Krisenzeiten als Neuanfang und Untergang

Fridolin Jenny-Heer gründete sein erstes Textilgeschäft Mitten in der Krisenzeit der Kontinentalsperre. Krisenzeiten markieren Zäsuren in der Geschichte, auch bei den Schweizer Pionieren der Wirtschaft und Technik. So muss die Textilfirma Jenny Fabrics AG in Ziegelbrücke Ende August 2020 nach 186 Jahren ihre Tore schliessen. Die Corona-Krise hat ihr den Rest gegeben.



Doch, wo althergebrachte Unternehmen und Industrien ihren Niedergang erleben, wachsen auch neue Bereiche heran. So zeigt ein Blick in die Geschichte der Jenny Fabrics, dass ihr Gründervater Fridolin Jenny-Heer (1784–1857) bei seiner ersten Unternehmensgründung wesentlich von einer Krisenzeit profitierte.

Kindheit in der Fabrik

Am 15. September 1784 kam Fridolin Jenny im glarnerischen Ennenda zur Welt. Er wuchs zusammen mit seinen älteren Brüdern Bartholome und Kaspar auf. Sein Vater arbeitete als Postbote und Holzfäller. Nach einigen Jahren Schulbesuch arbeitete Fridolin Jenny in der kleinen Blaufärberei «auf dem Hohlenstein» in Glarus als Hilfskraft. Zu Hause musste er beim Handspinnen mithelfen.

Mitgründer einer Weberei

1808 gründeten die drei Brüder das Handwebereigeschäft «Barth. Jenny & Cie.». Dabei profitierten sie von der Kontinentalsperre Napoleons, die den Import von Baumwolle aus England untersagte und dadurch der Schweizer Baumwollindustrie Expansionsmöglichkeiten bot. Die Gebrüder Jenny arbeiteten während 20 Jahren zusammen, in denen Fridolin vorzugsweise als Handelsmann die Tücher in der Ostschweiz, aber auch in Italien absetzte.

Erste eigene Fabrik

Im Jahre 1827 trat Fridolin Jenny aus der Firma «Barth. Jenny & Cie.» aus, um 1828 in Glarus eine eigene Handweberei-Fabrik unter dem Namen «Fr. de Caspar Jenny» zu gründen. Im Unterschied zu seinen Brüdern sah er die Zukunft in einer mechanischen Baumwollspinnerei, zudem behagte ihm nach 20 Jahren die Rolle als Juniorpartner nicht mehr. Wie seine Brüder verkaufte er Rohtücher an Glarner Druckereien und auf Tüchermärkten in St. Gallen.

Gründung einer mechanischen Baumwollspinnerei

Für sein Vorhaben konnte Fridolin Jenny seinen Geschäftspartner David Enderlin als Mitinvestor gewinnen. Als Standort wählte Fridolin Jenny das Gebiet Ziegelbrücke, südlich des Linthkanals, in der damaligen Gemeinde Niederurnen gelegen. Bereits 1834 nahm die Spinnereifabrik den Betrieb auf. Die Spinnmaschinen kamen von der Maschinenfabrik «Joh. Jacob Rieter & Cie.» in Winterthur und von «Nicolas Schlumberger & Cie.» im Elsass. Letztere ersetzte Jenny 1860 durch solche von der Firma «Platt Brothers» in Oldham bei Manchester.

Ausgezeichnete äussere Bedingungen

Der Standort Ziegelbrücke zeichnete sich durch hervorragende Bedingungen aus: Die Linthkorrektion hatte neuen Boden geschaffen und den zentralen Transportweg zwischen Walen- und Zürichsee sicherer gemacht. Es war auch genügend Wasserkraft für den Antrieb der Maschinen vorhanden. Ab den 1850er-Jahren wurde sogar die Eisenbahnlinie in unmittelbarer Nähe zur Fabrik gebaut.

Konzentration auf die Spinnerei

Bald gab Fridolin Jenny den Handel mit bedruckten Tüchern zugunsten des Betriebszweigs der Spinnerei auf. Am 1. März 1836 gründete er zusammen mit David Enderlin die Firma «Enderlin & Jenny». Bereits 1838 erwarb Fridolin Jenny auf der Allmend von Niederurnen die stillgelegte Spinnerei «Zweifel & Weinhofer». Er funktionierte diese Fabrik in eine Grossspinnerei um. Eine Spezialität waren stärkere Garne, die durch Teilen einer Faser in mehrere Fäden hergestellt wurden. 1851 richtete er dort eine mechanische Weberei mit 300 Webstühlen ein. Er nutzte die Wasserkraft auch hier und ersetzte 1852 die alten Wasserräder durch leistungsfähigere Turbinen des Maschinenbauunternehmens «André Koechlin & Cie.» aus Mulhouse.

Kurzer Ruhestand

Im Jahre 1855 ging Fridolin Jenny in den Ruhestand, nachdem er die Führung der Firma «Enderlin & Jenny» bereits 1852 seinem Sohn Kaspar übergeben hatte. Auch David Enderlin trat aus der Leitung aus und übergab seinen Anteil seinen vier Söhnen.
Fridolin Jenny verstarb am 28. November 1857 in Ziegelbrücke.

Buchhinweis

Die Biographie von Fridolin Jenny-Heer ist zu lesen in:
Andréa Kaufmann: Spinnen – Weben – Drucken. Pioniere des Glarnerlandes, Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 99, hrsg. vom Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 2014.
www.pioniere.ch