Kolumne: Wurzeln

«Verwandte sucht man sich nicht aus, die hat man einfach», sagt man so landläufig. Pflegen kann und soll man die familiären Beziehungen trotzdem.



Plötzlich lebt die ältere Generation nur noch in unseren Herzen und nostalgischen Fotos weiter. Die Verwurzelung in der Familie aber bleibt. (Bild zVg)
Plötzlich lebt die ältere Generation nur noch in unseren Herzen und nostalgischen Fotos weiter. Die Verwurzelung in der Familie aber bleibt. (Bild zVg)

Kürzlich besuchte ich wieder einmal einen «Schöni-Treff», zu welchem Cousins und Cousinen mütterlicherseits geladen waren. 19 Personen waren angereist, um miteinander zu essen und vor allem die Gemeinschaft zu pflegen. Alle leben weit verstreut, eine Cousine gar in der Nähe von Salzburg. Doch auch sie hatte mit ihrem Partner die lange Anreise nach Hausen am Albis unter die Räder genommen, um mit dabei zu sein.
Wir sassen gemütlich beisammen, plauderten angeregt über uns und die Familie, schauten nostalgische Fotos an und gruben Anekdoten aus. Das Mittagessen zog sich hin, niemand war in Eile, alle genossen das Treffen sichtlich. Ein fakultativer Spaziergang zum Kindergarten und zu ehemaligen Wohnhäusern der Familie fand ebenfalls regen Anklang.
Am Schluss waren wir uns einig: Der Treff soll künftig jedes Jahr stattfinden. «Wir sind alle nicht mehr jung. Keiner weiss, ob in einem Jahr noch alle mit dabei sein können», sagte die Älteste in der Runde. Auch ich als Jüngste pflichtete ihr bei.
Schön war anschliessend das E-Mail eines Cousins, den die vielen unterschiedlichen Dialekte beeindruckt hatten. Glarnerdeutsch zum Beispiel töne für ihn wie «cantabile, poco risoluto, poco marcato», schrieb der ehemalige Musikdirektor aus Luzern, der notabene auch nach langen Jahren in der Zentralschweiz immer noch zürchert.
Das Treffen hat gezeigt, dass die verwandtschaftlichen Bande bestehen bleiben, auch wenn man einander nicht oft sieht. Schon bei den ersten Begegnungen beim Apéro stellte sich eine Verbundenheit ein, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, man spürte die gemeinsame Verwurzelung. Und Wurzeln sind wichtig im Leben. So wichtig, dass man sie auch pflegen sollte.
Schmerzlich bewusst wurde uns, dass von der älteren Generation niemand mehr lebt. Unsere Eltern sind alle gestorben. So können wir sie nicht mehr befragen über ihr Leben und die Geschichte unserer Familie. Bruchstückhaft bringen wir wohl das meiste noch zusammen. Aber leider nur bruchstückhaft. Deshalb mein Rat an die Leserinnen und Leser: Wenn Sie noch Eltern oder ältere lebende Verwandte haben, stellen Sie so viele Fragen wie möglich. Plötzlich ist die Generation weg, lebt nur in den Herzen und nostalgischen Fotos weiter. Für Fragen ist es dann zu spät. Wie bei uns.