Kolumne: Alles neu macht der Mai

Im Wonnemonat Mai verspüren viele ein Gefühl von Neubeginn. Erwartung und Hoffnung dominieren.



Mai 2026: Die Eisheiligen haben wieder einmal voll zugeschlagen. (Bild: Madeleine Kuhn-Baer)
Mai 2026: Die Eisheiligen haben wieder einmal voll zugeschlagen. (Bild: Madeleine Kuhn-Baer)

Der fünfte Monat im Jahr ist unglaublich. Wir feiern den 1. Mai, Landsgemeinde, Muttertag, Auffahrt und Pfingsten. Vielleicht zusätzlich eine Hochzeit und Geburtstage. Dazwischen drücken die kalten, regnerischen Eisheiligen zwar etwas aufs Gemüt, aber die grundsätzlich optimistische Stimmung vermögen auch sie nicht wegzubrechen – obwohl sie dieses Jahr wieder mal voll zugeschlagen haben.

Eigentlich erstaunlich: Der Frühling hat ja kalendarisch bereits im März begonnen. Dennoch verbinden die meisten die schönsten Frühlingstage mit dem Wonnemonat Mai. Letzterer Begriff ist übrigens abgeleitet vom althochdeutschen Weidemonat und beschreibt die Zeit, in der das Vieh wieder auf die Weide getrieben wird. Eine Wonne ist es trotzdem: Die Natur blüht und duftet nun besonders intensiv.

Für viele stellt sich im Mai ein Gefühl von Neubeginn ein – getreu dem deutschen Volkslied «Alles neu macht der Mai», welches Hermann Adam von Kamp vor mehr als 200 Jahren geschrieben hat. Es drückt die Freude und die Hoffnung aus, die mit dem Frühling verbunden sind. Es ermutigt uns, Altes loszulassen, neue Dinge auszuprobieren und uns zu verändern. Die Seele frisch und frei zu machen.

Jeder sonnige Tag erzeugt das Gefühl, man müsse ihn sinnvoll nutzen. Spazieren gehen, Freundinnen und Freunde treffen, draussen sitzen, das Leben geniessen. Kaum steigen die Temperaturen, verschwinden die Jacken und man trägt wieder Sonnenbrillen – auch bei bewölktem Himmel. Sogar ein erster Schwumm in der Badi oder im See wird gewagt, obwohl es eigentlich noch zu kalt dafür ist. Man bekommt den Eindruck, das Leben finde nun wieder ausschliesslich im Freien statt.

Irgendwie liegt ein Zauber über dem Mai, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ich habe mal gelesen, es sei der Monat des «Bald»: bald Sommer, bald Ferien, bald Leichtigkeit. Noch ist nichts ganz da, trotzdem oder gerade deshalb scheint plötzlich alles möglich. Erwartung und Hoffnung dominieren.

Aber es kann auch leise Melancholie entstehen in diesem Monat zwischen Aufbruch und Übertreibung. Er wirkt leicht, obwohl viele Menschen erschöpft sind. Man sollte jetzt glücklich sein. Wie aber kann ich das, wenn zum Beispiel Menschen um mich herum unheilbar krank sind?

So lebt der Mai vom Versprechen, nicht von der Erfüllung. Vielleicht tut es ja gut, einen Hauch von dieser optimistischen Stimmung zu spüren und sich kurz davon tragen zu lassen. Die Realität aber wird einen bald wieder einholen. Leider.