Klischee Alter – Gegensteuer dank Pro Senectute und Referaten

Um ewigen Klischees, also eingefahrenen, festen und nicht immer schlauen, festgefahrenen Meinungen entgegenzutreten, luden die Pro Senectute Glarus, das Departement Finanzen und Gesundheit und die Alzheimervereinigung zu einer Vermischung von Kurzreferaten, Musikalischem und Podiumsgespräch ein.




Der Anlass in der Aula der Kanti Glarus war bemerkenswert stark besucht. Peter Zimmermann, Leiter der Pro Senectute Glarus, begrüsste Departementsvorsteher Rolf Widmer, Landammann; Peter Gross, Soziologe, Autor und Publizist; Esther Girsberger, Unternehmerin und Publizistin, Moderatorin des Abends, Beatrice Tschanz, Kommunikationsberaterin, ehemalige Kommunikationschefin SAir Group und Betty Legler, Musikerin, Unternehmerin. Für das Entgegennehmen und Beantworten von Fragen aus dem Publikum blieb zu wenig Zeit. Plattform für einen regen, den Abend abschliessenden Gedankenaustausch war der Vorraum der Aula samt Apéro.

Mit gängigen Klischees, das sei vorweggenommen, wurde gründlich aufgeräumt. Zum «Alten Eisen» gehören nur jene, die das auch glauben, Inanspruchnahme fast aller Hilfsangebote ist ganz vielen fremd; Ausharren in den eigenen vier Wänden und das Warten auf irgend etwas Aussergewöhnliches kennen nur wenige; Rückzug vom Alltag und tiefe Resignation ist für viele ein ebenso grosses Fremdwort wie ständiges Gemotze und Rumnörgeln; der Aufenthalt im Heim wird nicht herbeigewünscht, damit es dann besser gehe; es legen nicht viele ihre Hände in den Schoss und leben damit Untätigkeit.

Mit solchen und weiteren «Tatsachen» wurde gründlich aufgeräumt. Willkommen Gegenteiliges kam zur Sprache. Es waren Fakten, die ganz viele kennen, die sie im Alltag leben. «Es isch nüd eifach wie `s ebe isch» – auch wenn man das hin und wieder zur Kenntnis zu nehmen hat. Man wird langsamer, komplizierter, vielleicht auch ruhiger. Stürmisch und ziellos wird nicht mehr drauflosgestresst. Man kann sich genaues und bedachtsames Planen durchaus erlauben, auch mal dezidiert ablehnen, wenn es angezeigt ist. Man muss nicht in überbordenden Aktivismus verfallen, um zu beweisen, dass man einfach enorm gut, ja fast unentbehrlich ist. In langen Jahren der Beschäftigung und Aufwachsen der eigenen Kinder hat man einen grossen Erfahrungsschatz gewonnen, den andere gerne in Anspruch nehmen, den man auch gerne weitergibt.

Die Statements der Eingeladenen waren stets ehrlich, wurden mit viel Aufmerksamkeit mitverfolgt und zum Teil wohl auch verinnerlicht. Neue Erkenntnisse hat man kaum gewonnen, man erhielt vielmehr Bestätigung und Aufmunterung, eingeschlagene Wege weiter zu begehen, nicht einfach kritiklos und ständig kopfnickend durch den Alltag zu laufen.

Klischees, so Peter Zimmermann, Stellenleiter der Pro Senectute Glarus, prägen zwar unsern Alltag, aber in vielen Langlebigen – wie sich der Soziologe und emeritierte Professor Peter Gross aus St. Gallen ausdrückte – ist ein riesiges Potenzial an Wissen, Einsatzwillen, Aktivitäten vorhanden. Das gilt es auszuleben. Klischees sind unangebracht, schmerzen zuweilen.

Esther Girsberger moderierte, forderte die Referierenden zu Stellungnahmen auf, liess nicht locker, hakte zuweilen nach. Landammann Rolf Widmer wandte sich gegen die Behauptung Girsbergers, dass die zwei Departemente Gesundheit und Finanzen eine etwa seltsame Kombination seien. Als «alt» eingestuft zu werden, sei nicht abwertend, sondern zuweilen gar ehrend. Widmer sprach zu älteren Arbeitskräften beim Kanton; zur Tatsache, dass ein Fünftel der Kantonsbewohner über 65 Jahre alt seien und dass dieser Anteil in den kommenden Jahrzehnten gewaltig steigen werde. Er äusserte sich zur gelebten Arbeitsmarktpolitik und zur Gesundheitspolitischem. Er äusserte sein Unverständnis, dass ältere Arbeitssuchende oft gar nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen würden. Er zeigte auf, dass in unserem Kanton die Palliativmedizin im Aufbau begriffen sei.

Peter Gross lebte vor, wie ganz vieles mit einer guten Portion Humor gemeistert werden kann. Verminderte Hörfähigkeiten sei dann nützlich, wenn man dem Blabla und unnützen, lauten Gesprächen aus dem Weg gehen könne. Und wenn man mit dem leicht eingeschränkten Sehvermögen über Unpassendes, Unnützes – wie es beispielsweise in vielen Medien vorgelebt wird – hinwegsehen könne, sei das gar nicht so schlecht. Alter – so der Publizist einiger bekannter, stark gelesener Sachbücher – sei doch eine echte Chance für die moderne, generationenübergreifende Gesellschaft. Alte Substanz sei und bleibe wertvoll, willkommen. Sie lebe. Gross unterteilte die gängigen Klischees in drei Gruppen – ab schmal bis XXL. Er unterlegte viele Beispiele. Palliativmedizin ist eine grossartige Sache. Altersgeiz begründete er mit der zuweilen verständlichen Angst um mögliche Beeinträchtigungen der eigenen Lebensqualität; kinderlose Gesellschaften seien ein riesiges Problem, Frauen könnten mit dem Altern besser umgehen als Männer; es ist erwiesenermassen wertvoll, wenn die verschiedenen Generationen miteinander leben; er verwahrte sich gegen das Klischee, dass Alte Schmarotzer der jungen Generation seien, erwähnte, dass gerade aus dem Segment der Langlebigen eine beachtliche Menge Steuern bezahlt würden, dass Junge und junge Familien riesig viel Unterstützung von den Alten bekämen, dass die Alten – die Langlebigen – viel wertvolle und nicht selbstverständliche Freiwilligenarbeit leisten.

Betty Leglerin, Musikerin und Unternehmerin, gewährt Neuen viel Platz, ist neugierig, suchend und als Unternehmerin im Bereich Management handelnd. Sie gehe zurück, um vorwärtszukommen. Sie war einst die Rocklady der Schweiz und ist gar nicht traurig, nicht mehr ständig im Rampenlicht stehen zu müssen. Sie will bewusst nicht an alte, erfolgreiche Zeiten anknüpfen, das irgendwie weiterführen. Sie will entwickeln, Neues anpacken, pröbeln, Angedachtes umsetzen, zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Sie denkt in überblickbaren Zeiträumen von vielleicht zehn Jahren, bezieht das Altern logischerweise mit ein. Sie schaue zuversichtlich nach vorn, werde sich inspirieren lassen, Interessantes entdecken – obwohl das und andere vorher getätigte Aussagen auch wieder klischeebehaftet sind.

Beatrice Tschanz, längst im Rentenalter, ist eine jener Langlebigen, die mit dem Grounding der Swissair weltweit bekannt wurde, vieles zu kommunizieren hatte, wozu ihre damaligen Vorgesetzten nicht willens oder fähig waren. Noch heute werde sie darauf angesprochen – das sei manchmal echt nervig. Damit ist sie aber nicht zur «Ikone der Krisenkommunikation» geworden. Sie könne es durchaus mal ruhig nehmen, Gelassenheit vorleben. Aber auf Anfragen konsequent negativ zu reagieren – nur der eigenen Ruhe zuliebe – sei elend schwierig. Sie war – wie die weiteren Gäste – wohltuend offen und ehrlich.

Betty Leglers musikalische Aufwartungen waren willkommen, zeugten von Frische, Routine, Liebe zur Sache, hohem persönlichem Können. Gewandtheit im Umgang mit erwartungsfrohem Publikum. Man hörte gerne zu, innerlich schwang vieles mit – ganz jugendlich und temporeich.

Dann drehte sich auf dem Podium noch einiges um Tod und Sterbeprozesse, ums Beistehen, die Freiwilligenarbeit, das kompetente Organisieren, die Dauer der beruflichen Arbeit, Armut im Alter. Peter Gross meinte: «Wir brauchen den Zusammenschluss der jungen Rebellen mit den Alten, die noch etwas können!»

Für Fragen aus dem Publikum fehlte die Zeit, man verharrte im Foyer, genoss Leckeres, hatte noch viel anzusprechen. Es war ein guter Abend mit interessanten Inputs.