Homöopathie und Garibaldis Fuss

Dass Garibaldis Fuss irgendwann mal im Hänggiturm des Mühleareals Schwanden zu einem beinahe abendfüllenden Thema werden könnte, hätte sich der arg verletzte italienische Generalissimo und Freiheitsheld nie vorstellen können.




Schon viele waren nach Schlachten an den Füssen verletzt, es drohte damals recht rasch die sofortige Amputation. Garibaldi hat es wegen des glarnerischen Homöopathen Dr. Samuel Zopfy und der in Buchform erschienenen Recherchen von Emil Zopfi kürzlich in den Hauptort von Glarus Süd verschlagen. Entstanden ist eine irgendwie leicht verrückte Geschichte, eine Vermischung von Fakten, Recherchen, Vermutungen, Betrachtungen und nach Reisen an den Ort des Geschehens. Dass dieses Begegnen möglich wurde, ist dem kreativen Vorstand des Kulturvereins Glarus Süd mit Präsidentin Ruth Tüscher zu verdanken.

Nach kurzen Begrüssungsworten an die zahlreichen Zuhörer, darunter eine Oberstufenklasse aus Näfels, den Hinweisen auf einen sorgsam vorbereiteten, nach der Lesung aufgetischten Apéro und einen eigens eingerichteten Büchertisch meldete sich Hansruedi Zopfi zu Wort. Er ist Präsident der gleichnamigen Stiftung, die Dr. Samuel Zopfy kurz vor seinem Ableben errichtete, um «seinen» Zopfis finanziell ein klein wenig unter die Arme greifen zu können. Er ahnte damals nicht, wie sehr sich die wirtschaftliche und soziale Lage dereinst ändern würde. Hansruedi Zopfi schilderte offen, wortreich, zeitkritisch, tat sich mit dem in der Stiftungsurkunde vermerkten Satz «Wahrheit hat allemal rumort» verständlicherweise schwer. Zopfi sprach über Sinn und Zweck dieser im Jahre 1891 gegründeten Stiftung, die es eigentlich gar nicht brauche. Er kam auf das damals in Kraft gesetzte, riesig fortschrittliche Arbeitsschutzgesetz mit den wichtigsten Bestimmungen (Kinderarbeitsverbot, Wöchnerinnenschutz und anderes) zu reden. Der Stiftungsgründer bestimmte einst, dass das Vermögen während 100 Jahren nicht angetastet und erst nachher die Zinsen ausgeschüttet werden dürften, dies an weibliche und männliche Glieder des Zopfi-Geschlechts, die über 20 Jahre alt sind und im Kanton Glarus Wohnsitz haben. Bezugsberechtigt sind heute gegen 40 Personen, die alljährlich etwa 40 Franken erhalten. Nach den Luchsingers waren die Zopfs bei der Stiftungsgründung das zweitstärkste Geschlecht in Schwanden. Die Stiftungsgründung, so der Redner, stand unter einem schlechten Stern. Waisenamt und Gemeinderat versagten komplett, schoben das hin und her, setzten Vorgegebenes in keiner Weise um. Es kam sogar zum Gang vors Gericht. Emil Zopfis neuestes Buch habe ihn zum gründlichen Studium der Stiftungsurkunde und anderem veranlasst. Von Dr. Zopfy fehlen Dokumente, Notizen, Protokolle – praktisch alles ist verschwunden. Sogar das Denkmal, das an den Dorfarzt, Tüfler, Homöopathen, Weinbauern, Chirurgen, Zahnarzt, Mitbegründer der heute noch bestehenden Schweizerischen Homöopathischen Gesellschaft, Verfasser eines gegen 700 Seiten starken Handbuchs, Landsgemeinderedner und Zeitungsschreiber, und sehr zeitkritischen Mitmenschen erinnert, ist laut Hansruedi Zopfi unauffindbar.

Dieser schillernden Person nahm sich der Buchautor Emil Zopfi an. Er wusste um Samuel Zopfy , wegen seiner einstigen Jugendjahre in Schwanden und Empfänger weniger Unterstützungen. Den Homöopathen Dr. Samuel Zopfy (1804 – 1890) lernten aufmerksame Leserinnen und Leser recht umfassend kennen. Er war einer, der sich in Sozialem nachhaltig und deutlich engagierte, an der Landsgemeinde auch dafür einstand. Er schaffte sich nicht nur Freunde. Zuweilen äusserten sich Skeptiker recht herablassend, nannten ihn einen «Wässerlidoggter». Es war vor allem die Kritik an seinem Hauptwerk, die ihn sehr verletzte. Dabei handelt es sich um ein 670 Seiten starkes Werk, das ein Jahr vor seinem Tod erschien und Zeugnis über sein 60 Jahre umfassendes Wirken ablegt. Samuel Zopfy stellte seine Gegner selten zur Rede. Liest man aus seinem bewegten Leben, kommt zuweilen Mitleid auf. Samuel Zopfy war im Alter immer angreifbarer geworden, er wollte und konnte seine Ideen nicht mehr durchsetzen. Es fehlten ihm die persönliche Kraft und die Hilfe von Freunden. Das Wirken in Schwanden nimmt im Buch verständlich breiten Raum ein. Dazu gehört auch Zopfys Stiftung samt Zweckbestimmung.

Garibaldis Fuss ist in diesem Kontext ein beinahe nebensächliches Geschehen. In der glarnerischen Presse wurde in Zusammenhang mit dieser Reise über eine Kuriosität geschrieben, die zu erklären sei. Weshalb der Glarner am 29. Oktober 1862 mit 16 weiteren, europaweit berühmtesten Ärzten in der ligurischen Hafenstadt La Spezia ans Krankenbett des leidenschaftlichen, unerbittlich kämpfenden, damals etwa 60 Jahre alten Freiheitshelden und Generals Garibaldi gerufen wurde, ist für Emil Zopfi nicht schlüssig beantwortbar. Es wird über Zopfys drei Tage umfassende Anreise und den Aufenthalt samt Verweilen am Krankenbett und der Abgabe seiner Empfehlungen samt Behandlungsmodalitäten berichtet. Die Amputation wollte Garibaldi unter allen Umständen vermeiden. Das hätte seinen Ruf als unerschrockenen, erfolgreichen Helden doch zu sehr in Mitleidenschaft gezogen. Zopfys Sachkenntnisse wurden von den anderen, weit berühmteren Ärzten kaum aufgenommen. Teilweise fehlten sie, wenn es ums Besprechen des Schicksals von Garibaldis Fuss ging. Auf die Amputation wurde nach eingehenden Gesprächen verzichtet. Man gewinnt den Eindruck, dass sich Zopfy in La Spezia nicht richtig verstanden fühlte.

Emil Zopfi gewährt Einblicke ins Leben eines bis anhin dochArtikel unbekannten Arztes. Er las aus Teilen seines neuesten Buches. Berührend war ein Kapitel über Samuel Zopfys Bestattung. Wahrscheinlich starb er an den Folgen eines Selbstversuchs nach dem Einatmen von Quecksilberdämpfen. Wenige Fragen aus dem Publikum konnten beantwortet werden. Dass die Zopfis in Italien Zoppi – die Hinkenden – genannt werden, nahm man mit Schmunzeln zur Kenntnis. Das Begegnen war ebenso interessant wie berührend.