Kirchen zeigen ihre vielfältigen Facetten

Mit Meditation, Musik, Worten und kreativem Gestalten haben die Kirchen von Netstal bis Schwanden am Samstag vor Pfingsten den «Geist Gottes wehen lassen». Die verschiedenen Anlässe boten Raum für neue Erfahrungen in der Gemeinschaft der Kirchen.




Ein erstes Mal spürt man den Pfingstgeist im ökumenischen Gottesdienst in der Fridolinskirche Glarus, gestaltet von Pfarrpersonen der Reformierten, Katholischen und Evangelisch-Methodistischen Kirche sowie vom Gospelchor Glarner Inspirational Singers. «Wir sind Tempel Gottes», sagt Pfarrer Hans-Walter Hoppensack in seiner Predigt.

Unvermutete Perspektiven und Horizonte

Im Fridolinsheim referiert Eva Schiffer, Dozentin für Philosophie und Englisch in Zürich, anschliessend über «Liebe und Freundschaft – warum die beiden ohne einander nicht lebensfähig sind». Denn die meisten Ehen gehen nicht aus mangelnder Liebe, sondern aus mangelnder Freundschaft zugrunde. Das Thema passe gut zum Tag der royalen Hochzeit in England, schmunzelt Pfarrer Peter Hofmann in seiner Einleitung.

Sokrates hat gesagt, dass Philosophen wie Stechfliegen seien. «Wir stören», sagt denn auch die Referentin. Aber nicht böswillig, sondern mit dem Ziel, unvermutete Perspektiven und Horizonte zu eröffnen: Philosophen versuchen, uns aus dem Tiefschlaf zu wecken – «Schatzsuche statt Fehlerfahndung».

Was macht uns denn glückstauglich? Ohne Freundschaft und Liebe gibt es laut Eva Schiffer kein «gutes Leben». Es braucht aber einen ganzen Strauss von Tugenden, um dies möglich zu machen. Zum Beispiel Freigebigkeit («Vertrauen auf Vorschuss»), Dialog, Humor, Takt, Musse und Geduld. Man muss auch mit sich selbst befreundet sein – aber nicht im Sinne von Egoismus, sondern von Selbstaufmerksamkeit. «Es geht darum, die eigene Stimme zu finden», so die Philosophin.

Um dialogisch zu leben, sind Spielraum, Kontextsensibilität, Differenz und Sprachempfindlichkeit Voraussetzung. «Manchmal ist es besser zu schweigen.» Und wie steht es um den Eros? Sein Wesen ist der Mangel, «das Streben nach dem, was man selber nicht ist». Man sehnt sich nach dem Dritten.

Witz ist ebenfalls zentral für Liebe und Freundschaft. Siehe die Perseus-Radierung von Paul Klee (1904), wo das Lachen im Wissen um die Abgründe des Menschseins die Oberhand behält.

Und schliesslich: Um freundlich zu sein, braucht es so etwas wie ein spielerisches Leben: «Wenn wir spielerisch leben, versuchen wir einen pfleglichen Umgang mit der Welt. So können wir Spiel- und Dialogräume öffnen, als Atemräume für Freundschaft und Liebe.» Denn wenn Liebe und Freundschaft nicht atmen können, haben sie keine Zukunft.

Die rund 100 Anwesenden danken der Philosophin mit einem langen Applaus für die spannenden, anregenden Gedanken.

Breites Angebot der Kirchen

Nach einem Apéro geht es in die verschiedenen Kirchen. Das Angebot ist vielfältig, die Auswahl fällt schwer. In Netstal gibt es Musik und Texte über Geist, Kultur und Pfingsten. In Glarus locken meditative Musik, Filme, Texte und Gebete in der Burgkapelle, kreative Gestaltungsmöglichkeiten zur Botschaft von Pfingsten in der evangelisch-methodistischen Kirche und eine Führung durch den Kirchenschatz der katholischen Kirche. «Open Hands», ein Workshop mit Handauflegen, wird in Ennenda angeboten. In Mitlödi laden Samuel Zünd, Pfarrerin Almut Neumann und Martin Zimmermann zum Schlagergottesdienst sein. Und in Schwanden kann eine Schweige-Meditation mit Impulsen und meditativem Gehen erlebt werden.

Ab 22.15 Uhr führt ein Sternmarsch mit Fackeln zur Stadtkirche in Glarus – selbst von Netstal macht sich trotz Regens eine Gruppe auf den Weg. Pfingstfeuer, Lied, Gebet und Gedanken erwarten sie vor der Kirche. Organistin Lara Schaffner begeistert mit ihrer Orgelsoirée um 23.00 Uhr noch rund 50 Mitfeiernde.

Ein gemeinsames Nachtkaffee in der Stadtkirche bis nach Mitternacht bildet den Abschluss der 2. ökumenischen Nacht der Kirchen. Mit Tradition und Experiment hat sie wiederum in gelungener Art den Geist Gottes wehen lassen.