Leta Semadeni: Die grosse Dichterin aus dem Engadin

Als Lyrikerin war sie weit über die Rumantscheia hinaus bekannt, die 1944 in Scuol, im Engadin geborene und heute in Lavin lebende Dichterin. Jetzt wissen wir, dass sie auch eine hervorragende Romanautorin ist. Leta Semadenis neuestes, auf Deutsch geschriebenes und publiziertes Buch «Tamangur» nennt sich im Untertitel «Roman».



Ob es tatsächlich ein Roman ist oder am Ende ein Buch mit über 70 Einzelgeschichten, die die Autorin wunderbar zu einer einzigen, grossen Waldlandschaft zu verweben weiss, ist der Leserin oder dem Leser überlassen. Sicher aber ist eines: «Tamangur» ist ein grosses und naturbelassenes Tal, südlich von Scuol, mit einem riesigen, geheimnisvollen Wald, in dem vor 100 Jahren der damals letzte Bär der Schweiz gejagt und erlegt worden war.

Noch sicherer ist ferner, dass die Grossmutter, die in diesen wunderbaren Roman-Geschichten das Zepter fest in der Hand hält, den Gang der Geschichten, die sie ihrem Enkelkind erzählt, geschickt zu lenken versteht. Und totsicher ist am Ende, dass sie vom verschollenen Grossvater erzählt, der eines Tages nicht mehr aus dem grossen Wald namens Tamangur nach Hause kommt ...

Leta Semadeni schreibt dies alles in ihrer klaren, kompromisslosen und präzisen Sprache, geschult an den Verknappungen der Lyrik. Es ist, als hätten die Texte etwas von der morgendlich-frischen Atmosphäre, wie wir sie aus den Arvenwäldern des Engadins kennen, mitbekommen. Und wenn wir zuweilen auf schrullige Landsleute treffen, wie sie auch durch die Bücher des verstorbenen Fabulier-Kollegen Oscar Peer stolpern – auch er aus Lavin – dann wissen wir: Der Gang durch den grossen Wald ist auch ein Gang durchs Leben. Dass wir uns auf diesen Erzähl-Gängen aber nicht zu verirren brauchen, sondern stets nahe am Menschlichen bleiben, das macht das Buch der neuen Bündner Romanautorin zu einem ungetrübten Lesevergnügen.

Weil «Tamangur» auf Deutsch geschrieben wurde, macht es uns die Autorin wahrhaft leicht, die Gebirgs-Topographie der Schweizer Gegenwartsliteratur südöstlich des Glarnerlandes leichtfüssig zu erkunden und zu geniessen.

Die Begegnung mit Leta Semadeni im Richisau verspricht zu einem spannenden Gespräch mit einer Autorin zu werden, die etwas zu sagen hat – fernab vom Bild des Nusstortenlandes – aber unerwartet nahe an dem, was wir in der Schweizer Literatur auch schon vermisst haben: Geschichten von einem Ort, wo das Herdfeuer noch knistert – und sei es im abendlichen Fernsehkrimi. Da entpuppt sich die erzählende Oma in «Tamangur» keineswegs als zivilisatorische Genuss-Verächterin, was sie noch einmal so sympathisch macht.

Leta Semadeni im Richisauer Literatursommer: Sonntag, 31. Juli 2016, 11.45 Uhr Gasthaus Richisau Reservationen: Baeschlin Bücher, Glarus Telefon 055 640 11 25, E-Mail [email protected], oder Gasthaus Richisau Telefon 055 640 10 85. Postauto ab Glarus-Bahnhof 10.48 Uhr, Richisau an 11.26 Uhr