«Manitoba» – Indianerstämme in Nordamerika

Kürzlich las Linus Reichlin im Wortreich Glarus vor nicht eben vielen Literaturfreunden, Neugierigen, Suchenden. Die Zahl der Gäste hielt sich in bedauerlich engen Grenzen. Vielleicht kam es genau aus diesem Grunde zu interessanten Gesprächen. Es stand unerwartet viel Zeit fürs Auseinandersetzen zur Verfügung.




Linus Reichlin erschien mit seinem Rollkoffer im erwiesenermassen kleinsten Hauptort der Schweiz. Noch weilten wenige Gäste in der Buchhandlung an der Abläschstrass; wissend, dass Fremdes, Ungewohntes, Interessantes aufkommen würde. «Manitoba» ist der neueste Roman des 1957 in Aarau geborenen Schriftstellers und Kolumnisten. Heute lebt er in Berlin. Sein Schaffen wurde ab 1997 einem breiten Publikum bekannt. Er veröffentlichte mehrere Romane, unter anderem «Das Leuchten in der Fremde», in dessen Verlauf ein Kriegsreporter in Afghanistan Grenzerfahrungen macht. «Manitoba» – ein unbekannter Begriff, der im Verlauf des Begegnens in der Kulturbuchhandlung konkreter wurde. Der Ich-Erzähler ist in diesem Roman keineswegs Hauptfigur. Es sind die indianischen Volksstämme in Nordamerika und deren Lebensräume, herausragende Einzelpersonen, Kultur und Geschichte der einstmals ersten Bewohner dieses Erdteils, Konfrontationen mit Nachkommen der übermächtigen Siedler, das zögerliche nicht unproblematische Begegnen und zaghafte Zusammenleben verschiedener Kulturen, die dominieren. Es ist die unentwegte, beharrliche Suche des Ich-Erzählers, der seiner indianischen Abstammung nachgeht, erfahren und erfassen will, was die Tagebuchnotizen seiner Urgrossmutter beinhalten, was wirklich stimmt, was – nur mit Lücken vorhanden – Tatsache ist. Reichlin befasst sich einfühlend, kenntnisreich mit vielen Fakten. Er ergreift nicht Partei. Zuweilen wirken die Inhalte wie Teile einer Chronik, dann sind es Figuren, die es mit ihren Eigenarten, Lebensgewohnheiten und Geschichten überall gibt, die aber – romangebunden – eine gewisse Einzigartigkeit ausleben, den Ich-Erzähler auf kurze Etappen ihres Lebens mitnehmen, zuweilen helfen, dann wieder kritisch, ja feindselig agieren. Es sind die kurzen, belastenden Kontakte zur eigenen Heimat, zur eigenstämmigen Heimat und Familie. Reichlin lässt sich viel Zeit, gestattet den Lesenden willkommen grosse Zugänge in Fremdes, Spannendes. Es sind unzählige Momente, die mit spannenden Begegnungen, bewegenden Schicksalen, Leidenschaften, Anteilnahme, Ablehnung, drängendsten Fragen erfüllt sind. Die Arapaho, Cheyenne, Ure sind Stammesvertreter, die zum Leben erweckt werden, die nachvollziehbar agieren. Es ist die riesige, laute, dann wieder ruhige, weite, vertrauter werdende Landschaft, in die man eingebettet ist. Es ist der gesundheitliche Zustand des Erzählers und dessen Herkunft samt Fragen, Antworten und Befindlichkeiten. Es sind die Tagebücher der Urgrossmutter, die über ihre Zeit als Lehrerin an der St. Stephen`s Indian Mission in Fort Washakie berichten und Auslöser der weiten Reise bedeuten. Reichlin verwebt zahlreiche Details meisterhaft, spannend, eindringlich, nicht bloss als Fakten, sondern als Ausgangspunkte für Fragen, Beurteilungen, Vermutungen. Es wachsen Füllen von packenden Erlebnissen. Reichlin las ein Kapitel, hatte im Verlaufe des regen Gedankenaustauschs viele Fragen zu beantworten.

Der Roman war ein Teil dieses Begegnens. Es ergaben sich Bezüge zu vorgetragenen Kolumnen samt Zeitgeist und europäischer Kultursamt Sucht, Gesellschaft, Wohnformen – Vertrautem und zuweilen doch unendlich Fremden.

Dann war es für Linus Reichlin Zeit fürs Wegreisen. Zurück bleiben Teile seines literarischen Schaffens, die Gelegenheit der vertiefenden Lektüre und der Dank an die Verantwortlichen der kulturell bedeutsam engagierten Buchhandlung mit Christa Pellicciotta und ihrem Team.