Grünstrukturen helfen Wildtieren beim Wandern

Wildtiere wie die Rothirsche, die weite Strecken wandern, stossen im Siedlungsgebiet immer wieder auf Hindernisse. Im Glarnerland arbeitet man daran, ihre Wanderrouten wieder instand zu stellen.



Mittels Fotofallen werden die nächtlichen Wanderungen von Rothirschen und anderen Wildtieren aufgedeckt und untersucht. Fotos © Kanton Glarus
Mittels Fotofallen werden die nächtlichen Wanderungen von Rothirschen und anderen Wildtieren aufgedeckt und untersucht. Fotos © Kanton Glarus

Spaziergängern ist es wohl schon aufgefallen: Quer über die Wiese zwischen dem Linthweg und Flugplatz Mollis verlaufen frisch geschaffene Streifen mit Sträuchern, breiten Krautsäumen aus einheimischem Saatgut, Totholz-Strünken, Sandstellen sowie Ast- und Steinhaufen. Bald wird diese Vielfalt am Wegrand mit den daran tummelnden Schmetterlingen und Wildbienen das Auge mit farbenfrohen, spannenden Beobachtungen erfreuen. Auch die Hermeline mögen die neuen Strukturen als gute Verstecke, von welchen sie auf dem Landwirtschaftsland auf Mäusejagd gehen können. Hinter der Aufwertung der Flächen steckt jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes – Grösseres. Das Geheimnis lüftet sich im Schutze der Nacht. Dann sind unsere grössten Glarner, die Rothirsche, und weitere Wildtiere am aktivsten. Sie wandern durch die Landschaft und brauchen dafür durchgängige Wege.

Wie Rothirsche wandern

Die über 1000 Glarner Rothirsche wandern mehrfach in ihrem Leben viele Kilometer weit. Im Frühling ziehen sie aufwärts in ungestörtere Bergwälder und -wiesen, immer der frischtreibenden Pflanzennahrung nach. Im Frühherbst lockt die Liebe und die stolzen Tiere bewegen sich zu ihren Brunftplätzen. Spätestens bei Wintereinbruch begeben sich die Hirsche wieder talwärts. Die Fettwiesen im Tal bieten eine attraktive Futterquelle und das Freischarren der Nahrung ist in den schneearmen Tieflagen einfacher. Die vermehrten Störungen in Siedlungsnähe nehmen sie notgedrungen in Kauf. Ab und zu wandern die Abenteuerlustigsten unter den roten Geweihträgern auch an neue Orte, denn dort können schmackhafte Nahrung und willige Artgenossen für die Paarungszeit entdeckt werden. Durch ihre Weitwanderungen sichern die Tiere den genetischen Austausch und verhindern Inzucht. Die Wildtiere bewegen sich beim Wandern in der Regel nicht zufällig im Raum. Sie folgen bestimmten landschaftlichen Strukturen und traditionellen Wanderrouten. Diese ergeben ein Vernetzungssystem, vergleichbar mit dem Strassen- und Bahnnetz der Menschen. Innerhalb dieses Vernetzungssystems gibt es Wanderstrecken, die durch menschliche Infrastrukturen oder vom Menschen intensiv genutzte Areale seitlich wie ein Korridor begrenzt werden. Solche Engpässe auf den Wanderrouten der Wildtiere bezeichnet man als Wildtierkorridore.

Wildtierkorridore – eine lange Geschichte

«Das Wanderbedürfnis der Rothirsche und anderer Wildtiere wurde in den vergangenen hundert Jahren durch menschliches Tun unwissentlich arg strapaziert», weiss Christoph Jäggi von der Abteilung Jagd und Fischerei des Kantons Glarus. Er führt dazu aus: «Jahrzehntelang gestaltete der Mensch seinen Siedlungsraum und das Kulturland nach seinem Gusto. Strassen und Autobahnen entstanden für die schnelle Mobilität. Die Dörfer wuchsen Gebäude um Gebäude sowie da und dort fast zusammen. Bäume, Hecken und Steine entfernte man aus dem Landwirtschaftsland, um die Bewirtschaftung zu vereinfachen.» Schleichend und unbewusst wurde so das Weitwandernetz der Wildtiere, die Wildtierkorridore, zerschnitten, mit Hindernissen verstellt und beeinträchtigt. In den 1990er-Jahren wurde die Problematik erkannt. «Auch im Glarnerland gibt es 17 bekannte Wildtierkorridore von lokaler bis überregionaler Bedeutung, wovon etwa dreiviertel beeinträchtigt oder ganz unterbrochen sind. Es laufen nun Bemühungen, die Durchgängigkeit für die Wildtiere zu erhalten und wiederherzustellen.», so Jäggi.

Von der Planung zur Umsetzung

Um der Problematik Rechnung zu tragen, wurden die Wildtierkorridore vor einigen Jahren raumplanerisch im Richtplan des Kantons Glarus erfasst. Als Wildtierkorridore prädestiniert sind die grünen Siedlungstrenngürtel zwischen den Dörfern, welche von allen Glarner Gemeinden auch aus historischen Gründen und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Landwirtschaft und die Naherholung bewahrt werden sollen. Als erste der drei Glarner Gemeinden hat Glarus Nord die Wildtierkorridore nun in ihre Nutzungsplanung aufgenommen. Kathrin Zweifel von der Fachstelle Natur- und Landschaftsschutz der Gemeinde Glarus Nord erläutert: «In Zusammenarbeit mit einem Wildtierbiologen wurde vor etwas mehr als einem Jahr ein Massnahmenkatalog erarbeitet, der aufzeigt, wo problematische Wanderpassagen vorhanden sind und was als Wanderhilfen dienen könnte.» Es zeigte sich, dass es mehr Strukturen braucht, die die Tiere sicher durch die Landschaft lenken, aber auch als Sichtschutz vor menschlichem Tun und störendem Licht dienen. Geeignet sind beispielsweise Baumreihen, Hecken, Krautsäume, Uferbereiche und weitere natürliche Strukturen, die genug gross sind. Massive Licht- und Lärmquellen sowie lange, hohe Querzäune, die die Fortbewegung hindern, sollten in Wildtierkorridoren zudem minimiert werden. «Da die Korridore in der Talebene oft durch ertragreich bewirtschaftetes Land führen, braucht es gute Absprachen mit den Grundeigentümern und bäuerlichen Pächter. Diese sind auch wichtig für die nachgeschaltete Pflege und den Unterhalt der geschaffenen Strukturen und werden dafür finanziell entschädigt», ergänzt Kathrin Zweifel.

Schritt für Schritt

Zurück zu den neuen Grünstreifen zwischen Linth und Flugplatz Mollis: Sie liegen mitten in einem beeinträchtigten Wildtierkorridor, der die Hangfüsse zwischen Netstal/Näfels und Mollis verbindet. Hand in Hand mit ökologischen Ausgleichsmassnahmen, die aufgrund der Umnutzung des Flugplatzes verfügt wurden, setzt man dort nun Verbesserungen für die Wildtiere um. Kathrin Zweifel dazu: «Auf der östlichen Seite der Linth wurden im Herbst 2025 insgesamt 700 Laufmeter Hecken mit Kleinstrukturen platziert. Als Leitstrukturen zeigen diese den wandernden Tieren einen möglichst stressfreien Weg durch die Siedlungsebene. Sie bieten aber auch vielfältige Lebensräume für Insekten, Amphibien, Reptilien, Kleinsäuger, Vögel und Pflanzen.» Die Aufwertung soll dieses Jahr westlich der Linth weitergehen. Als weitere natürliche Trittsteine und Ruheplätze dienen den Wildtieren in der Umgebung auch das Feldbach-Biotop, das aufgewertete Areal der ehemaligen Baumschule sowie die geplanten Aufwertungen des Bodenwaldbachs und des Mettlenseelis. Weiter nördlich am Fusse des Biberlikopfs hilft eine Wildbrücke, deren Bau dieses Jahr beginnt, über die Autobahn. So wird die Landschaft wieder Schritt für Schritt wildtierfreundlicher und die Ökologische Infrastruktur wird gestärkt.

Mehr Infos zu den Wildtierkorridoren im Kanton Glarus erhält man aktuell auf einer Themenwand im Naturzentrum Glarnerland. Wer Lust hat, kann dort ein kleines Stück Glarnerland für die Miniatur-Hirsche wildtierfreundlich möblieren. Weitere Infos unter www.naturzentrumglarnerland.ch.