Lieder des Minnesängers Heinrich Laufenberg in der Kirche Ennenda

Mit der überzeugenden Interpretation gar selten gehörter Lieder aus der Zeit um 1400 gastierte das Ensemble «Dragma» im Rahmen einer gut besuchten Matinee in der Kirche Ennenda.



Dem Ensemble «Dragma» gehören an (von links): Agnieska Budzinska-Bennett
Dem Ensemble «Dragma» gehören an (von links): Agnieska Budzinska-Bennett

Die vor wenigen Jahren stilvoll und umfassend renovierte Kirche erwies sich einmal mehr als wertvoller Konzertraum mit hervorragender Akustik, die an Aufführende hohe Anforderungen stellt und kleinste Unsauberkeiten hörbar werden lässt. Das Ensemble mit der Bezeichnung «Dragma» gastierte auf Einladung der Kirchenmusikerin Magdalena Mattenberger in Ennenda. «Dragma» war im hohen Mittelalter gleichbedeutend mit einem wandelbaren Notenzeichen, das verschiedene Interpretationsformen gestattete. Dem im Jahre 2012 gegründeten Ensemble gehören Agnieska Budzinska-Bennett (Gesang, Harfe und Sinfonia), Jane Achtmann (Vielle) und Marc Lewon (Gesang, Vielle, Laute) an. Sie gestalteten die selten gehörten Werke in wechselnder Besetzung gar sorgsam und einfühlend aus. Die bemerkenswert aufmerksam Hinhörenden mussten sich mit wohl erstmals gehörtem Musikgut auseinandersetzen. Glücklicherweise standen Textblätter zur Verfügung, so war ein unmittelbareres Mitvollziehen stets möglich. Sonst hätte man die starke Vermischung von lateinischen und althochdeutschen Passagen nicht nachvollziehen können. Aus den Erläuterungen von Marc Lewon ging hervor, dass der grosse Nachlass des Minnesängers Heinrich Laufenberg (zirka 1390 – 1460) um 1870 nach Kriegswirren praktisch vollständig verloren ging. Es handelte sich um rund 180 geistliche Lieder. Es existieren ein Druck aller Texte und die Rekonstruktion von einem guten Dutzend Lieder. Daraus entstand das wechselvoll zusammengesetzte Programm, das im Kirchenraum aufklang. Die Vermischung der Tempi, Dynamik, Textpassagen und die hohe Spielkunst führte zu einem spannenden Begegnen mit bisher zumeist Unbekanntem. Reizvoll klangen Jubel, kindliche Frömmigkeit, Überschwengliches, verklärte Ruhe, Tanz, Beschwörendes, Repetatives, Sinnieren, Erfragen und Flehen, Zufriedenheit und ergreifende Hingabe in spannendem Wechsel und zumeist kurzen Sequenzen auf. Einschmeichelnd, formstark und mit tragender Hingabe sangen Agnieszka Budzinska und Marc Lewon die punkto Betonung und Ausdruck oft recht fordernden Textpassagen, sie begleiteten sich nicht selten auf den eigenen Instrumenten, virtuos mit der zuweilen gebotenen Zurückhaltung, dann wieder sehr lebhaft, beinahe überbordender Frohmut. Die Texte handelten von der grossen, bösen Welt; der lieben Seele, der Hinwendung zu Gott als höchstem Schöpfer, dem Daheim im hellen Himmelreich, der Abkehr von irdischer Mühsal. So mündet eines der verschiedenen Lieder mit der Botschaft aus: «Alde, welt! got gsegen dich, ich var do hin gen himelrich.» Von Weihnächtlichem handelte: «Vox clara ecce intonat den hirten an der selben stat. Da lüffend sy in gaudio, ir corda wurdent sunder fro. Da süz das kindelin fundent im kripfelin.» Mit «Got geb vns allen» erklang eine ungemein lange, in viele Strophen gegliederte Schilderung über den allmächtigen Gott, der so viel versteht, Wunder bewirkt, im Himmel thront und die Menschen aufnimmt, wenn die Zeit gekommen ist. Diese Form des Glaubensverständnisses ist durchaus berührend, ist ergreifende Botschaft über Macht, Herzlichkeit, Ausstrahlung, die Kraft der Stille und des Überdenkens, der Annahme von Hilfe durch eine in dieser kindlich wirkenden Direktheit. Der herzliche Beifall zeigte, dass Worte und Musik auf viel Verständnis und nachhaltige Anerkennung gestossen waren.