Gerades und Schräges im Wortreich

Wenn Konzertantes um neun Uhr abends beginnt, ist das schon mal eine von verschiedenen, unerwarteten Besonderheiten. Wenn zum Besuch in die Kulturbuchhandlung Wortreich an der Abläschstrasse im Hauptort eingeladen wird, darf man sich auf irgendetwas besonders Spezielles gefasst machen. Und wenn Frédéric Zwicker samt Koffern angekündigt ist, beginnen sich Kulturinteressierte zu fragen, was das soll. Etwas über Slampoesie, einen schlagzeugungsfähigen Musiker, provokative und gesellschaftskritische Texte samt eingängigem Humor, die Leidenschaft der Edith Piaf und Harmonisches waren in der Vorschau angekündigt.




Man fragte sich unweigerlich, wie das in irgendwelche Gepäckstücke passe, wie derartige Attribute in irgendeiner geeigneten Form gefügt würden, was da an musikalischen und geistigen Fertigkeiten zum Ausdruck kommen werde. Das Publikum im Wortreich entstammte fast allen Alterssegmenten und auf der kleinen Bühne war eine stattliche Zahl von Instrumenten bereit.

Gewohnt kurz begrüsste Christa Pellicciotta, auf Kommendes mit Bernd Lafrenz und «Der Widerspenstigen Zähmung» von Shakespeare am nächsten Freitag hinweisend. Dann hiess es «Bühne frei» für Worte, Taten, Zusammenspiel, Programmansage samt Kommentaren, Rap, Vertrautes und Fremdländisches, leicht Heimatliches, Entführung in fremde, nicht allzu ferne Länder. «Knuts Koffer» ist gleichbedeutend mit den Namen von vier, zuweilen fünf Musikern, die sich vor zehn Jahren zusammengefunden haben. Der Szenenkenner Endo Anaconda bemerkte einst, dass diese Band die Bühne in wohltuender Weise als Labor sehe.

Nun wird in vielen Labors geforscht, probiert, gemixt und produziert. Die Laboranten tauschen sich aus, legen Untaugliches beiseite, widmen sich Erfolgversprechendem, trachten nach Verkaufserfolg und Beachtung auf dem Markt. So lagen den in einem von Knuts Koffern CDs als verkaufsfertiges Produkt.

Frédéric Zwicker, in Jona-Rapperswil lebend, hat eindeutig den Lead inne. Er ist Kolumnist, zeitkritischer, erfreulich aufmüpfiger Texter, wirbliger Gitarrist, kann durchaus provokativ sein. Er rapt sich durch die Texte, deutet mit seinen Ansagen aus, worum es den Musikern gehe. Zwicker steht nie, gar nie so selbstgefällig an der Front – auch wenn es nur der Rand einer kleinen Bühne ist. Er bezieht die andern Bandmitglieder ganz dezidiert ein, lässt sich mitreissen, gibt höchstens den jeweiligen Einsatz vor. Aber dann fezzt es los, zuweilen derart gewaltig, dass die von Zwicker gesprochenen Texte im Mix aus seiner Gitarre, den Bässen von Christoph Bucher, dem von Tobi Vogler bespielten Piano und den Rhythmen des Schlagzeugers Patrick Watanabe zuweilen schlicht und einfach untergehen, ungehört bleiben, in wogenden, brodelnden Tiefen rumgeschleudert werden.

Es geht auch – dies umso begrüssenswerter – ganz anders. Beseelter Jazz, ruhige, poetisch-harmonische Momente vermögen ebenso aufzukommen, wie Wortwitz, Keckes, Frivoles. Das hat Platz neben unerwarteten, nicht ganz ernst gemeinten Erkenntnissen, beispielsweise über die Attraktivität einer Frau im Moment des Eisprungs oder dessen Verhinderung bei Einnahme der Pille; den erbittert-blutigen Kampf der Antibiotika gegen irgendwelche Krankheitserreger; das Schlachtprozedere des Biobauern Toni, der sich vor der jeweiligen Metzgete mal einen Schnaps genehmigt und später in rauschhafte, lebensferne Zustände fällt. Zwicker ist da spürbar ein «Hansdampf in allen Gassen», er widmet sich dem jeweiligen Thema mit wortakrobatischen, deutlichen und zuweilen überzeichnenden Feststellungen. Wenn man nur auf Schweizerdeutsch singe, habe man im gesamtdeutschen Markt nicht so richtig gute Chancen. Mit Berndeutsch gelänge dies unter Umständen. Um die Fratelli der Pizza zu besingen, kramte der poetische Rapper alle verfügbaren Italienischkenntnisse zusammen und kreierte absolut Vergnügliches. Man hörte in derartigen Momenten gebannt, erwartungsfroh zu, staunte über sich ergebende Irrungen und Tatsachen. Die vier Musiker fegten so richtig durch diese Erlebniswelten, mitreissend, wirblig, beeindruckend abgestimmt.

Zwicker benötigte jeweils nur kurzes Rückfragen zu Neuem. So begleitete man irgendwann einmal den Monsieur, der sich durch die Tage in bestimmten Momenten quälend langsam vorwärts bewegte. Man hörte zu, als Zwicker über die grossen nur aus Liebesliedern bestehenden Repertoires zu sinnieren begann oder sich mit Banalitäten aus irgendeinem Alltag befasste.

Er stellte fest, dass die mit der Kappeler Milchsuppe auf Stufe Eidgenossenschaft einst erreichte Einigung beispielsweise im Konflikt zwischen Israel und Palästina erreicht werden sollte. Da war auf Zwickers Wunsch kräftiges Mitswingen und -singen erforderlich.

Knuts mit Musik gefüllter Koffer war eine knappe Stunde vor Mitternacht leer. Man verabschiedete sich aus einer ungewohnten Vielfalt in die Ruhe der Nacht.