Franz Schuberts «Winterreise»

Ein bewegendes Geschenk bescherten der Tenor Werner Güra und der Pianist Christoph Berner dem gar diszipliniert und mit spürbarer Hingabe lauschenden Publikum vor wenigen Tagen in der Aula der Kantonsschule Glarus. Man sass – von einer wahren Flut an Gefühlen, Leidenschaft, Trauer, Munterkeit, riesiger Hingabe umgeben – in einem Konzertraum, der über eine sehr trockene Akustik verfügt und die Interpretierenden fordert.




Werner Güra, in München geboren, gestaltete die 24 Lieder der Winterreise von Franz Schubert (1797–1828) nach Texten von Wilhelm Müller, 1794–1827, mit Begleitung des Pianisten Christoph Berner aus Wien in einer Vollkommenheit aus, die ergreifend war, alle in ihren Bann zog. Die Interpretierenden harmonierten in einer Art, die mit Worten kaum fassbar ist. Alles war derart ausgewogen, packend, reizvoll, spannend, weckte verdient hohe Bewunderung. Mit beinahe unfassbarer Leichtigkeit wurde ein so wechselvolles Schicksal besungen, wurde beschwörend, verharrend, voller Traurigkeit, dann wieder riesiger Anmut, Kraft und Bescheidenheit interpretiert. Es brauchte diese immense Vielfalt an Intentionen, um den Inhalten der 24, oft unterschiedlichen Botschaften gerecht zu werden.

Die «Winterreise» gilt als Höhepunkt des deutschen Lieds und ist ein gewiss entzückendes, stark beeindruckendes Werk der Romantik. Noch nie sei – so mit Verweis aufs hilfreiche Programm – der seelische, existenzielle Liebesschmerz derart unmittelbar und vielschichtig vertont worden. Der Wanderer hätte sein Glück auf unserer Erde gefunden, die Auserwählte und deren Mutter teilten seine Gefühle – wäre da nicht der Vater gewesen, der dieser Liaison nicht zuzustimmen vermochte, weil ihm die Klassenunterschiede zu gross schienen. Der so Verschmähte verlässt das Dorf der Geliebten und beginnt seine Wanderung durch eisige Kälte, in gar ungastlicher Umgebung. Nicht selten kommen verständliche Sehnsucht und Hoffnung auf. Der Wanderer begegnet einfach niemandem, der ihn tröstet, ihn begreift, für kurze Zeit aufnimmt. Lediglich bellende und geifernde Hunde und eine Krähe – Symbol des Todes – begleiten ihn auf Teilen seines Weges. Und am Schluss bleibt der Leiermann, der sein Instrument bedient und seine ureigenen Gefühle offenbart.

Schubert durchlebte viele dieser Gefühle. Die Machte der Liebe, Ablehnung und Unverständnis gegenüber Anderslebenden und -denkenden waren ihm mehr als vertraut. Er sei beim Komponieren oft «düster gestimmt und angegriffen gewesen». Er erkrankte an Syphilis und starb ein Jahr nach der Vollendung dieses Zyklus.

Das Wissen um diese Konstellationen war hilfreich, willkommen. Man vermochte sich in Gefühle einzuleben, die vielleicht wegen ihrer Üppigkeit, Formulierung und romantischen Reichhaltigkeit belächelt worden wären.

Wie Werner Güra und Christoph Berner dieser Reichhaltigkeit annahmen und so Wechselvolles mit hoher gestalterischer Kunst und Eleganz auszudrücken wussten, war grandios und ungemein ergreifend.

Es ist den Verantwortlichen der Kulturgesellschaft Glarus sehr zu danken, dass dieses Begegnen möglich geworden ist.