Love, Pa – Salome Müller schreibt ihrem Vater

«Wohl wenige Väter sind so, wie du es warst», schreibt Salome Müller, 1987 in Glarus geboren, als Journalistin beim Tages Anzeiger tätig, in einem der 128 Briefe. Alle Botschaften sind kurzgehalten, sie wuchsen acht Jahre nach dessen Hinschied.




Dass sich Salome Müller in dieser Weise mit ihrem Vater befasst, verdient grosse Achtung, Respekt. Die eigenen, tiefen und innigen Gedanken, Gefühle und Erfahrungen auf derartige Art niederzuschreiben und sie in Buchform kundzutun, zeugt von grosser Liebe und Wertschätzung. Es ist eine Fülle von Wertvollem, Innigem, Liebenswürdigem entstanden. Eine Fülle, die man gerne in sich aufnimmt, behält. Es sind Fragen, Erfahrungen und Schilderungen, die zuweilen betroffen machen, Traurigkeit wachrufen, die auch zum Schmunzeln oder Hinterfragen Anlass geben.
Salome Müller lädt die Lesenden zum Verweilen in ihrer, so behutsam nachgezeichneten Welt ein. Und es ist alles andere als selbstverständlich, sich derart zu äussern. Das ist mutig.

Die Buchautorin erfasst die jeweiligen Geschehnisse enorm feinfühlig, schreibt mit grosser Offenheit, Direktheit. Sie gewährt knappe Einblicke in ihre Familie. Ihr Vater steht in deren Mittelpunkt, in einer Fülle von Geschehnissen, die nicht einfach lapidarer Alltag sind, sondern dank sprachlich immensem Geschick in kluger Art gefügt sind. Die kurzen Botschaften sind wie wertvolle, willkommene Inhalte eines Schatzkästleins, das es behutsam und leise zu öffnen gilt.

Die Besonderheiten ihres Vaters sind voller Ehrlichkeit und Intensität niedergeschrieben. Die lange Krankheit und das Wegscheiden aus der geschilderten Fülle des Zusammenlebens machen nicht selten sehr betroffen. Es ist beileibe nicht so, dass grosse Traurigkeit und Unverständnis um das Schicksal des Verstorbenen dominieren. Salome Müller hat mit grosser Klugheit zusammengefasst, was für sie bedeutsam ist, was sie immer noch beschäftigt. Und sie lässt einen mit nicht selbstverständlicher Bereitschaft an diesem Zusammensein teilhaben.

So schreibt sie im 20. Brief: «Wir brechen auf wie früher, auf einen Spaziergang, mit dem Auto mit dem Zug irgendwohin. Aber zurück komme ich jetzt allein». Sie umfasst damit eine weite Zeitspanne, in der so viel eingebettet ist. Das sind winzige, liebenswerte Momente, die unwiderruflich kostbar sind. Salome Müller schreibt einige Briefe später: «Dein Lieblingsbaum war die Trauerweide. Oder ist es meiner?» Sie ist bereit, ihr Erleben – in Gedanken – zu teilen, wenn sie sich so äussert: «Ich hätte es anderen gegönnt, dich kennenzulernen.»

Ich bewundere Salome Müllers Mut, die Fähigkeit und Bereitschaft, aus ihrem Leben, eigentlich Intimes, sehr Persönliches kundzutun. Auf einer kleinen Fläche ist so unerwartet Wertvolles entstanden, das sich so leicht mittragen und lesen lässt.

Es ist ein «Bhaltis» mit reichem Inhalt

In der Buchhandlung Wortreich waren das Begegnen und Auseinandersetzen mit Salome Müller und Claudia Blumer, beide sind sie im Redaktionsteam des Tages Anzeigers, angeboten. Erfreulich viele Personen waren anwesend.
Claudia Blumer drückte aus, was sie beim Lesen der vielen Gedanken von Salome Müller empfunden habe, jeder der Briefe sei berührend, ehrlich, innig, mache zuweilen sehr betroffen. Sie formulierte eine Vielzahl von Fragen, tat das in kluger, fordernder Art. Salome Müller führte willkommen offen aus. Zuerst betraf es das Kochen, in Salome Müllers WG und zuhause in Glarus. Es kamen weitere Inhalte von Telefongesprächen aufs Tapet. Salome Müller sprach, gut nachvollziehbar, von ihrem Traumvater, den sie verherrliche – und das könne ihr niemand wegnehmen. Ihr Vater sei ein widersprüchlicher Mensch gewesen, der still, vielleicht zu still war, der zuweilen nicht so richtig wusste, was ihm gut tat. Es fanden die politische Haltung und das Verfassen von Leserbriefen, die Arbeit als Korrektor beim Tagi, später bei der SO, ein Praktikum von Salome Müller am gleichen Ort, Gespräche am Arbeitsplatz Erwähnung. Der Vater habe ihr Selbstbewusstsein vermittelt. Die Form des Aufwachsens habe für sie gestimmt. Etwas – für die damalige Zeit Unkonventionelles – haftete der Familie an, auf Erlebnisse wurde hingewiesen. Glarus als Wohnort habe gestimmt. Sie träume viel von ihrem Vater, sie fühlt seine Nähe. Und wäre er im «Wortreich», würde er sicher irgendwo hinten stehen, zuhören.

Es war eine riesige Fülle von Lebensinhalten, die angesprochen wurden. Aufs Lesen der Briefe wurde verständlicherweise verzichtet, das hätte wohl zu viel aus den Zusammenhängen gerissen, die im Verlaufe des Gesprächs zwischen Claudia Blumer und Salome Müller und im Eingehen auf einige Fragen gewachsen waren.

Und es blieb willkommen viel Zeit für Gespräche – bis es im Wortreich mit allem weitergehen wird, das Christa Pellicciotta bei ihrer Begrüssung angetippt hatte.