Fragen um Werte und Ethik werden in unserer pluralistischen Gesellschaft immer wichtiger. In den letzten Jahren sind auch bei uns religiöse und kulturelle Einflüsse und Probleme entstanden, die wir so nicht gekannt haben. Diese Veränderungen lösen zum Teil Ängste oder Befremden aus, denen nur mit sachlicher Information und Bildung begegnet werden kann. Ethische und religiöse Kompetenz ist in der heutigen gesellschaftlichen Situation auch eine Notwendigkeit, um auf demokratische Weise zu sachgerechten Lösungen auf politischer Ebene zu gelangen.
Auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren
Die Reformierte und die Katholische Landeskirche des Kantons Glarus erachten die Revision des Bildungsgesetzes als guten Zeitpunkt, um auf die veränderte Situation zu reagieren. Sie haben deshalb in der Vernehmlassung die Aufnahme eines zusätzlichen Bildungszieles in Artikel 2 angeregt: die Förderung der Kompetenz im Umgang mit religiösen Fragen und Traditionen, die für das Verständnis der Gesellschaft und der heutigen Welt wichtig sind. Mit diesem Bildungsziel sollen einerseits einheimische Lernende mit ihnen unbekannten Religionen und Kulturen bekannt werden, andererseits sollen aber auch den eingewanderten Lernenden die christlichen Werte vermittelt werden, welche die Basis unserer Kultur und unseres Zusammenlebens bilden.
Regierung, landrätliche Kommission und Landrat haben auf die Aufnahme verzichtet, um die Teilrevision nicht auszuweiten. Gemäss Landsgemeindememorial habe zudem eher der für den Lehrplan zuständige Regierungsrat darüber zu befinden. Die beiden Landeskirchen sind aber der Ansicht, dass das wichtige Anliegen als Bildungsziel ins Bildungsgesetz aufgenommen und nicht auf die Ebene des Lehrplans delegiert werden soll. «Es geht um Integration und um das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen in der Schweiz», sagt Stefan Müller, Präsident des katholischen Kantonalkirchenrates: «Jeder Schüler und jede Schülerin muss sich mit den vielfältigen Formen religiösen und kulturellen Lebens und den gesellschaftlichen Werten auseinandersetzen. Diese Aufgabe muss der Staat – sprich die Schule – übernehmen.»
Die kirchliche Beheimatung hingegen soll nach wie vor Sache der Kirche sein und im spezifischen kirchlichen Unterricht vermittelt werden. «Es geht also keineswegs um mehr Einfluss der Kirche, sondern im Gegenteil um eine Öffnung, die angesichts der multikulturellen Gesellschaft nötig ist. Nur mit einer sachlichen Information wird das Verständnis für andere Religionen und Kulturen gefördert», betont Gret Menzi, Vizepräsidentin des Reformierten Kantonalkirchenrates.
Bestrebungen auch in anderen Kantonen
Ähnliche Bestrebungen laufen derzeit auch in anderen Kantonen. Im Kanton Zürich beispielsweise wird ein Schulfach «Religion und Kultur» auf allen Schulstufen eingeführt. Der Kanton Graubünden steht vor einer Volksabstimmung, ausgelöst durch eine Ethik-Initiative der Jusos. Der Gegenvorschlag der Bündner Regierung sieht eine für alle Schüler obligatorische Lektion «Religionskunde und Ethik» vor, die dem Schulrat untersteht, plus eine Wochenlektion Religionsunterricht unter der Aegide der Landeskirchen.
«Die Thematik ist wichtig und aktuell. Deshalb wollen wir die Chance nutzen, das Anliegen jetzt als Bildungsziel ins revidierte Bildungsgesetz aufnehmen und nicht erst auf der Ebene des Lehrplanes lösen», so das Fazit der beiden glarnerischen Kirchenvertreter.




