Greti Caprez-Roffler – Lesung im «wortreich» Glarus

Greti Caprez-Roffler lebte von 1906–1994. Christina Caprez hat von ihrer Grossmutter Bewegendes, aus heutiger Sicht zuweilen absolut Unverständliches, geschrieben. Sie las unlängst in der Kulturbuchhandlung «wortreich» in Glarus und führte in ein wechselvolles, nicht immer einfaches Leben ein. Ein filmisches Dokument, samt anschliessender kurzen Fragerunde zwischen Christa Pellicciotta, «wortreich»-Geschäftsführerin und der Buchautorin, deren Lesung und das Aufnehmen von Fragen aus dem Publikum gehörten zu diesem bewegenden Abend.



Greti Caprez war die erste Frau, die nach ihrem Theologiestudium als eigenständige Pfarrerin ihr Amt mit allen dazu gehörenden Aufgaben in einer Gemeinde ausübte – anfänglich in Furna, quasi illegal, weil sich der ausschliesslich männlich zugsammengesetzte obrigkeitliche Konvent gegen die Anstellung einer Frau – sei sie nun ledig oder verheiratet, aussprach. Die Kirchgemeinde Furna hielt bewunderungswürdig dagegen. Später wirkte sie mit ihrem Mann Gian, der einst als Ingenieur tätig war, sich dann zum Theologiestudium entschied, in Chur, am Zürichsee, dann wieder im Bündnerland. Diese mehrjährige Tätigkeit im Rheinwald (Splügen, Sufers, Medels, Nufenen und Hinterrhein) war vielleicht so etwas wie ein versöhnlicher Abschluss nach langen, kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit vorgesetzten Behörden, Amtsinhabern, Studiumsverantwortlichen, Zeit- und Kirchgenossen.

Die lesenswerte, sich über beinahe 400 Seiten erstreckende Chronik, schafft ein zuweilen aufwühlendes Begegnen, beginnend mit dem Zeitraum 1906–1931, mit Igis, Zürich und dem brasilianischen Sao Paulo, mit zuerst sachten Liebesbezeugungen, der Sehnsucht nach der weiten Welt, der Schwangerschaft. Die 24-jährige Theologiestudentin aus dem bündnerischen Igis befindet sich – bis 8. September 1929 noch unverheiratet – in Brasilien, wo Gian Caprez eine Anstellung am Polytechnikum angetreten hat. Sie bereitet sich aufs Schlussexamen als angehende Theologin vor und fährt zu diesem Zweck nach Zürich. Sie erwartet ihr erstes von insgesamt sechs Kindern. Im Bündnerland feilt man unter anderem an Anstellungsmöglichkeiten für ledige Theologinnen rum – keine gute Ausgangslage für Greti Caprez, die sich in kluger, pointierter und mutiger Art auszudrücken vermag, zuweilen leicht stur, dann wieder unbeirrt, ungeheuer direkt ist, sich mit pointierten Statements Freunde und Feinde schafft, ihren sich selber vorgegebenen Weg geht.

In der Chronik «Die illegale Pfarrerin» ist eine Vielzahl von Fakten (Kirchengeschichtliches, Haltung der Familie, Briefwechsel, Gespräche mit Studierenden, wachsende Liebe, Reisen, Eigenberufliches) enthalten. Vieles ist von willkommener Direktheit geprägt. Nicht wenig ist – aus heutiger Sicht – schmerzlich.

Greti Caprez-Roffler sah sich schon als Zwölfjährige mit «revolutionsähnlichen Zuständen» (wie es im Buch heisst) konfrontiert. Teuerung und schlechte Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg steigerte die existenziellen Nöte der Arbeiterfamilien. Im November 1918 kam es zu einem landesweiten Generalstreik. Die Rhätische Bahn fuhr nicht mehr. Greti und deren Schwester bekamen den Auftrag, nach Chur zu laufen, um dringende Medizin zu beschaffen. Damals wütete die Spanische Grippe. Joos Roffler, Gretis Vater, lag mit hohem Fieber im Bett.

Über dessen Art steht viel geschrieben. Mit den eigenen Kindern ging er zuweilen nicht eben zimperlich um. Er äusserte sich zuweilen zu politisch Drängendem (Kirchliches Frauenstimmrecht, Anstellung von ledigen Theologinnen, Rolle der Frau in der Gesellschaft). Allerdings durften in diesen und späteren Jahren Theologinnen kein Pfarramt übernehmen – für Greti im Oktober 1930 eine bittere Erkenntnis. Sie kämpfte unbeirrt, kraftvoll. Es ist nachzulesen, was sie in Sao Paolo, vor der Geburt ihres ersten Kindes im Elternhaus und im Heim ihres Ehemanns Gian erlebte, durchlebte, andachte. Ihr war klar, dass sie als Pfarrerstochter in Igis immer eine Aussenseiterin bleiben würde. Immer häufiger sehnte sie sich nach Furna im Prättigau, nach ihren Grosseltern, die dort als Landwirte tätig waren.

Greti befasste sich mit Liebe unter Mädchen, Sexualfragen mit den Arbeiten als Theologin, mit Glaubensfragen. Ihre Schüchternheit war zuweilen ein riesiges Hindernis. Gastpredigten hielt sie in Furna und Igis, sie machte Krankenbesuche und hielt Taufgespräche ab und stieg im Oktober 1928 ohne Genehmigung der Landeskirche auf die Kanzel. Sie bat die Bündner, sie als Aushilfe zuzulassen – vergeblich.

Gian kehrte – endlich – aus Brasilien zurück, Mitte März 1931 traf er in Furna ein, war aber unter anderem in Zürich tätig. Greti Caprez wurde zur ersten vollamtlichen Pfarrerin der Schweiz gewählt. Der Anfang war unendlich schwierig. Die Leute aus Furna sahen die Anstellung mit eigener Logik und mutigem Engagement. Ein Bewohner meinte: «Wenn der Pfarrer einen Rock trägt, und das der einzige Fehler ist, behalten wir ihn.»

Greti thematisierte auch heikle Sachen, sie ging durch dick und dünn, arbeitete unentgeltlich, als das Kirchenvermögen von Furna auf obrigkeitliche Weisung gepfändet worden war.

Nach dem Studienabschluss ihres Mannes und dem zeitweiligen Umzug nach Zürich kam aus Chur für das Ehepaar ein – nun doch überraschendes – Stellenangebot für die Tätigkeit in den «Kantonalen Anstalten». Das Glück hielt wegen Kindererkrankungen, der Kündigung der Haushälterin und Unfällen nicht wie gewünscht.

Chur wurde verlassen, Gian nahm die Arbeit im zürcherischen Kilchberg für 19 Jahre auf. Der zweite dort tätige Pfarrer stellte sich quer, als es um die Arbeitsaufnahme von Greti Caprez ging.
Erst im Jahre 1963 wurde Greti Caprez im Grossmünster Zürich ordiniert. Im Jobsharing wirkte das Pfarrehepaar in fünf Gemeinden im Rheinwald.

Das gezeigte Filmmaterial, die Erläuterungen der Buchautorin Christina Caprez und die Beantwortung vieler Fragen und die Lesung rundeten das Bild dieser Frau ab. Nicht alles ist mit Worten erfassbar, was Greti Caprez gelebt und geleistet hat.