«Einige werden vielleicht erst im Herbst mit der Lehre beginnen»

Die Corona-Krise trifft auch die Wirtschaft im Glarnerland schwer, und dies in einem Zeitpunkt in welchem auch viele Jugendliche auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. Welche Auswirkungen hier bevorstehen können, darüber hat glarus24 mit Patrick Geissmann, Hauptabteilung Höheres Schulwesen und Berufsbildung, gesprochen.



glarus24: Wie beurteilen Sie zurzeit die Situation im Lehrlingswesen kurz- und mittelfristig? Haben wir genügend Ausbildungsplätze respektive interessieren sich genügend Schulabgänger für einen Ausbildungsplatz?

Patrick Geissmann: Im Kanton Glarus ist die Berufsbildung in der Bevölkerung und bei den Betrieben tief verwurzelt. Mittelfristig sind hier im Kanton daher keine relevanten Verschiebungen in der Summe der Ausbildungsplätze in den Betrieben oder in der Anzahl Jugendlicher zu erwarten, welche eine Lehrstelle suchen.

glarus24: Es wird immer wieder erwähnt, dass bereits mündlich vereinbarte Lehrverträge nicht abgeschlossen respektive unterschrieben werden. Ist dies zutreffend und wenn ja aus welchen Gründen?

Patrick Geissmann: Mündliche Vereinbarungen sind für uns nicht zahlenmässig erfassbar – ich kann daher zu diesem Punkt keine Aussage machen. Allerdings ist die Anzahl bei uns eingereichter unterschriebener Lehrverträge exakt im Mittel der Vorjahre. Diverse unserer Nachbarkantone melden im Rahmen der Schwankungsbreite sogar höhere Werte als im Vorjahr. Die meisten Jugendliche, die jetzt noch keinen Lehrvertrag haben und sich jetzt nochmals intensiv bemühen, werden noch einen Ausbildungsplatz finden – Unterstützungsangebote sind vorhanden. Da in gewissen Berufen der Rekrutierungsprozess aufgrund des Corona-Lockdowns um bis zu zwei Monate verzögert ist, werden einzelne Lernende allenfalls erst im September oder Oktober ihre Lehre beginnen können. Die Berufsfachschulen und Kurszentren werden sich daher darauf vorbereiten, dass dieses Jahr einige Lernende allenfalls erst ein paar Wochen später mit der Lehre starten.

glarus24: Lehrlinge sind die Zukunft der Glarner Wirtschaft und des Glarner Gewerbes. Besteht bei fehlenden Ausbildungsplätzen oder fehlenden Auszubildenden nicht die Gefahr, dass in zwei drei Jahren wir über einen Fachkräftemangel sprechend respektive uns beklagen müssen?

Patrick Geissmann: Es ist wichtig, dass der Ausbildung von Fachkräften weiterhin von Betrieben und Politik die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch im Hinblick darauf, Erwachsene durch laufende Aus- und Weiterbildung im und ausserhalb des Betriebes arbeitsmarktfähig zu halten. Gerade im Bereich der Erwachsenen fehlt noch das eine oder andere Unterstützungsangebot für Bürgerinnen und Bürger, aber auch für die Betriebe.

glarus24: Leider gehen in dieser CORONA-Zeit auch Firmen Konkurs wie zwei Beispiele Jenny Fabrics und Seidendruckerei Mitlödi zeigen. Was passiert mit den Lehrlingen, welche in diesen Firmen bereits mit der Ausbildung gestartet haben oder über einen gültigen Lehrvertrag verfügen?

Patrick Geissmann: Von so einer Situation betroffene Lernende werden im Kanton Glarus von der Berufsberatung und vom Case Management Berufsbildung eng begleitet. Für das von Ihnen genannte Beispiel von Jenny Fabrics ist auch anzumerken, dass dieser Betrieb die betroffenen Lernenden sehr vorbildlich bei der Suche nach einer alternativen Lehrstelle unterstützt. Es zeichnen sich deshalb bereits für einige Lernende Lösungen bei anderen Glarner Betrieben ab. Ich kann mich hier wiederum nur lobend über das Ausbildungsengagement der Glarner Betriebe äussern.

glarus24: Wenn die Zahl der Auszubildenden in nächster Zeit drastisch zurückgehen sollte, wie wirkt sich das auf die Berufsschule in Ziegelbrücke aus? Vor allem im Sektor Gastronomie und Küche?

Patrick Geissmann: Es ist kein Rückgang der Lernenden in der Summe zu erwarten, ausser allenfalls ein demografisch bedingter. Selbstverständlich wird es mittelfristig Verschiebungen zwischen den Berufen geben. Gerade aus diesem Grund ist es wichtig, den Berufsbildungsstandort Ziegelbrücke entsprechend flexibel auszugestalten. Wir wissen zwar nicht, welche Veränderungen zukünftig kommen werden, aber sicher ist, dass sie kommen.

glarus24: In der näheren Vergangenheit wurde immer wieder von Unternehmen beklagt, dass Lehrlinge die Ausbildung ohne wesentlichen Grund abgebrochen haben? War und ist das zutreffend und vor allem ist dieses Problem nach wie vor noch aktuell?

Patrick Geissmann: Wir Erwachsenen vergessen manchmal, welch fundamentale Veränderungen Jugendliche in einem Jahr durchlaufen. Teilweise werden Lehrverträge leider noch immer viel zu früh abgeschlossen, ohne dass die Jugendlichen Zeit erhalten, Beruf und Lehrbetrieb vor Vertragsabschluss ausgiebig kennen zu lernen. Zudem hat das breite Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten auch eine Kehrseite. Man kann allenfalls eben den Betrieb oder den Ausbildungsberuf problemlos wechseln, ohne dass die Gründe für allen Seiten nachvollziehbar sind.

glarus24.ch bedankt sich bei Ihnen für Ihre wertvolle Unterstützung und wünschen Ihnen und Ihrem Team weiterhin alles Gute. Bleibt gesund.