Landsgemeinderede von Landammann Andrea Bettiga

Die diesjährige Landsgemeinde begann mit den folgenden Worten des Landammanns Andrea Bettiga:




Hochgeachtete Frau Landesstatthalter

Hochgeachtete Damen und Herren der administrativen und richterlichen Behörden

Hochvertraute, liebe Mitlandleute

 

Auch heute hat sich das Glarner Volk wieder versammelt, um unter freiem Himmel zu raten, zu mindern und zu mehren.

Gemeinsam stehen wir hier und entscheiden, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen.

Eine Zukunft, die leider immer wieder von Unsicherheit geprägt ist. Es scheint mir manchmal so, als sei die Welt etwas aus den Fugen geraten. Sie ist schnelllebig und komplex. Die Gesellschaft kommt nicht zur Ruhe. Es wirkt, als ob die Welt nach ihrem verloren gegangenen Gleichgewicht sucht.

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist seit einiger Zeit in aller Munde. Der rasche technologische Fortschritt verändert das Verhalten von uns allen.

Die Vernetzung von Menschen, Maschinen und Produkten generiert eine riesige Datenmenge, eröffnet unzählige neue Möglichkeiten und bringt uns Konsumentinnen und Konsumenten (angeblich) günstigere, transparentere und bequemere Angebote.

Gleichzeitig wirft die Erhebung von Massendaten Fragen auf. Wer erhält meine persönlichen Angaben und wozu werden sie gebraucht?

Der Datenschutz wird immer strenger gehandhabt; gleichzeitig offenbaren sich täglich mehr Menschen auf allen möglichen Internet-Plattformen.

Oft werden Ressentiments und Hass verbreitet. Es wird gegiftet und der Empörung über alles Mögliche und Unmögliche Ausdruck verliehen. Wir wissen oftmals nicht, was Fakt und Lüge ist.

Diese Ambivalenz, dieser Spannungszustand, führt zu Unsicherheit, einem Verlust von Orientierungspunkten und Identität.

Wer bin ich? Wo bin ich zu Hause?

Was stimmt jetzt und was nicht? Wem sollen wir vertrauen?

Der Klimawandel, die gegenwärtige, vor allem durch den Menschen verursachte globale Erwärmung, beschäftigt uns in den letzten Monaten zusehends. Hier sind wir – über alle Parteigrenzen hinaus – gefordert, Nachhaltigkeit zu leben.

Aber nicht einfach für Greta Thunberg und ihre Mitkämpferinnen und Mitkämpfer oder weil es gerade so modern ist, zu demonstrieren.

Nein! Um Barack Obama zu zitieren: «Wir sind nicht die letzte Generation, die den Klimawandel erleben wird, aber die letzte, die etwas dagegen tun kann.»

2019 ist ebenfalls ein Schicksalsjahr für die Weltpolitik. Die Briten verlassen die EU mit viel Gezanke, wachsender Nationalismus schwächt die Rolle der EU in der Welt und Donald Trump hat schon seit einiger Zeit seine Devise ausgegeben: «America first». Hat der Bündnisgedanke ausgedient? Wer ist Kontrahent, wer ist Partner? Ist sich tatsächlich jeder selbst einfach der Nächste?

Auch das Verhältnis der Schweiz zur EU wird im Rahmen des institutionellen Rahmenvertrags zurzeit auf eine harte Probe gestellt. Die EU – aus dem Gedanken der Einigkeit entstanden und zum Ziel der Friedensförderung geschaffen – sie wird mehr denn je infrage gestellt.

All diese Entwicklungen und die dazu teilweise mit grosser Vehemenz geführten Diskussionen haben in letzter Zeit polarisiert, zersplittert und entsolidarisiert. Ein baldiges Ende mit akzeptierten Lösungen ist nicht abzusehen – auch wenn es sehr zu erhoffen wäre.

Was für ein Kontrast bildet da unsere Landsgemeinde!

Hier an diesem Ort kommt die Glarner Bevölkerung zusammen, um über ihre eigene Zukunft zu befinden. Der Ring, seit Urzeiten ein Symbol für Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, vereint uns. Die Landsgemeinde bildet Teil der Glarner Identität. Unabhängig von gesellschaftlicher Herkunft, Religion und politischer Gesinnung!

Wir hören einander zu. Kämpfen um Lösungen. Akzeptieren die Ansicht anderer und beugen uns zum Schluss der Mehrheit. Jede und jeder Stimmberechtigte kann sich einbringen, hat eine hörbare Stimme.

Die Landsgemeinde ist damit mehr als nur ein Beispiel einer demokratischen Form. In ihr kommt das wohl höchste Privileg eines freien Bürgers in einzigartiger Weise zum Ausdruck: Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft!

Mit dieser Urteilsfähigkeit als Fundament entscheiden wir gemeinsam – nach dem Abwägen aller Argumente – über unsere Zukunft. Dies lässt sich durch Nichts aufwiegen. Ich bin überzeugt, kein elektronisches Hilfsmittel wird die Integrations- und Überzeugungskraft der Landsgemeinde ersetzen können.

Die hier gelebte Qualität der Willensäusserung ist wertvoll und unvergleichbar. Sie stehen hier und sind bereit, Ihre Meinung offen kundzutun. Nicht klandestin im Verborgenen, sondern offen, ehrlich, standhaft und mutig. Das zeugt von Vertrauen und Respekt unter Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Gleichzeitig nehmen Sie Eigenverantwortung wahr. Etwas, das in unserer Zeit nicht selbstverständlich ist.

Das ist Landsgemeinde. Das sind wir. Wir sind Landsgemeinde!

Hochvertraute, liebe Mitlandleute!

Victor Hugo, der grosse französische Literat, war der Ansicht: Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das «Unerreichbare», für die Furchtsamen das «Unbekannte», für die Mutigen die «Chance».

Packen wir also unsere Chance!

Legen wir die Unsicherheit beiseite und schreiten mit Mut und Gottvertrauen voran! Eigenschaften, die uns Glarnerinnen und Glarner seit jeher eigen waren und auch die heutige Landsgemeinde prägen sollen.

Lassen Sie uns jetzt raten, mindern und mehren in Freiheit und Verantwortung. Und so hoffen wir, dass es uns auch heute gelingt, die traktandierten Wahl- und Sachgeschäfte zum Nutzen und Gedeihen unseres Kantons zu treffen.

In diesem Sinn bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes und erkläre die Landsgemeinde 2019 als eröffnet.