Gratis fliegen statt laufen



Glosse – aus der Sicht einer Kuh (Bild: e.huber)
Glosse – aus der Sicht einer Kuh (Bild: e.huber)

Hey Freundinnen, ich habe mich auf die Alpfahrt in diesem Jahr speziell gefreut. Für mich ist eine Alpfahrt sowieso immer etwas Besonderes. Den ganzen Winter hindurch bin ich mit euch von November im letzten Jahr bis in den Frühling dieses Jahres mehr oder weniger immer im Stall gestanden, und gemeinsam haben wir darauf gewartet, bis der Bauer uns melken kommt. Zur Abwechslung konnten wir, sofern es das Wetter erlaubte, auf die Wiese im Rollengut gehen und frisches Gras fressen. Zugegeben, das Heu vom vergangenen Sommer war zwar ausgezeichnet, aber sind wir ehrlich, die frischen Kräuter und Gräser auf der Alp schmecken einfach besser. Aber Jammern ist hier fehl am Platze! Das Einzige, was es in diesem Jahr zu jammern gibt, ist der schreckliche Moment, wo ich ein Gespräch zwischen dem Pächter der Alp und seinem Vater mithören konnte. Mit meinen Riesenohren war das kein Problem, diesen Zwei hinter einem Baum zuzuhören, und was ich gehört habe, hat mir den Angstschweiss zwischen den Hörnern und den Augen herausgetrieben. Auf dem Latrinenweg habe ich erfahren, dass wir Kühe dieses Jahr nicht wie immer auf die Alp laufen dürfen. «Dieses Jahr fliegen wir mit dem Helikopter», hat der Vater des Pächters gesagt». «Als ich dies mitgehört habe, ist mir mein Herz fast bis ans Ende meines Schwanzes gerutscht. Ich bin noch nie geflogen – wie soll das gehen», habe ich mich gefragt. «Ich bin doch nicht schwindelfrei und dazu habe ich richtig Angst. Ich habe meine Sorgen am Abend meinen Schicksalsgenossinnen im Stall vor dem Schlafengehen erzählt». «Muuh, muuh, muuh» tönte es aus den Mäulern meiner Schicksalsgenossinnen. «Wir sind doch alle nicht schwindelfrei», muhte eine. «Und bin zusätzlich noch trächtig wegen unserem geilen Stier Adam», erklärte das Rösli mit seinem bereits dicken Bauch. «In zwei Monaten geht es bei mir los. Darum hat mir die Kuh-Hebamme gesagt, ich solle mich unbedingt schonen». «Ja warum müssen wir in diesem Jahr unbedingt mit dem Helikopter fliegen», fragt besorgt das Flörli? «Ich habe dann der ganzen Kuhversammlung im Stall erklärt, was ich von den zwei Älplern gehört habe. Der Vater des Pächters hat seinem Sohn erklärt, dass der Bergwanderweg von der Gemeinde zwar instand gestellt worden sei. Dabei sei aber bedauerlicherweise vergessen gegangen, die kaputten Holztritte auszuwechseln. So mache es keinen Sinn, zu Fuss auf die Alp zu laufen. Zudem wäre das für uns viel zu gefährlich. «Jetzt siehst du, was für einen guten und besorgten Chef wir haben», stellte die hübsche Susi fest. «Also, ich freue mich tierisch, einmal mit einem Helikopter zu fliegen», freute sich auch das immer aufgestellte Blüemli voller Aufregung. «Aber so ein Flug kosten doch viel Geld». «Mach dir keine Sorgen, wir müssen den Flug ja nicht bezahlen. Geniesse es einfach, unser Chef und sein Vater regeln das schon. Sind wir doch einfach froh, dass wir einmal mit einem Helikopter einen Gratisflug machen dürfen». Mit einem anhaltenden «Muuh, muuh, muhh, ich bin ne fliegende Kuh» bestätigten auch meine Kolleginnen, dass sie sich auf diesen Flug in luftige Höhen sehr freuen. «Hoffentlich im nächsten Jahr auch wieder», meinte leicht ironisch unser Flörli!