Musikwoche Braunwald – der Beginn mit durchaus Königlichem

Geografisch gesehen weilte die Vielzahl der Besucherinnen und Besucher beim Beginn der exakt 84. Musikwoche noch nicht hoch über dem Alltag, sondern erst in der Kunsthalle des Linthparks Süd, noch auf dem Talboden. Aber musikalisch wurde man ganz tüchtig in jene Höhen gebracht, die es einfach in sich haben, die Ruhe, Gelassenheit, Dramatik, Verweilen, Hektik, Träumereien, ungeahnte Herrlichkeiten, Grandioses und Erdgebundenes bergen, Elemente, die es zu suchen und zu vernehmen gilt. Und das fiel allen gleichermassen leicht.



Hans Brupbacher deutete mit seiner umfassenden Begrüssung den Gang in diese Höhen schon mal an, sprach er doch von einem Leuchtturm in Glarus Süd, dessen Dimension er in der Horizontalen und Vertikalen bewusst offenliess. Er hatte gar vielen zu danken, beispielsweise den Sponsoren, dem Gastgeber Hanspeter Keller, dem Fotografen Fridolin Walcher, den Verantwortlichen der Kamm-Bartel-Stiftung, den hochtalentierten Musikerinnen und Musikern, Helferinnen und Helfern und anderen. Hans Brupbacher, Präsident des Vereins Musikwoche Braunwald, zeigte sich überzeugt, dass der Leuchtturm Zeichen für einen Aufbruch in Glarus Süd sei. Er wies auf die umfunktionierte Fabrikationshalle hin, in der man sich befinde. Anno 1838 hätten hier 300 Leute gearbeitet, heute – am Tag der Eröffnung – waren fast gleich viel Musikinteressierte anwesend. An einem der frei gewordenen Plätze ist der Fotograf Fridolin Walcher tätig. Zur Musikwoche hat er Sehenswertes beigesteuert. Ein Besuch während der Pause wurde sehr empfohlen. Und so in Klammern war zu erfahren, dass es im kommenden Jahr vom 5. bis 11. September mit dem Titel «Kinderszenen»in die 85. Musikwoche gehen wird.

Brupbacher lud zum aufmerksamen Zuhören nachhaltig ein, zu Recht. Klug war, dass der allererste Anlass der reich befrachteten Musikwoche als Familienereignis ausgekündigt war. Und dann wurde man von exakt 4791 Tieren in seltsamen Kostümen in eine Welt entführt, die überreich an Vergnügen, Leidenschaften, Intrigen, Neckereien, Beifallsstürmen, Sticheleien, Reibereien, Neckischem war. Es handelte sich um den «Karneval der Tiere», den Camille Saint – Saens (1835 – 1921) einst so meisterhaft auskomponiert hatte. Walter Andreas Müller war ein meisterhafter Erzähler, der gar Kurzweiliges aufzuzeigen wusste, alles geschickt portionierend. Er sprach über erwartungsfreudige Vögel und Affen, einen unübersehbaren Hut aus Spargelkraut und Hühnerfedern, eine nicht eben modebewusst argumentierende Ameise, über Hühner und Hähne und rückte – endlich – den Marabu ins richtige Licht. Er war nämlich der Dirigent. Zwei Eichhörnchen sassen an den Flügeln, der Löwe marschierte riesig majestätisch ein. Und bei ihrem Auftritt gaben die Hühner alles, sie waren anschliessend total erschöpft. Und die sechs wilden Esel sangen so wahnsinnig schön; nur der kleine nackte Mehlwurm schüttelte den Kopf. Das Schildkrötenballett muss man gehört haben, wie ernsthaft und abgezirkelt, die einherzuschreiten wissen. Nun warf sogar der Mehlwurm mit Kusshändchen um sich. Und die Eleganz der Elefantendame, die sich dem lieblichsten aller Tänze hingab, muss man gehört haben. Und so zwischendurch merkt das zu spät erschienene Nilpferd, dass das Krokodil seinen Platz besetzt hält. Wie verhält man sich da?

Und die Esel – veritabel agierende Helfer in der Manege – tragen ein Aquarium rein, in dem sich japanische Schleierschwanzfische im Tanze üben. Neckisch steigen die Luftbläschen hoch, adrett ist der Tanz! Irgendwann macht sich der auf dem Affenbrotbaum sitzende Kuckuck für seine Gesangsnummer bereit. Man ahnt, was er mit seinem aus zwei Tönen bestehenden Stimmenumfang hinkriegen wird, eine fast echte Kuckucks-Dramatik bahnt sich an.

Die 2000 Kolibris lösen ab, wirblig, luftig – leicht, hurtig, höchst elegant. Wären da nicht die ewig nörgelnden Kätzchen, die endlich den Schwan in seiner ganzen Pracht in der Manege sehen wollen. Der kann so riesig elegant schwimmen. Man täusche sich nicht – die Manege wird bald geflutet, weil der Biber jenen Kanal öffnet, den 29 Maulwürfe ungefragt vom Urwaldsee zur Manege gegraben haben. Mit seinem Auftritt gemahnt der Biber punkto Rhetorik und Gehabe zuweilen an einen schweizweit bekannten Politiker, der einst für eher kurze Zeit Bundesrat war Also, ungeachtet aller Vermutungen gleitet der Schwan – von fast allen bewundert – dahin. Nur der Fuchs schimpft ihn einen «Totsch». Und irgendwann ist alles vorbei – auch wenn das Kaninchen noch eine Zugabe will. Alles flattert, trippelt, stampft, schwankt, schwänzelt, stolziert oder flattert weg.

Und wie alle Musikerinnen und Musiker diese Geschehnisse umgesetzt haben, verdient allerhöchsten Respekt, Bewunderung und eine riesige Portion Lob. Das war so einfallsreich, geschickt ausgespielt, klug gegliedert, so toll aufeinander abgestimmt, liebenswürdig – elegant, witzig und voller Anteilnahme. Die Menge an wechselvollen Gefühlen klang einfach grandios auf. Ins riesig verdiente Kompliment seien alle eingeschlossen, die sich so nachhaltig einzufühlen und zu interpretieren wussten.

Und wenig später wurde man mit der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug in die Welt von Béla Bartòk (1881 – 1945) entführt. Man wurde gewaltig verwöhnt – dank meisterhaftem Interpretieren, dank Wecken vieler Gefühle, ab Geheimnisvollem hin zu wuchtiger Dynamik, zu Lautem, Schrillem, Zurücksinken in Traum und Ruhe, dank kunstvollster gegenseitiger Abgestimmtheit, am Schluss ganz ruhig ausklingend.