Ganz weit weg von Selfies

Es gibt eine unermessliche Vielfalt von Fotografierenden. Da sind jene, die vor lauter Sujets jede Übersicht verloren haben und nach den Ferien gar nicht mehr wissen, was denn wo hingehört. Dann kennt man jene, die absolut selfiesüchtig sind und sich überall ins Bild rücken, ungeachtet aller Qualitätsansprüche. Es gibt Fotokünstler, die mit dem Apparat vor der Nase überall rumspazieren und vor lauter Auslöserbetätigung kaum Zeit finden, den Bildausschnitt auszuwählen. Ihnen allen täte ein Besuch der Fotoausstellung im «Schützenhaus» Glarus gut.



Es würde unter Umständen ein Rückbesinnen auf Werbeständiges, sorgsames Betrachten, Verweilen und Geniessen auslösen. Es wäre ein Wegrücken vom Knipsen um jeden Preis. Auslöser wäre der Netstaler Hans Bühler.

Was nach beharrlichem Betrachten, Verweilen und Standortwahl, dem Bearbeiten der jeweiligen Landschaft am Bildschirm zusammengekommen ist, zeigt der Netstaler in einer liebenswürdigen Vollkommenheit, die fern jeglicher Sensation um jeden Preis, Schrillem ist und gerade deshalb von einer bewegenden stillen Eleganz geprägt ist, so viel wohltuende Ruhe in sich hat. Hans Bühler gewährt mit den zahlreichen im Restaurant, dem Foyer und dem Treppenaufgang zum Saal ausgestellten Fotografien Zugang zu landschaftlichen Schönheiten der näheren Umgebung seiner Wohngemeinde. Er weckt mit den Bildinhalten Staunen, Respekt, Neugierde. Bildbetrachter sind zuweilen gefordert, wenn es ums Herausfinden des Standortes und des Motivs geht. Sie stellen fest, wie bewegend schön das eine oder andere überhaupt ist. Einige Motive muntern zum persönlichen Besuch des Gezeigten geradezu auf.

Er bringt es fertig, seine Fotos nach dem subtilen Bearbeiten einem gemalten Bild beinahe gleichzusetzen, beim Betrachter Fragen zu Sein und Schein zu wecken. Der Magie des Klöntals vermag man sich kaum zu entziehen. Wie Wolken unsere schroffen Berge geradezu zu umschmeicheln wissen, wie beleuchtete Siedlungen plötzlich beinahe weltstädtische Dimensionen erhalten, wie trutzig einzelne Gebäude sein können, wie majestätisch die Stadtkirche in Glarus ist oder gar malerische Häuserzeilen anzusehen sind, wird durch die wechselreiche, inhaltlich starke Bildauswahl beeindruckend dokumentiert. Man gewinnt unweigerlich andere Bezüge zu Landschaften, Ortsteilen oder Berge, man staunt, freut sich, gibt sich einem Bildzauber gerne hin, schaut und schaut nochmals. Bühler ist ein Bildkünstler, ein genussvoll Betrachtender, dessen Fotos von beständiger Einzigartigkeit erfüllt sind. Die Bilder bewahren Stimmungen auf. Geht man zu einer anderen Zeit an den gleichen Ort, sieht alles wieder weit anders aus. Dieses Erleben ist für jerne spannnend, die Landschaften lieben und die Erhabenheit der Natur achten.

Die präsentierten Fotos umfassen schwergewichtig den Raum Klöntal – Riedern – Ennenda – Glarus – Netstal mit Wiggis, Glärnisch, Ennetberge und Sackberg. Es kommen wenige Motive aus anderen Gegenden dazu.

Die Vernissage im «Schützenhaus» Glarus war gut besucht. Christian Bosshard, Präsident des Glarner Fotoclubs, führte in die Geschichte der Filmkamera und der unglaublich rasanten Entwicklung der Technik und ein klein wenig in die Kunst des Fotografierens ein. Man kannte im 16. Jahrhundert die Camera obscura. 1839 gelang es Louis Daguerre, Bilder auf einer Glasplatte zu belichten. Aus unserem Kanton stammen die ersten, bekannten Bilder aus dem Mai 1861 mit den Folgen des Brandes von Glarus. 1888 entwickelte George Eastman, der Gründer von Kodak, die erste serienreife Kamera für Rollfilme. 1913 kam die Ur-Leica auf den Markt. Es wurden später Farbfilme für Dias verkauf. 1975 entwickelte Steven Sasson in einem Labor von Kodak den ersten digitalen Sensor. Seither ist nichts mehr wie es einmal war. Die traditionellen Fotogeschäfte sind verschwunden, Kodak USA musste im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden.

Die Bedeutung der Fotografie in unserem Land ist gewiss bemerkenswert. Bosshard erwähnte die Luftaufnahmen von Walter Mittelholzer und Edouard Spelterini, die Panoramabilder von Emil Schulthess, das Wirken der Fotohäuser Glarner und Schönwetter und René Burri. Und heute wird drauflosfotografiert was das Zeug hält. Was Bestand hat und was verschwindet ist nicht erfassbar. Oder zu welcher Tageszeit die inhaltsstärksten Bilder entstehen ist für viele Nebensache.

Hans Bühler äusserte sich nur ganz kurz, er fotografiere einfach viel lieber statt etwas zu erzählen. Er umgebe sich lieber mit Bildinhalten. Seit 35 Jahren gehöre er dem Glarner Fotoclub an. Er dankte dem «Schützenhaus»-Team, das dem Zustandekommen der Ausstellung so positiv gegenübergestanden sei.

Und nun ist es in den kommenden Monaten möglich, die Ausstellung zu besuchen, zu verweilen und grad noch Kulinarisches zu geniessen. Reichhaltigkeit und Abgestimmtheit sind garantiert.