Menschenwürde als unverlierbarer Wert

Was lässt das Leben trotz Gedächtnisverlust oder nahendem Tod lebenswert bleiben? Die Ethikerin Nina Streeck hat über Menschenwürde, Lebensqualität und Krankheit referiert.




«Die letzte Lebensphase: Trotz notwendiger Hilfe lebenswert?» Am Donnerstag hat die Ethikerin Nina Streeck vom Institut Neumünster in Zürich in Ennenda einen Vortrag zu diesem Thema gehalten. Auf Einladung von Alzheimer Glarus hat sie Fragen um Menschenwürde, Lebensqualität und Krankheit erörtert. Solche Fragen seien in den Medien eher von Schrecken geprägt, würden im eigenen Erleben aber sehr unterschiedlich empfunden. Geht es um «Sterben im Heim ohne Würde», wie sie in der deutschen «Zeit» liest? Geht es darum, dass Menschen, die ihr Leben lang eigene Entscheide gefällt haben, ihre Autonomie aufgeben und den nahenden Tod annehmen? Oder wollen gerade sie selbstbestimmt mit «Exit» den finalen Ausgang nehmen? Demenz werde als besonders schreckliche Krankheit geschildert, für viele mit dem Verlust von Persönlichkeit und Empathie verbunden.

Die Menschenwürde wird zwar mit viel Pathos angerufen, aber umso schwammiger ist sie definiert. Was zerstört sie, was ist «schlimmer als der Tod»? Inkontinenz, haben in einer Umfrage über 50 Prozent der Befragten geantwortet. Und weiter: künstlich beatmet zu werden, bettlägerig zu sein, ständig verwirrt, künstlich ernährt, pflegebedürftig. Spitalpatienten sehen das ganz ähnlich wie die Durchschnittsbevölkerung. Doch mit der Krankheit kann sich das, was noch als menschenwürdig erscheint, deutlich verschieben. Streeck hat Interviews mit Menschen am Lebensende geführt: «Den Sterbewunsch haben 7 bis 40 Prozent, er ist also nicht ungewöhnlich.» Aber er ist auch nicht gleich dem Wunsch, das Sterben zu beschleunigen. Er ist wandelbar, nicht immer gleich stark. Er hat oft vor allem psychosoziale und existenzielle Motive, etwa den Verlust der Unabhängigkeit, zu wenig Unterstützung, die Sorge, Angehörigen und Umwelt zur Last zu fallen. Streeck zitiert eine Krebspatientin, die sie Frau M. nennt: «Dauert die Würde nicht bis zum letzten Atemzug? Der Mensch ist auch sehr anpassungsfähig.»

Heute über den eigenen Tod zu entscheiden, bringe zwar Freiheitsgewinn, könne aber auch überfordern, so Streeck. Frau M. überlegt: «Leidvoll Sterben? Müsstest du ja nicht, es gibt ja Exit.» Sich isoliert zu sehen und ganz allein zu entscheiden, findet Streeck aber sehr fragwürdig: «Es ist wichtig, Rücksicht zu nehmen auf die Beziehungen und das soziale Umfeld, in dem man lebt. Laut Streeck sterben so oder so rund 60 Prozent der Menschen nach einer Entscheidung. Sei es etwa gegen eine Behandlung, für eine Palliativ-Versorgung oder für den Suizid.

Mit Blick auf die Demenz sagt Streeck: «Was ist das Selbst? Rationalität, Gedächtnis, Überlegung?» Schwinden sie, so ist das Selbst bedroht. Aber auch dieses Selbst dürfe sich verändern. Dürfe Leib sein: Es gibt auch ein Leibgedächtnis, nicht nur den Geist. «Demente reagieren damit auf frühere Fähigkeiten, Riechen, Tanzen, Gestik und Mimik. So bleiben sie empfänglich für Emotionen, Humor, Bindungsvermögen.» Man könne müde sein, aber nicht resigniert, resümiert Frau M. So oder so ist das Lebensende aber nicht einfach: «Es ist schwierig, mit dem Wandel und dem Punkt zuletzt Frieden zu machen.»

Schwierig ist Demenz auch für rund um die Uhr betreuende Angehörige, fast immer Frauen. Das machen Fragen einer Betroffenen klar wie: «Demente entscheiden nichts mehr selber und sind zufrieden, ohne es wahrzunehmen. Aber wie kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn ich nicht mehr kann und meine Verantwortung abgeben muss?» Auch Streeck hat «keine einfachen Antworten». Sich austauschen mit anderen, handfeste Hilfe holen, nur tun, was man mit sich selber vereinbaren kann, erklärt sie. Und verletzen Angehörige die Würde von Dementen, indem sie an ihrer Stelle entscheiden? «Nicht, wenn die Würde als unverlierbar angenommen wird», erklärt Streeck. Auch nicht, wenn sie am Ende ihrer Kräfte und trotz Versprechungen in ein Heim abgeben: «Dann ist eine Änderung nötig, die Betreuerinnen sollen ihr eigenes Wohl auf keinen Fall ausser Acht lassen.»

An der anschliessenden Hauptversammlung von Alzheimer Glarus ist Margreet Vuichard, Mollis, zur neuen Präsidentin gewählt worden. Sie löst Sepp Schwitter ab, der nach fünf Jahren die Leitung weitergibt.