Historische politische Bildertücher made in Glarus

Glarner Bildertücher erzählen und dokumentieren Geschichte. Der bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hochspezialisierte Tuchdruck (Zeugdruck) setzte in meist zeitnaher Folge auch immer wieder auf politisch motivierte Erzeugnisse zu historisch wichtigen Ereignissen im Ausland.




Einige sind in den Comptoir-Blättern von Daniel Jenny & Cie. Bereits ausführlich behandelt worden, nämlich in den beiden Ausgaben zu den «Tricolori Mouchoirs» von 1848 zur Revolutionspropaganda in Norditalien, dargestellt von Antoinette Rast-Eicher (2009), und zu den Dessins des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der Pariser Kommune (1871), dargestellt im ersten Band DESSINATEURS (I) von Daniel Aebli (2011). Diese dokumentieren eingehend den Zusammenhang der Ereignisse mit der aufmerksamen Beobachtung und raschen zeichnerischen und drucktechnischen Umsetzung der Glarner Tuchdruckfirmen. Der soeben erschienene zweite Band «DESSINATEURS II Russen, Osmanen und Bulgaren»setzt den Schwerpunkt auf den Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78, welcher sich hier auf bulgarischem Territorium abspielte und sich nachhaltig auf das Land, den Balkan und ganz Europa auswirkte.

Die beiden sowohl eigenständigen wie auch mit Querverweisen sich ergänzenden Bände DESSINATEURS (I) und II behandeln unter Berücksichtigung ornamentaler und figürlicher Rahmenwerke insbesondere die zentralen Motive von Porträts, Landschaftsszenerien und Schlachtendarstellungen der im Glarnerland (in der neutralen Schweiz) hergestellten Bildertücher. Für den Betrachter stellt der Autor seine Herangehensweise vor und versetzt die Darstellungen im künstlerischen wie auch im ereignisbezogenen Kontext in Bewegung. Als geneigter Leser begibt man sich direkt in die Handlung der Geschehnisse hinein. Separate farbige Bildtafeln der Entwürfe aus dem Comptoir-Archiv sind in beiden Bänden, lose oder als Beiheft, enthalten und dienen textbegleitend zur Anschauung und zu interessanten Vergleichen.

Zwei zeitnahe Karten zeigen die thematisierten Konfliktgebiete. Die historischen Hintergründe, kommentiert anhand zeitgenössischer Quellen und Illustrationen, werden auch mit Stilmitteln des damaligen Kunstverständnisses zum Ausdruck gebracht. Der Aktionskreis der Beschreibungen Daniel Aeblis findet sich in einem ergiebigen Personenverzeichnis, welches alle genannten Akteure aufführt und auf deren Einfluss und Handlungen im Text verweist.

Die in erweiterten Zusammenhängen dargelegte Betrachtungsweise der besprochenen Bildertücher im interdisziplinären Kontext der Kunst, Technik, Wirtschaft und Politik vor Ende des 19. Jahrhunderts beleuchtet nicht nur die Lage am Scheitel zwischen Orient und Okzident, zwischen christlich-byzantinischer und islamisch-osmanischer Kultur, sondern auch die sich verändernden politischen Machtverhältnisse, die sich in den Turbulenzen des darauf folgenden 20. Jahrhunderts fortsetzte.

Während zentral die Häupter der Herrscher standesgemäss porträtiert sind, und deren Sattelfestigkeit auf dem Prüfstand steht, sucht der Kunsthistoriker auch die Allegorien emanzipierter weiblicher Figuren auf, die als Siegerinnen metaphorisch stets mit Würde für Freiheit der Länder und Völker einstehen. Auch bei der dargestellten Auseinandersetzung zwischen Russen und Osmanen und deren Auswirkungen auf Bulgarien handelt es sich nicht nur um den faktischen historischen Kampf der Kulturen, sondern zielt mit den verfügbaren Mitteln der Kunst vielmehr auf die völkerübergreifende europäische Kulturverständigung.

* Der Autor Daniel Aebli, promovierter Klassischer Archäologe, lehrte bis zu seinem Ruhestand 2007 als Professor für Kunst

DESSINATEURS II: Russen, Osmanen und Bulgaren
Kunsthistorische Betrachtungen zu den Entwürfen für den Zeugdruck des 19. Jahrhunderts
Edition Comptoir-Blätter 12/13 2018
Format A4, 264 Seiten + Beiheft mit Farbtafeln, 24 Seiten
Erhältlich in der Baumwollblüte Daniel Jenny & Co. in Ennenda (Glarus)
Preis Fr. 35.– / zusammen mit DESSINATEURS (I) Fr. 50.–
ISBN 978-3-033-06776-9