Krise als Chance

Am Samstag, 21. März, luden die Glarner Landfrauen zum öffentlichen Informationsnachmittag zum Thema Burnout nach Ennenda.

Mentorin Agnes Betschart aus Küsnacht erzählte dabei offen von ihrer persönlichen Erfahrung mit der Krankheit.

 



(Bild:Barbara Bäuerle-Rhyner)
(Bild:Barbara Bäuerle-Rhyner)

Schliesse ab mit dem, was war, sei glücklich, mit dem was ist und offen für das, was kommt.» Mit diesen Worten begrüsst die Bäuerin und Mentorin Agnes Betschart auf ihrer Homepage coaching-fuer-veraenderung.ch. Im Gesellschaftshaus liess die vierfache Mutter teilhaben an ihren Leben vor, während und nach ihrer Burnout-Erkrankung.

Landwirtschaft stark betroffen

«Burnout ist ein wichtiges Thema, gerade in der Landwirtschaft. Wir haben mit 12% doppelt so viele Erkrankungen wie andere Branchen», eröffnet die 55-Jährige ihren Vortrag.

Ende Oktober 2014 erhielt Agnes Betschart die Diagnose. Drei Monate verbrachte sie in einer Klinik, neun Monate war sie 100% arbeitsunfähig und es dauerte dreieinhalb Jahre, bis sie wieder auf einem guten Energielevel war. «Ich habe sehr lange gewartet bis ich mir Hilfe geholt habe, und bin darum auch sehr weit unten gelandet.»

Ihr Landwirtschaftsbetrieb von 10,5 Hektaren bezeichnet sie als klein, aber aufwendig, da alles Land steil ist. Mit Mutterkühen und Schafen sowie Hochstammbäumen wird der Betrieb geführt, während ihr Mann zusätzlich als Klauenpfleger unterwegs ist.

Resultat 21 Jahre Energieverbrauch

Vor dem Burnout machte Agnes an vier Orten Freiwilligenarbeit, zusätzlich zum Betrieb und der Kindererziehung.

Gleich zu Beginn lässt sie die Anwesenden ein persönliches Ranking machen: «wer oder was ist das Wichtigste in meinem Leben?» Dabei wird nummeriert von Kindern, Arbeit Betrieb oder auswärts über Partner, ich, Geschwister, Freunde oder Eltern. Darauf kommt sie zum Schluss zurück.

Es sind engagierte, ehrgeizige Menschen, die oft über ihre persönliche Leistungsgrenze hinausgehen, die Burnout gefährdet sind. «Die körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung ist extrem», während des Kochens wurde Betschart teilweise so müde, dass sie sich hinlegen musste.

Erholung ist nicht mehr möglich, im fortgeschrittenen Stadion kann es zu einer starken Depression kommen, die sogar zur Suizidgefahr führt. Die sogenannte Erschöpfungsdepression kann zu bleibenden Schäden führen, so wird die Mentorin seit ihrer Erkrankung auf beiden Ohren von Tinnitus begleitet.

«Es ist kein Versagen oder Scheitern. Es ist das Verfolgen falscher Strategien. Diese werden mit bester Absicht verfolgt», so Agnes Betschart, die sich nie erlaubte schwach zu sein und den Glaubenssatz verfolgte, funktionieren zu müssen auch für alle anderen. «Mach schneller, dann geht noch mehr», war ihre Überzeugung.

Ein Burnout sei das Resultat von vielen Jahren, bei ihr waren es 21 Jahre Energieverbrauch, der sie vor über zehn Jahren einholte.

Von der Überholspur in die Leere

Es war der Ruf ihrer Seele – um Veränderung herbeizuführen, war ein Zusammenbruch nötig.

Hohes Engagement, hohe Erwartungen, geringe Veränderungsbereitschaft und Distanzierungsbereitschaft, Ängstlichkeit, externe Kontrollüberzeugung, defensive Problembewältigung und Perfektionismus sind persönliche Ursachen von Burnout.

«Ich war unterwegs wie auf der Autobahn», erinnert sich Betschart. Die vier Kinder in sechs Jahren waren im Betriebsalltag immer mit dabei, teilweise im Reisebett oben am Steilhang beim Heuen.

Angefangen habe es jedoch bereits in der Kindheit, als sie im Alter von vier Jahren der Überforderung der Mutter – in Folge ihrer kranken Schwester – bei der Hausarbeit entgegenwirkte. Bei Überforderung anderer Menschen zu übernehmen, wurde zum Muster, ein Muster, dass sie mit 44 Jahren aus der Bahn warf.

Maschine wäre längst kaputt

Die 12 Stadien eines Burnouts gehen vom Zwang, sich zu beweisen über die Umdeutung von Werten bis zum Rückzug, der inneren Leere und schliesslich einer völligen Erschöpfung.

«Heute weiss ich, dass es nicht gesund ist, Konflikte immer zu schlucken», blickt sie voller Dankbarkeit auf die Achtsamkeit, die sie durch die Krankheit lernen musste, zurück.

«Adrenalin und Cortisol habe ich in einer Menge ausgeschüttet, dass ich ein extremes Tempo an den Tag legte», erinnert sie sich daran, wie sie im Mai 2014 erstmals einen Hörsturz hatte. Gefühlt als billige Arbeitskraft blickte sie zudem einst beim Heuen nach unten zum Verlad des Heus durch den Transporter und dachte, dass eine Maschine längst kaputt wäre.

Für Betschart kam der völlige Zusammenbruch als sie nicht mehr fähig war, im Laden vor dem Regal sich für ihren Einkauf zu entscheiden. Das Warten auf einen Therapieplatz nach dem endlichen Besuch beim Arzt stellte die Überforderung der ganzen Familie weiter auf eine harte Probe.

Max 50 Minuten verplanen

«Mir geht es heute wieder gut, obwohl ich sehr weit unten war. Aber ich durfte ganz viel verändern», legt sie den grösstenteils aus der Landwirtschaft kommenden Zuhörer/-innen nahe.

Die Krücke Antidepressivum könne ein erster Schritt sein, um wieder auf ein Niveau zu kommen, auf dem man überhaupt an sich arbeiten könne. In der Klinik schliesslich wurde ihr sogar kaltes Essen untersagt, da nach den Ärzten das Energielevel zu tief war, um kalte Lebensmittel im Magen aufzuwärmen.

13 Wochen Klinikaufenthalt und im Anschluss Betreuung durch die psychiatrische Spitex waren ein Teil der Genesung. Aber Verhaltensmuster und vor allem die Arbeitsbelastung im Alltag so zu gestalten, dass die psychische Gesundheut längerfristig bleibt, sei ein laufender Prozess. «Im Normalfall reicht ein gut. Müssen und schnell sind Wörter, die Druck auslösen», lädt sie ein, auch Ausdrucksweisen zu überdenken. Jährlich die Arbeitsbelastung zu überprüfen sei wichtig, denn irgendwann seien überall weniger Leute auf dem Hof aber die Arbeit bleibe die gleiche. «Immer grösser zu werden ist nicht das Rezept für alle», oftmals müsse zuerst der Karren an die Wand gefahren werden, bis sich etwas ändere.

Veränderung fängt bei Kleinigkeiten an. Wird heute bei Betscharts eine unaufschiebbare Arbeit am Sonntag erledigt, macht Agnes, und mittlerweile auch ihr Mann, ganz bewusst einen Tag unter der Woche frei.

«Veränderung ist wie Muskeltraining, man muss dranbleiben», sagt Agnes, die heute darauf achtet, nur 50 Minuten einer Stunde zu verplanen und auf Multitasking zu verzichten.

Die wichtigste Erkenntnis aus ihrer Burnout-Erfahrung ist die Verantwortung für sich selbst. «Ich muss keine Leistung erbringen, um etwas wert zu sein», lässt sie zum Schluss die Anwesenden ihr persönliches Ranking und der Platz des Punktes «ich» überdenken.