Kultur, Wirtschaft, Kreativität – und jetzt?

Um die 83. Musikwoche mit dem Motto «Und jetzt» und die Strukturkrise in Glarus Süd in Verbindung zu bringen, standen das Inputreferat von Dr. sc. ETH Stephan Sigrist, Head W.I.R.E. (Web for Interdisciplinary Research and Expertise) zum Thema «Wie wir morgen leben» samt anschliessender Diskussionsrunde mit Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur dem Journalisten Jodok W. Kobelt als Moderator auf dem Programm.




Der Anlass, den ganzen Mittwochnachmittag füllend, war enorm gut besucht. Das Inputreferat und die Diskussion wurden den gesetzten Erwartungen nur zum Teil gerecht. Es kam eine ungeheure Fülle an Ansichten und Erkenntnissen zusammen, eine Fülle, die mit allen Inhalten fast zu gross, in vielem zu divergierend war.

Im Programm zu diesem Auseinandersetzen war eine Vielzahl bedeutsamer Aspekte aufgezählt. Was könnten Kunst und Kultur im Zusammengehen mit der Wirtschaft beitragen, um eine Gegend, die Krisen kennt – in diesem Falle Glarus Süd – zu stärken? Damit zusammenhängend wurde auch die Frage gestellt, wie Veränderungen der unterschiedlichsten Art (ökonomisch, ökologisch, kulturell) begegnet werden kann. Zudem ging es um die «Kreativwirtschaft» und die Schaffung und Verbreitung von kulturellen und kreativen Gütern und Dienstleistungen (Architektur, Design, Mode, Fotografie, Film, Art Directing, Multimedia, Webprogrammierung, anderes). Ist die Kultur in der Wirtschaft mehr als ein Imagefaktor? Im Raum stand damit eine Überfülle an Themen, die unmöglich abschliessend diskutiert werden konnten. Mit einer gewissen, verständlichen Skepsis wurde im «Bsinti – Lesecafé und Kulturbar» Braunwald Platz genommen. Viele fanden sich ein. Praktisch jeder Stuhl war besetzt.

Vorne hatten Referent und Moderator mit jenen Personen Platz genommen, die zum Mitdiskutieren bereit waren. Es war eine hochkarätige Runde mit Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin der Architekturzeitschrift «Hochparterre», Verfasserin verschiedenster Fachartikel und Bücher, Tagungsleiterin und seit 2011 Mitglied der Gestaltungskommission Glarus Nord; Patricia Mattle, Master of Arts ( M.A. HSG) in Marketing, Dienstleistungen, Kommunikationsmanagement diplomierte Wirtschaftspädagogin, heute Leiterin des Autonomen Marktes im Bereich Vorsorge der AXA Schweiz in Winterthur; Regierungsrat Benjamin Mühlemann, Vorsteher des Departements Bildung und Kultur, Studium in Journalismus und Kommunikation; Kaba (Karin Barbara) Rössler, Leiterin des Stadtmuseums Aarau, Hartmut Wickert, Studium in Germanistik, Soziologie und Publizistik an der Universität Bochum, Direktor Departement Darstellen Künste und Film an der Zürcher Hochschule der Künste.

Der Moderator Jodok W. Kobelt ist Musikjournalist und Musikvermittler und freier Journalist.

Stephan Sigrist ist Gründer und Leiter des Think Tank W.I.R.E. Er schloss sein Studium in Biochemie an der ETH Zürich und ist seit Januar dieses Jahres Mitglied des Innovationsrates von Innosuisse, der Förderagentur des Bundes für wissenschaftsbasierte Innovation.

Der Referent ist überzeugt, dass eine intelligente Infrastruktur unser Leben angenehmer, vorhersehbarer machen wird. Dank intelligenter Umwelt werden Starträume gestaltet. Sigrist äusserte sich zur Vorstellung, dass digitale Hilfsmittel neu zu erfinden sind, dass verschiedene Produkte neuen Nutzen stiften werden. Seine Denkanstösse betrafen die Frage, wie wir morgen, in der Zukunft leben werden. Dazu braucht es Entscheidungsgrundlagen, Vernetzung. Sigrist kann und will keine fixe Prognose abgeben. Wichtig sind persönliche Entscheidungen und Beurteilungen. Wir können die Zukunft nicht vorhersehen, Technologieprognosen treffen nicht so zu, wie sie formuliert und erwartet worden sind.

In diesen Konsens rückte der Referent das selbstfahrende Auto. Regulatorische Tatsachen sind nicht geklärt. Es wurde aufgezeigt was nicht funktioniert, was versagt.

Sigrist formulierte Ziele, Es muss die Notwendigkeit bestehen, breiter zu denken, kritisches Denken und die Bedürfnisse der Menschen verstärkt ins Zentrum zu stellen. Er zeigte auf, was die Technologie für den Menschen machen kann. Das Thema «Digitalisierung» muss sehr differenziert betrachtet werden. Ein technologisches Fundament ist aufzubauen, es sind Anwendungsfelder für Menschen und Organisationen zu schaffen. Es wurden Vernetzen, Automatisieren, Virtualisieren und Realisieren aufgezählt. Digitale Wegweiser vermögen zu sensibilisieren. Der Einbezug eines Roboters ist durchaus denkbar, funktioniert auch (Arbeitsübernahmen, Produkteoptimierungen). Was Sinn macht, ist Thema des vernetzten Auseinandersetzens. Der Austausch mit künstlicher Intelligenz ist denkbar. Es können Arbeiten ausgelagert werden, aber jede Leistungsfähigkeit hat ihre Grenzen. Ein Strukturwandel wird sich ergeben. Bessere Entscheidungsgrundlagen im Informationszeitalter werden komplexer. Gewisse Verhaltensformen müssen optimiert werden. Sigrist zeigte auf: Je grösser die Komplexität wird, umso grösser ist auch die Überforderung.

Der Referent fasste zusammen:

Flexible Arbeitszeiten
Neue Möglichkeiten für Familien- und Karriereplanung
Ethische Richtlinien
Neue Wohnformen
Steigende Lebenserwartung
Höhere Dynamik und mehr Komplexität
Chancen für dezentrale Lebensräume
Stärken der Eigenverantwortung
Grundlagen für Wissenschaft und Politik schaffen mit klar übergreifenden Strukturen

Deshalb muss über gesellschaftliche Leitlinien bestimmt werden, Arbeits- und Bildungskonzepte sind neu zu gestalten, Sozialleben zu Freizeit sind zu stärken, die physische Infrastruktur ist auszubauen.

Und tröstliche Basis dieses Entwickelns ist vielleicht «Computer aus – Hirn an».

Über die Podiums- und Publikumsdiskussion wird separat berichtet.