«Krieg ist kein Freipass für sexuelle Gewalt»

Am letzten Dienstag referierte der Präsident des IKRK Peter Maurer über «Krieg und sexuelle Gewalt» im Anna-Göldi-Museum. Aber auch wie seine Institution den Opfern hilft und zudem präventiv tätig ist.



«Eine Frau wird auf dem Weg von ihrem Laden nach Hause vergewaltigt, ihr Mann verstösst sie deswegen, die Gesellschaft ächtet sie. Eine Geschichte, die immer wieder und überall auf der Welt vorkommt», schildert der Präsident des Internationalen Roten Kreuz Peter Maurer in seinem Referat im Anna-Göldi-Museum letzten Dienstag. Er meint damit, dass die Frauen somit gleich zweimal Opfer und von einem Augenblick auf den nächsten aus ihrem normalen Leben gerissen werden. Seit gut acht Jahren habe sich die Institution vermehrt der unsichtbaren Gewalt und so der sexuellen Gewalt gegenüber Frauen aber auch Männern in Konfliktgebieten gewidmet. «Ein grosses und völlig anderes Betätigungsfeld.» Hier müsse man viel diskreter und vorsichtiger vorgehen, da die Opfer auch später und gerade wenn sie sich öffnen, weiter gefährdet sind. «Hier braucht es vor allem sichere Räume und Umgebungen.» Neben der Betreuung der Opfer kümmert sich das IKRK auch präventiv um dieses Thema. «Nach den ersten Jahren können wir sagen, dass Prävention funktioniert.» Hier gibt es aber unterschiedliche Herangehensweisen zwischen staatlichen militärischen Organisationen und nicht staatlichen Gruppierungen. Offizielle Armeen seien stark hierarchisch geprägt und hier könne man viel mit Kursen und Trainings erarbeiten. Zum Zweiten müssen man genau darauf achten, wer hier den grössten Einfluss ausübt, und wie man hier die wichtigsten Werte vermitteln kann. Sehr speziell auch, so Maurer, dass Lieder und Sprüche eine grosse Wirkung hätten. «Es gibt hier eine signifikante Wechselwirkung zwischen den Wertesystemen, welche die Lieder und Sprüche transportieren und verübter sexueller Gewalt.»

Zu Beginn seiner spannenden und bewegenden Ausführungen spann der Historiker auch den Bogen zum Schicksal von Anna Göldi. «Auch wenn uns solche Geschichten schockieren, liegen ihnen oft die gleichen Ursachen zu Grunde.» Schwache Institutionen, korrupte Polizei und eine unsichere Gesellschaft, sieht er als Hauptursachen, dass das dünne Eis der Zivilisation einbricht.