Köbi Schnyder und seine beschwerliche Alpabfahrt

Fernab vom grossen Rummel um die Alpabfahrten im Glarnerland findet diejenige von der Alp Aueren praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Obwohl die Alpabfahrt vom Sentenbauer Köbi Schnyder wohl eine der gefährlichsten und strengsten schweizweit sein dürfe.




Es ist für alle Sentenbauern, Älplerinnen und Älpler von Gesetzes wegen Vorschrift, die von ihnen gepachteten und besetzten Alpen auf Ende des Monats September hin zu verlassen und mit ihrem Vieh ins Tal zu ziehen. Stichtag ist immer der 30. September. Am letzten, wettermässig perfekten Freitag herrschte von morgens in der Früh bis am späteren Nachmittag auf den Wiesen vor und neben dem Hotel Rhodannenberg ein emsiges Treiben, ein Kommen und Gehen von Bauern, Älplern und Schaulustigen. Zum ersten Mal fand dort gleichzeitig mit der diesjährigen Alpabfahrt ein Älplermarkt statt. Dank der grossen Medienpräsenz im Vorfeld und am Alpabfahrtstag selbst fand sich bereits frühmorgens viel Publikum beim «Rhodannenberg» ein. Sie kamen in hellen Scharen per Postauto, mit Privatautos, zu Fuss oder mit dem Velo, um dem Spektakel mit den Vorschellen und Glocken behangenen und mit farbenfrohem Kopfschmuck geschmückten Kühe und Rinder und den kaum zu bändigen Ziegen beizuwohnen. Sogar ein Fernsehteam aus Indien war auf dem Platze und filmte pausenlos den Durchzug der vier Senten von den Alpen Chäseren-Bächi, Hinterschlatt, Deyen und Oberlängenegg.

Bei dem ganzen Rummel kommt aber einer immer, und dies schon seit Jahren, etwas zu kurz, dies obwohl seine Alpabfahrt wohl eine der anspruchsvollsten, strengsten und auch gefährlichsten schweizweit sein dürfte. Wir sprechen von Sentenbauer Köbi Schyder-Landolt, der hoch oberhalb des Dorfes Netstal seit 23 Jahren erfolgreich die Alp Aueren bewirtschaftet. Dort oben an den Wiggiswänden, fernab vom grossen Rummel, spielt sich zum gleichen Zeitpunkt wie im Klöntal noch weit Spektakuläreres ab. Hier bereiten sich Köbi und seine Familie sowie freiwillige Helferinnen und Helfer auf ihre Alpabfahrt vor. Und die hat’s im wahrsten Sinne des Wortes in sich! Bereits bei den Vorbereitungen sind beachtenswerte Unterschiede festzustellen. Köbi darf beispielsweise seinen Kühen keine riesigen Vorschellen oder bunten Blumenschmuck umhängen. Das wäre bei dieser Topografie und die Bewältigung eines Höhenunterschieds von über 1000 Metern in kurzer Zeit mehr als ein gefährliches, vor allem unzumutbares Unterfangen für Mensch und Tier. Köbis Aufmerksamkeit und Konzentration gilt deswegen in erster Linie voll und ganz seinem Vieh und dem äusserst beschwerlichen Abstieg von der Aueren-Alp nach Netstal. Der nicht ungefährliche Weg oder Pfad führt durchwegs durch sehr steiles Gelände über felsige Platten, schmale Wegpassagen und hohe, treppenartige Stufen. Alle Beteiligten müssen deshalb hellwach sein. Der kleinste Fehltritt könnte verheerende Folgen haben. «Das sötsch ämal gsii», meinte Köbis Ehefrau Hedi zum Schreibenden. «De seggled vu z‘oberscht bis z‘underscht imänä horrendä Tempo, über Stogg und Stei, und mir sind d’rzwüschet. Da muesch uufpassä, we nä Häftlimacher.»

Die Abfahrt mit rund 30 Milchkühen, 20 Rindern, 15 Ziegen und einem Maultier samt Kollege wird jeweils von Köbi akribisch vorbereitet und bedarf einer grösseren Anzahl von Helferinnen und Helfern. Zum Glück darf der stets aufgestellte, fröhliche Sentenbauer seit Jahren auf treue Mithelferinnen und -helfer zählen, die ihn bei seiner beschwerlichen Abfahrt von der Aueren-Alp tatkräftig unterstützen. Glücklicherweise hat an diesem Freitag, 30. September, alles bestens funktioniert. Köbi und seine Leute sind zwar ziemlich müde, aber glücklich und zufrieden über die unfallfreie Abfahrt am Zielort angelangt. Mit einem Kaffi mit Güggs wurde nochmals auf den schönen Alpsommer 2016 angestossen.