren, die Schlacht bei Sempach. Im Jahr darauf gaben sich die Glarner die ersten aus 21 Artikeln bestehenden Landessatzungen. Ein entscheidender Schritt hin zu staatlicher Ordnung und Selbstständigkeit.
Am 9. April 1388 griff ein habsburgisches Heer mit 600 Reitern und mehreren Tausend Mann Fussvolk das Land Glarus an. Nachdem die Habsburger zuerst die Letzi bei Näfels durchstossen hatten, konnten sie dank Hartnäckigkeit, Mut und geschicktem Einsatz ihrer Kenntnisse und Mittel von ein paar hundert Glarnern, verstärkt durch einige Urner und Schwyzer, vernichtend geschlagen werden. Glarus war zusammen mit den anderen eidgenössischen Ständen frei. Auf Glarner Seite starben 55 Mann, vermutlich gab es auch Verletzte. Auch solche , die lebenslang gezeichnet waren vom Kampf. Sie haben einen hohen, einen sehr hohen Preis für die Freiheit des Glarner Volkes und dessen Zukunft bezahlt. Und sie waren, als sie sich gegen mehr als zehnmal so viele Gegner in die Schlacht stürzten, auch bereit, diesen Preis zu zahlen.
Welchen Preis wären wir heute bereit zu zahlen?
Welchen Preis wären wir wohl heute bereit für unser Land zu zahlen, wenn es um seine Existenz und um unsere Freiheit ginge? Ich danke Gott und unserem Schicksal dafür, dass sich diese Frage heute nicht gleich stellt. Es stellt sich nicht die Frage, ob jemand von uns sein Leben für den Kanton Glarus oder die Schweiz, in der ja heute viele frühere Habsburger wohnen, einsetzen würde oder nicht. Pestepidemien kennen wir nicht. Wir sind nicht alle reich, aber es leidet niemand wirklich Hunger. Und Verletzungen, die uns früher zu Krüppeln gemacht hätten, sind heute im besten Fall in wenigen Tagen ausgeheilt. Die Kindersterblichkeit ist unvergleichlich tiefer. Unser Lebensstandard ist auf einem Niveau, aber auch auf einem Anspruchsniveau, wie es bisher in der Weltgeschichte nie und nirgends existiert hat. Obschon ich weiss, dass es auch heute ganz schwere Lebensumstände und Schicksale gibt, ist doch dieser Tag eine gute Gelegenheit nachzudenken und dankbar zu sein. Dankbarkeit und Zufriedenheit, ja sogar Lebensfreude, haben leider nicht so zugenommen wie unser Wohlstand. Die Tatsache, dass wir unser Land momentan nicht mit Waffen verteidigen müssen, heisst nicht, dass es keine ernsthaften Herausforderungen gibt. Auch wir müssen überlegen, welchen Weg wir gehen wollen und was unsere Jungen einmal übernehmen können.
Unsere Herausforderungen: Globaler Konkurrenzkampf und Klimawandel
Die Welt ist geprägt durch Umwälzungen. Unsere Lebensradien sind viel grösser als früher. Vorschulkinder sind heute schon in Länder gewesen, deren Existenz man im 14. Jahrhundert noch gar nicht kannte. Wir sind weltweit vernetzt und mobil. Wenn die Börse in Schanghai hustet, hat die Zürcher Börse am noch gleichen Tag Schluckweh. Die Welt wird enger, weil jeden Monat etwa so viele Bewohner dazukommen, wie die Schweiz Einwohner hat. Der Konkurrenzdruck und die Auswirkungen auf die Umwelt nehmen deshalb laufend zu.
Eine der grossen Herausforderungen ist heute China. Man könnte auch Indien nehmen, oder andere.
China hat 1300 Millionen Einwohner. D.h. auf einen Glarner gibt es fast so viele Chinesen, wie unser Kanton Einwohner hat. Gemeint sind natürlich Männer und Frauen. In keinem Land wird soviel Geld investiert wie in China. Es werden Häuser, Fabriken, Strassen, Staudämme, Gasleitungen gebaut. Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke ebenso wie Kernkraftwerke.
Es gibt allerdings riesige Unterschiede und Missstände: z.B. 10% Arbeitslose, sehr viele arme Leute, Umweltprobleme, und anderes. Aber der Boom und der Energiehunger sind gewaltig.
Wir wären bei der wirtschaftlichen und der ökologischen Herausforderung – wie auch in anderen Fällen – gut beraten, unsere Interessen als Kt. Glarus und als Schweiz zu bündeln und zusammenzustehen; und nicht zu glauben , wir könnten unseren Wohlstand und unser Land sichern, wenn wir nur auf dem Bisherigen und auf den persönlichen Interessen beharren.
Ob wir es gut finden oder nicht: die Welt hat sich verändert und sie verändert sich weiter – schneller denn je. Und nicht unbedingt zu unserem Vorteil.
Ich glaube, das alles hat ‚mitgeschwungen’ beim denkwürdigen Entscheid der letzten Landsgemeinde für drei Gemeinden. Die Mehrheit hat entschieden, dass es jetzt einen grossen Schritt, eine grosse Veränderung braucht. Dass auf Gemeindeebene das Glarnerland ganz neu organisiert werden soll, nachdem dieses mit der kantonalen Verwaltung schon geschehen ist.
Das gibt auch Anlass, wieder einmal über unsere langfristigen Stärken und Möglichkeiten nachzudenken. Wir sind meistens zu kurzfristig orientiert. Wir haben viel Fläche, vor allem Berglandschaft mit einer grossen biologischen Vielfalt. Die Welt von morgen braucht Siedlungsflächen, aber auch Naturgebiete. Wir haben grosse Waldflächen. Aktuell ist das finanziell eine Last. Aber der Wert von Wald und Holz wird steigen. Langfristig wahrscheinlich unser grösstes Potenzial ist das Wasser, ohne das es kein Leben gibt und das uns schon bisher über die Nutzung der Wasserkraft Arbeitsplätze, Wasserzinsen und Steuern geliefert hat. Und es gibt ja laufende und zukünftige grosse Investitionen in diesem Bereich, die unserem Kanton viel bringen werden.
Gemeinsam akzeptable Lösungen finden und den Jungen Perspektiven zeigen
Es ist wichtig dass wir zu unseren Ressourcen, zu unseren Potenzialen Sorge tragen und sie langfristig nicht aus den Händen geben. Aber ebenso wichtig, dass wir etwas daraus machen. Dass wir konkrete Projekte umsetzen, die Arbeitsplätze und Geld bringen. Wir müssen unseren Jungen, die am Stärksten abwandern, Entwicklungsperspektiven zeigen können, spannende Herausforderungen, um sie dazubehalten oder sogar zurückholen zu können. Das braucht Kraft und Willen, nicht nur schwarz oder weiss zu sehen und alles zu verhindern, was nicht hundertprozentig passt; sondern gemeinsam akzeptable Lösungen zu finden, bei denen viele zwar etwas hergeben müssen, aber für alle noch mehr zu gewinnen ist. Ziel muss es sein, eine intakte Umwelt zu bewahren, aber unseren Nachkommen auch in Zukunft die Möglichkeit offen zu halten, in unserm Land und unserem Kanton Auskommen, Frieden und Wohlstand zu haben.
In diesem Sinn bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes.
09.04.07 Pankraz Freitag, Landesstatthalter
Konzert „Der Frühling lässt grüssen“



