Musik und wortreiche Sprachartistik

In der schweizerischen Literaturszene ist der 1978 im bündnerischen Tavanasa geborene Arno Camenisch zu einem Schriftsteller gewachsen, den man wegen seiner Direktheit, der spitzbübisch-offenen Art, der grossen Beobachtungsgabe, dem ehrlichen Charakterisieren und kurzweiligen Beschreiben und dem subtilen Aufzeigen von Unerwartetem, seinem unvergleichlichen Schwärmen und Geniessen, dem spürbaren Hang und Drang zu Besinnlichem und Gemütlichem gernhaben muss.



Er schildert auch Banalstes, Alltägliches enorm kenntnisreich, mit blumigster sprachlicher Eleganz. Seine Unbekümmertheit und ansteckende Fröhlichkeit kann nicht Dauerzustand sein, das wäre auch für Arno Camenisch unerträglich. Man durchdringt als Hinhörender kaum einmal diese Fassade, spürt aber stark, dass da ein gehöriges Mass an Schaffenskraft, Nachdenklichkeit, Mut zum Zurückziehen, Fähigkeiten des Verweilens und hochkonzentrierten Erarbeitens, Wortreichtum, Fabulierlust, Mut zur Bewahrung der literarischen Eigenständigkeit vorhanden sind.

Für Christa Pellicciotta, Geschäftsführerin der Kulturbuchhandlung Wortreich, war das Begrüssen eine angenehme Pflicht, weilte Camenisch doch bereits zum dritten Mal am gleichen Ort, diesmal musikalisch begleitet von Christian Brantschen.

Der Musiker agierte am Keyboard und auf dem Akkordeon bemerkenswert sorgsam, kreativ, stimmungsvoll, sang so erfrischend elegant. Brantschen ist bei Patent Ochsner tätig, begleitet aber nicht selten Schriftsteller. Er setzt willkommene und starke Akzente.

Camenisch hat seinen Bekanntheitsgrad markant gesteigert. Seine in Deutsch und Rätoromanisch gehaltenen Schilderungen geniessen zu Recht hohe Anerkennung, dank der erfrischenden Eigenwilligkeit. Das Schildern wirkt zuweilen leicht spitzbübisch, verschmitzt. Konfrontiert wird man auf unerwartete Art mit Allerweltsthemen, die ordentlicherweise kaum Spuren hinterlassen, ein Dahinplätschern sind. Camenisch seziert derartige Geschehen gar keck, setzt mit seinem Vermuten, dem kenntnisreichen Schildern heitere Pointen. Er entführt in Welten, die dem Lesenden irgendwie vertraut sind. Er hebt das hervor, was eigentlich Alltag ist.

Nach dem Roman «Sez Ner», 2009 bei Urs Engler erschienen, folgten «Hinter dem Bahnhof» (2010), «Ustrinkata» (2012) und ein Jahr später «Fred und Franz». Im vergangenen Jahr erschien «Nächster Halt Verlangen». Dabei handelt es sich um ein gutes Dutzend Kolumnen, die in der SÜDOSTSCHWEIZ publiziert worden sind und auf gar unterhaltsame Art nach Neapel, Lemberg, Lissabon, Bogotà, Hongkong, Tavanasa und andernorts führen. An diesen Stationen lernt man immens Unterhaltendes kennen, ist verblüfft, heiter, leicht verwirrt und hört Camenisch ganz gebannt zu, freut sich fast zum Voraus auf unerwartete Wendungen, die da aufs Papier gebracht worden sind.

Die Reichhaltigkeit führte zum Kultstatus, zu verdienten Auszeichnungen; beispielsweise dem unlängst verliehenen «Förderpreis Komische Literatur» der Stadt Kassel, dem Eidgenössischen Literaturpreis (2012) oder dem «Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg» (2013). Sein bewegendes Schildern ist mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden, wurde zum Teil auf Theaterbühnen aufgeführt.

Camenisch hat seine unverwechselbare Sicht der Dinge, weckt auf lebhafte, bewegende Art Geschehnisse, gedacht sei dabei auf die schwierige Art mit Stäbchen zu essen, das verbale Donnerwetter der hübschesten Polizistin Südfrankreichs, das Getue des stämmigen, mächtigen Russen an der Bar, das hübsche Gegenüber in einem Zug, die irre Fahrweise des Taxichauffeurs in Italien, die Abläufe bei Fussballspielen, das Abdecken von Heiligen, denen der Hausbesitzer den Konsum eines Pornofilms nicht zumuten will, das Auftauchen zahlloser Nacktwanderer, unerwartet Statistisches aus dem Gadmertal (wer ist Bartträger, wer hat wie viele Flinten zu Hause, wie gross ist die Zahl der Kinder, die Hausaufgaben zuverlässig erledigen) – den Reigen der Ereignisse könnte man noch lange fortsetzen. Ein Innehalten schadet kaum, der genussvoll Lesende muss sich auf Neues frisch einstimmen.

In einem Film, der vor dieser Lesung auf SRF 1 ausgestrahlt wurde, zeigte sich ein anderer, an Facetten reicherer Camenisch. Einer, der seine Figuren frage, wie es ihnen zuweilen gehe; der den Fussball so innig liebt; sich der Text-Realität aus tiefster Überzeugung verschrieben hat; es als wahrhaft Schönes empfindet, wenn man Leute berührt; sich der Frage stellt, wie es sein wird, wenn Erfolge und Anerkennung ausbleiben.

Dass Schriftsteller Zugaben bieten, hat doch eher Seltenheitswert – bei Camenisch war es der Fall.