Kolumne: Dr «Schruubäzier»

Eigentlich hiess der mittelgrosse, eher schmächtige Mann am Kirchweg gleich vis a vis von unserem Hause Oswald Rhyner. Eines seiner Markenzeichen war seine Büsimütze, die er vermutlich auch noch im Bett trug. Im Weiteren war er ein Wunderfitz sondergleichen, «ä richtigs Gwünder», der über Jede und Jeden im Dorfe etwas zu erzählen wusste.




War irgendwo ein Anlass, der «Schruubäzier» war bestimmt mit dabei. Selbst bei meiner Gautschfeier in Glarus, von der nicht einmal meine Eltern wussten, wann sie stattfindet, war der «Schruubäzier» präsent. Gemeinsam mit seiner Frau, einer liebenswerten Dame, die uns Lausbuben aus der Nachbarschaft ab und zu feine «Nidelzeltli» zusteckte, wohnte das Ehepaar Rhyner friedlich und zufrieden mit Gott und der Welt in der gleichen Häuserreihe der damaligen Bäckerei und Konditorei Läderach, den Grosseltern des heute weltweit bekannten Schokoladenherstellers Jürg Läderach.

Irgendwann informierte mich meine sieben Jahre ältere Schwester Käthi darüber, unser Nachbar Herr Rhyner hätte einen Übernamen und hier im Dorf sei er bekannt unter dem Namen «Schruubäzier». Ich habe nie erfahren, warum Oswald Rhyner zu diesem Übernamen kam, aber bekanntlich waren Übernamen zur damaligen Zeit gang und gäbe. Er selbst hat sich über dieses blöde Anhängsel zeitlebens geärgert. Obwohl er immer versuchte, diesen nicht unbedingt vorteilhaften Übernamen zu ignorieren, tat er so, als wäre ihm dies egal. In Tat und Wahrheit war es ihm aber unangenehm. Vor allem dann, wenn ihm die Lausebengel aus der Nachbarschaft, zu denen ich auch gehörte, «Dr Schruubäzier suuft gärä Bier» nachgerufen haben. Da wurde er fuchsteufelswild. Das beweist auch die Tatsache, dass er sich einmal bei meinem Vater beklagt hatte, nachdem wir Jungs ihn wieder geärgert hatten. «Noch einmal, mein Sohn, den Herr Rhyner plagen und es gibt Strafexerzieren», war die ernstgemeinte Drohung meines Erzeugers. Was dies bedeutet, wusste ich nur zu gut. Im schlimmsten Falle war das wieder die Standardstrafe meines Vaters «Uhni Znacht i z Bett». Vaters Drohung war dann für mich Grund genug, den «Schruubäzier» über Monate hinweg in Ruhe zu lassen. Trotzdem wurde dieser nach einer längeren Pause so kurz vor der Geburtstagsfeier unserer Eidgenossenschaft wiederum zur Zielscheibe von uns Tunichtgute. Wieder einmal war es Aufgabe von Strassenarbeiter Rhyner, den Platz auf der Nordseite der katholischen Kirche mit seinem Reisbesen zu reinigen und den vielen Unrat und Abfall mit einer kleinen Holzschaufel in eine Holzkarre, von uns auch «Bänne» genannt, zu legen.

Und wie immer um diese Zeit kurz vor dem 1. August steckten in unseren Hosentaschen 5er-, 10er- und ein paar der teuren 50er-Chlepfer, von uns auch Kanonenkracher genannt, die wir jeweils nach intensiven Überredungskünsten jeweils bei Frau Böni-Rohner im kleinen Eisenwaren-Lädeli an der Hauptstrasse gekauft hatten. Allerdings hatte die lebenswerte Frau Böni, wie schon geschrieben, nämlich gar nicht gerne, wenn wir vor dem 1. August diese lärmenden, kleinen Dinger «i dä Hüüserä innä», wie sie jeweils sagte, abbrannten. Und diese Kanonenkracher hatten es, wie der Name schon sagt, tatsächlich in sich. Nach einer kurzen Abbrennzeit des Zünders explodierten diese mit einem Riesenknall, viel lauter als die 5er- und 10er-Chlepfer. Der Knall dieser Kanonenkracher war weitherum hörbar.

So kam es, dass der «Schruubäzier» während seiner Arbeit eine seiner verdienten Pausen einlegte und sich auf die Kirchenmauer auf dem nördlichen Kirchenplatz setzte, dort genüsslich seine Toscani rauchte, neben sich der Reisbesen und die Schubkarre stehend. Vom Teufel geritten kam irgendeiner aus unserer Gang auf die Idee, wir könnten doch den «Schruubäzier» mit einem unser Megachlepfer erschrecken. Um den grössten Effekt zu erzielen, sollte es eben einer dieser Kanonenkracher sein. Was wir damals nicht wussten, war die Tatsache, dass der «Schruubäzier» offenbar ein Herzleiden hatte. Zumindest tat er dies bei gewissen Gelegenheiten bei seinen engsten Freunden kund.

Nachdem der Entscheid, unserem Protagonisten einen Streich zu spielen, gefallen war, schlichen wir uns durch den mit Bäumen bestückten Kirchengarten von hinten an die Kirchenmauer. Einer von uns entzündete den Megachlepfer und warf diesen in die «Bänne», die neben dem «Schruubäzier» stand. Nach wenigen Sekunden gab es einen Riesenknall, verbunden mit einer schwarzen Rauchwolke. Wir rannten davon und ergötzten uns an dem, was folgte. Wohl noch nie in seinem Leben ist der «Schruubäzier» schneller weggerannt, Schubkarren und Reisbesen einfach hinter sich lassend. Erstaunlich für einen herzkranken Mann. Zum Glück für das Opfer, vor allem aber für uns, hielt die Pumpe von Oswald Rhyner. Weniger lustig war dann aber im Nachhinein, dass uns ein Passant gesehen und uns bei unseren Eltern verpfiffen hatte. Was nun im Hause Speck als Strafe erfolgte: Dreimal darf man raten!