Lese-Tipp: Der Riese Melchior

Einst schrieb Eveline Hasler «Der Riese im Baum». Darin ist von Melchior Thut die Rede, einem sehr Grossgewachsenen aus dem Tierfehd, zuhinterst im Glarnerland. Die ursprüngliche Fassung richtet sich an Erwachsene. Später erschien das spannende Geschehen für Kinder – in spannenden, gefühlvoll aufgezeichneten Szenen. Andrey Fedorchenko, 1956 im russischen Kaliningrad geboren, ist der Illustrator. Er schuf Bilder, die begrüssenswert eigenwillig, farbenstark, verspielt und sehr gefühlvoll sind.




Dieser Melchior ging, wie andere Kinder auch, zur Schule. Sein Schulweg war lang, sehr lang. Melchior war zuerst so gross wie allen andern. Eveline Hasler merkt zu Beginn der packenden Geschichte an: «Doch ist nicht jedes Baby eine Wundertüte, man weiss nicht so recht, was aus ihm wird. Melchior sollte einmal … psst, es ist noch ein Geheimnis … einer der grössten Menschen in Europa werden. Ein Riese also? Ja, auch Riesen fangen klein an.»

Und damit geht die Geschichte um den noch kleinen Melchior los. Der Lehrer attestierte dem Knaben Tapferkeit und Schlauheit. Melchior weilte im Verlaufe seiner Jugendjahre oft auf der Alp. Als Sechzehnjähriger wurde er krank. Nach seiner Genesung setzte das unerwartete Wachsen ein. Alle Kleider waren plötzlich zu eng. Den Eltern wurde dieses Grösserwerden unheimlich. Melchior brauchte bald einmal einen riesigen Strohsack, sein Bett hatte im Wohnhaus nicht mehr Platz. Der Pfarrer aus Linthal besuchte den jungen Riesen. Melchior half überall, hatte einen riesigen Appetit, ass den Geschwistern und Eltern fast alles weg. Es gab Probleme über Probleme, die der Holzhändler Vögeli anlässlich eines Besuchs auf ungewohnte Art löste.

Melchiors Eltern erhielten Geld. Vögeli versprach, Melchior mitzunehmen, ihn auf Jahrmärkten vorzuführen und damit Geld zu machen. Melchior sah nach der langen Reise auf dem Floss endlich Holland, das Meer. Er wurde als «grösster Mann der Welt und wilder Krieger aus den Schweizer Bergen» zur Schau gestellt. Er mass laut Vögeli stattliche zwei Meter vierunddreissig Zentimeter. Auch in Berlin staunte man über Melchior, der von Vögeli einem ihm fremden Kommandanten überlassen wurde. Er machte sich mit dem ausbezahlten Handgeld davon. Nun wurde Melchior Soldat, inmitten anderer Männer, die weit kleiner waren.

Eveline Hasler stellt Melchiors Schicksal richtig bewegend, enorm einfühlend vor. Es ist ein Schicksalsweg mit vielen Windungen. So ist Melchior einmal prächtigst eingekleidet, Diener des Herzogs Karl Eugen. Er hat sich mit echt dummen Zwergen rumzuschlagen, liebt dann die Catharina aus Italien und trägt sie wie ein junges Vögelchen rum, verliebt sich auf dem Karnevals-Tanz und ist froh, dass er nach dem Abschied von seiner Geliebten auf wundersame Weise mit dem Kräuterdoktor, dem Herzog Karl Eugen, ins Glarnerland zurückkehren kann.

Man freut sich, dass alles so gut endet. Die eigenwilligen, starken Illustrationen sind eine gehaltvolle Ergänzung zum Text, der in einer kindernahen Sprache verfasst ist.