«Granada Grischun» – Lesung von Romana Ganzoni

Träume, Leid, leiser Humor, Ehrlichkeit, Fiktives, Realistisches, trockene Fakten, Erfahrungen, Feinsinniges, Zurückbesinnung und leicht Derbes vermischen sich in Romana Ganzonis Erstling «Granada Grischun» in packend unnachahmlicher Weise.



Buchautorin. (Bilder: pmeier) Hansrudolf Frey von baeschlin littéraire.
Buchautorin. (Bilder: pmeier) Hansrudolf Frey von baeschlin littéraire.

Einige Erzählungen bot sie unlängst anlässlich des Richisauer Literatursommers auf Einladung von baeschlin littéraire an einem Ort an, den sie noch nie besucht hatte und der mit seiner Lage und Umgebung einen Teil der breiten Stimmungspalette in sich birgt, die in den wechselvollen Erzählungen zum Ausdruck kommt.

Hansrudolf Frey begrüsste die aus dem Engadin angereiste Buchautorin, 1967 in Scuol geboren, durch die Eltern mit dem Prättigau verbunden, nach dem Geschichts- und Germanistikstudium an der Uni Zürich einst über zwei Jahrzehnte hinweg als Gymnasiallehrerin tätig.

Die 20g Kurzgeschichten seien bewusst nicht in Form eines Romans erschienen, so Hansrudolf Frey. Romana Ganzoni, heute als freie Autorin in Celerina lebend, habe ihr literarisches Schaffen in verschiedenen bündnerischen Gemeinden – Celerina, Tschlin, Lavin, Trun, wurden erwähnt wie Auftritte im Literaturhaus Zürich und im Ausland. Dass die Arbeit am zweiten Buch immer schwierig sind und man sich genügend Zeit bis zum Erscheinen lassen müsse, wusste Hansrudolf Frey bestens. Er freue sich auf weitere Bücher – eine Feststellung, der man sich sofort und gerne anschliesst. Romana Ganzoni erwähnte, dass es sich wohl um einen Roman handle, alles sei weit, sehr weit gediehen, müsse aber noch gekürzt werden. Das sei so schwierig, zuweilen fast unmöglich.

Romana Ganzoni gab auf willkommen direkte und offene Weise Einblicke in ihr faszinierendes Schaffen. Man hörte ihr riesig gerne zu und fragte sich, wie Begonnenes in der jeweiligen Geschichte weitergehen werde. Die Autorin flicht verschiedenartige Momente derart ineinander, dass eine packende Buntheit entsteht. Das gelingt ihr in erfüllender Art. Klug setzt sie Akzente, sie beschreibt knapp und vermeidet Ausschweifendes, sich damit fast monoton Dahinziehendes. Das kommt an, weckt Anteilnahme, macht neugierig. Sie bezieht die gebannt Hinhörenden ins jeweilige Geschehen ein, trägt sie auf Reisen mit, die zuweilen feinsinnig, kurzweilig, mit deutlicher Klarheit, dann wieder mit resigniertem Feststellen, Hoffen erfüllt sind. Sie tut dies mit grosser sprachlicher Eleganz, inhaltlicher Vielfalt und Beschwingtheit. Es fliesst Persönliches ein, gesellt sich zu Erfundenem – mit einer anregenden Leichtigkeit, die fasziniert, einen gar nie unbeteiligt lässt.

Romana Ganzoni machte die Literaturfreunde mit Herrn Baumann, den Verlauf einer Zugfahrt, kulinarischen Künsten des Fernsehkochs Studi, einer Hütte auf dem Apfelbaum, kindlichen Sitten und Unsitten, die Kunst des Schreibens, Reiseplänen und anderem bekannt – locker und einnehmend präsentiert.

Es schloss «Granada Grischun» an. Granada, so Romana Ganzoni, sei ein Sehnsuchtsort, eine Stätte, zu der man sich hinträume. Die Rede kommt auf den Vater, der dann wie ein Gott tanzen konnte, wenn er «Öl am Hut» hatte – und mit seinen unnachahmlichen Künsten genau bei einer «dunklen Olàlà mit allem Drum und Dran» scheiterte. Mit einer sprachlichen Eleganz, die dem tanzverrückten, balzenden Vater zur Ehre gereicht, ist knapp, klar und gekonnt gar vieles einbezogen. Es wächst ein Reichtum der Geschehnisse. Romana Ganzoni stellte ihren kreativen, einfallsreichen Vater – einen blendenden Erzähler – vor; er verstarb im Alter von 53 Jahren.

Länger, inhaltsreicher, leidenschaftlicher und dramatischer wurde es beim Kennenlernen des kubanischen Weltsprinters Alberto Juantorena. Da ist beispielsweise von Lauftechniken, Be- und Verurteilen von Unbegabten, Taktik, richtigem Verpflegen, Rennrouten, einem fürchterlichen Unfall mit anschliessendem Spitalaufenthalt, Kälte, Leiden, Schmerz, im Rucksack stets mitgeführte Literatur und erlösendem, gemeinsamem Enteilen – nach Kuba die Rede.

Was Geröllhaldenjogging, Stolpermaschine, Atemchaos bedeuten, ist bei dieser Erzählung zu erfahren. Das Credo der Laufbegabten ist fassbar: «Ich bin zum Rennen auf der Welt; und nicht zum Wegrennen!»

Und von den «Gedanken, die zuweilen keine Logik mehr haben», löste man sich nach dieser Lesung nicht gänzlich. Beim Verlassen des Richisau blieb einiges haften – glücklicherweise hatte man «Granada Grischun» mitgenommen; Begleitung und Erinnerung zugleich.

Der diesjährige Richisauer Literatursommer endet am 24. September mit der Lesung von Tim Krohn aus dessen «Serien-Roman», der ursprünglich für 65 Leser geschrieben worden ist, aber unerhört weiterwächstArtikel.