Ferien im «Lande der Verheissung»

Die Übernachtungen in der Schweiz gehen kontinuierlich zurück. Vor allem im Kanton Graubünden. Es fehlen die Ausländer.




Soeben sind die neuesten Zahlen bekanntgeworden: Die Schweizer Hotellerie verzeichnete im ersten Halbjahr 2016 insgesamt 16,8 Millionen Logiernächte. Dies entspricht einer Abnahme von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die deutlichste Abnahme in absoluten Zahlen verzeichnete der Kanton Graubünden (minus 4,5 Prozent). Hier sinken die Logiernächte seit Jahren.

Wir haben die Bilanz wieder etwas aufpoliert und unsere Sommerferien im Engadin verbracht. Einem wunderschönen Alpental, dessen malerisches Bergpanorama, die klaren Seen und das magische Licht uns seit Jahren in den Bann ziehen. Aber auch das Engadin leidet unter dem Besucherschwund. «Unsere Gäste sind zur Hauptsache Schweizer, Deutsche und Italiener. Zwei davon kommen fast nicht mehr», sagt der Direktor eines Viersternehotels in Sils Baselgia. Er lädt jeden Montag zu einer öffentlichen Führung durch sein Hotel samt grosszügiger Degustation von Weinen und Bündner Spezialitäten ein. Gratis und franko notabene. Dank der Schweizer Gäste sieht die Auslastung in seinem Hotel nicht allzu schlecht aus. Aber die Deutschen und Italiener machen nur noch einen kleinen Teil der Gäste aus. In St. Moritz fehlen zusätzlich die Russen. Was hier jedoch auffällt, sind mehr Besucher aus dem Orient.

Der Grund für das vermehrte Ausbleiben der ausländischen Gäste ist schnell gefunden: der hohe Frankenkurs, der sich angesichts der stolzen Preise im Engadin doppelt auswirkt. Da kommt auch die schönste Natur nicht dagegen an. Die Tourismusverantwortlichen geben sich alle Mühe, um das wunderbare Alpental anzupreisen. Ab zwei Übernachtungen sind sogar die Bergbahnen und der öffentliche Verkehr gratis. Doch sie ernten im Ausland nur mässigen Erfolg.

So kämpfen die Hoteliers um jeden Gast, auch wenn der nur eine Nacht bleibt. Die Aufenthaltsdauer hat sich nämlich ebenfalls markant verändert: Blieben die Gäste früher eine oder zwei volle Wochen, ziehen sie heute mehrheitlich Kurzaufenthalte vor. Was den Aufwand fürs Hotel nochmals erhöht. «Bin ich froh, muss ich kein Hotel mehr leiten», sagt eine Bekannte, die fast 30 Jahre einem Betrieb in St. Moritz vorgestanden hat.

Wir haben die zehn Tage im Engadin sehr genossen. Mit einer kleinen Einschränkung: Auf den Wanderwegen fahren immer mehr Biker. Sind die Wege breit und die Velofahrer routiniert, kommt man gut aneinander vorbei. Sind aber Familien mit kleinen Kindern auf den Zweirädern unterwegs, wird es schwieriger. Und auch in den Bahnen macht sich zunehmend Unmut breit, wenn die Biker mitsamt ihren Velos in die Abteile drängen, die eigentlich den Menschen vorbehalten wären – weil die eigens für die Bikes vorgesehenen Abteile voll sind. «Irgendwann sind wir Wanderer nicht mehr willkommen», sagt ein Gast bei der Fahrt mit der Corvigliabahn. Auch für die Einheimischen ist es ein Thema, werden wir doch von ihnen mehrfach darauf angesprochen: «Das muss geregelt werden», sagen sie. Eigentlich bräuchte es vor allem gegenseitige Rücksichtnahme und Toleranz. Aber wenn ein Knirps mich auf einem Wanderweg fast umfährt oder ein Biker auf 3000 Metern Höhe in vollem Tempo an mir vorbeibraust, ist auch bei mir die Toleranzgrenze erreicht. Schliesslich gibt es ja spezielle Trails für die Velofahrer, die sehr attraktiv sind.

Wie auch immer: Das Engadin ist froh über alle Gäste, seien es Wanderer oder Biker. Das angesprochene Gästesegment ist breit – so soll es auch sein. Wir kommen auf jeden Fall wieder ins herrliche Hochtal, über welches Friedrich Nietzsche einst geschrieben hat: «Mir ist es, als wäre ich im Lande der Verheissung. Zum ersten Male ein Gefühl der Erleichterung. Hier will ich lange bleiben.» Mögen es uns noch lange viele gleich tun.