«Maria ist mir plötzlich sehr nah»

Mit einem besinnlichen Gottesdienst führte die kantonale Frauengruppe «Kirche unterwegs» der Reformierten Landeskirche am vergangenen Sonntag in Mitlödi hin zur ursprünglichen, biblischen Maria, der Mutter von Jesus



Im Gespräch über Jesus (von links): Maria (Marie Rhyner) unterhält sich mit zwei Frauen (Marianne Kern und Esther Baumgartner)
Im Gespräch über Jesus (von links): Maria (Marie Rhyner) unterhält sich mit zwei Frauen (Marianne Kern und Esther Baumgartner)

Sie habe am Anfang Mühe gehabt mit der Wahl von Maria als Thema des Gottesdienstes, sagte Marie Rhyner in Mitlödi. Die Maria-Frömmigkeit mit den süssen und kitschigen Bildern und Figuren sei ihr fremd, meinte auch Esther Baumgartner, ehemalige Pfarrerin in Mollis. Die biblische Maria sei überwuchert mit dichtem Dornengestrüpp, Wildwuchs verdecke die Sicht auf das Ursprüngliche.

Jungfräulichkeit meint befreites Menschsein

Im Laufe des Gottesdienstes trat dann die biblische Maria immer mehr in den Vordergrund. Die Besucherinnen und Besucher hatten zu Beginn eine Karte mit der Abbildung eines Bronzegusses von Käthe Kollwitz, «Pietà» genannt, bekommen. Sie zeigte Maria als ältere Frau mit dem toten Jesus auf dem Schoss.

«Die Geschichten in den Evangelien sind nur auf dem Hintergrund von Kreuz und Auferstehung Jesu zu verstehen», sagte Claire Meier, Pfarrerin in Ennenda. Es seien Glaubensaussagen und keine historischen Tatsachenberichte. Bilder, von Menschen gemalt, die Erfahrungen gemacht hätten mit Gott, der sich für die Menschen ein erfülltes Leben wünsche.

Auch die Jungfräulichkeit von Maria sei ein Bild und eine Aussage über Beziehung. Dass ein Engel zu Maria gekommen sei, um sie zur Mitarbeit in einem Plan von Gott anzufragen, widerspreche den Regeln des damaligen Patriarchats. Maria handle frei und eigenständig, sei offen für das, was auf sie zukomme. «Das ist mit Jungfräulichkeit gemeint», so Claire Meier: «Ein befreites Menschsein, unabhängig vom Geschlecht. Frei und offen für Gott, empfänglich fürs Leben.»

Wie eine normale Mutter

Eindrücklich war das Gespräch über Jesus zwischen Maria (Marie Rhyner) und zwei Frauen (Marianne Kern und Esther Baumgartner) nach einer Lesung aus dem Markus-Evangelium. Dass Jesus fragte, wer seine Mutter und seine Geschwister seien, machte Maria sehr traurig. Mit ihren Nöten und Sorgen verhalte sich Maria wie eine ganz normale Mutter, die durch alle Tiefs und Hochs bis am Schluss in der Nähe ihres Sohnes bleibe, so das Fazit.

«Meine Aufmerksamkeit richtet sich immer mehr auf die ältere Maria, nicht auf die junge mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie ist mir plötzlich sehr nah», meinte Esther Baumgartner. Beim längeren Verweilen werde die «Pietà» zum eigenen inneren Bild: «Ich ahne etwas vom Geheimnis von Maria, von der wunderbaren Wandlung tief innen im Verborgenen: Nicht der Tod ist das Ende von unserem Leben, nicht das Leiden, die Dunkelheit und der Schmerz. So macht mir Maria Mut zu meiner eigenen ‚Pietà’. Jesus lebt, und wir dürfen mit ihm leben.»

Und wie ist es mit Maria nach dem Tod und der Auferstehung von Jesus weitergegangen? Einzig in der Apostelgeschichte findet man einen Abschnitt, in dem sie gemeinsam mit den Jüngern erwähnt wird: «Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.» Miteinander bildeten sie eine Gemeinschaft, die Urzelle der christlichen Kirche. «Männer und Frauen gleichwertig, miteinander verbunden im gemeinsamen Beten und Bezeugen von ihrem Glauben. Alle anderen Bezeichnungen für Maria sind erst im Laufe der Jahrhunderte hinzugekommen. Die ursprüngliche, biblische Maria fasziniert mich. Ich habe sie irgendwie gern bekommen wie eine Schwester, eine Freundin», sagte Esther Baumgartner.

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Der Gottesdienst zu Maria wird am Sonntag, 28. Oktober, 9.30 Uhr in der reformierten Kirche Niederurnen wiederholt.