Am 1. September 1824 bestiegen die beiden Bündner Jäger Placidus Curschellas von Truns und Augustin Bisquolm von Disentis erstmals den mit 3612 Meter über Meer höchsten Punkt des Glarnerlandes, den Tödi. In diesem Jahr wird diesem Geburtstag der entsprechende Raum gewährt, um dieser Leistung den gebührenden Respekt zu erbringen. Der Tödi ist durch seine Form und seine Grösse für viele von uns ein magischer Blickfang. Ein Blickfang, der eine majestätische Wirkung entfaltet und die Verletzlich- und Winzigkeit von uns Menschen offenbart. Trotzdem war es dem Mut, der Ausdauer und dem Pioniergeist geschuldet, dass man in ein bis dahin unbekanntes Gebiet vordrang.
Das Vorhaben zur Besteigung des Tödis gelang nicht beim ersten Versuch. Die ersten genauer bekannten Ersteigungsversuche stammen vom Ende des 18. Jahrhunderts von der Bündnerseite durch den Benediktinermönch und Alpenforscher Placidus a Spescha von Truns. Trotz wiederholter Anstrengungen gelang ihm selber aber die Ersteigung des Tödi nicht.
Grosse Herausforderungen benötigen Mut. Die Vorhaben benötigen aber auch die nötige Ausdauer, und eine Prise Pioniergeist, welche in der heutigen Zeit eher weniger denn mehr zu bemerken ist. Darüber hinaus wird ein gesundes Verhältnis, auch mit Niederlagen und äusserlichen Widrigkeiten umgehen zu können, vorausgesetzt.
Auch in der heutigen Zeit stehen wir vor herausfordernden Problemstellungen: Ob Klimaerwärmung, Fachkräftemangel, psychische Gesundheit, Vereinsamung – wir müssen zusammenstehen und gemeinsam nach tragkräftigen und breitabgestützten Lösungen suchen und diese in der Folge gemeinsam umsetzen. Es kann sein, dass diese nicht im ersten Versuch gelingen mögen. In diesen Fällen gilt es, einen weiteren Versuch zu starten und im Scheitern kein Versagen zu sehen, sondern den mutigen Pionieren den verdienten Respekt zu zollen.
Inspiration aus der Vergangenheit
Mut und Ausdauer zu haben sowie Rückschläge zu akzeptieren – das hat sich über Generationen hinweg bewährt und zeigt sich eindrücklich in den zahlreichen vergangenen Pionierleistungen, die zur Entwicklung im Glarnerland beigetragen haben. Allenthalben trifft man auf kleinere und grössere Wasserläufe, die für allerlei Zwecke genutzt wurden: zur Bewässerung, zur Energiegewinnung und zur industriellen Fertigung. An den sie säumenden Gebäuden und Fabrikanlagen kann man gut ablesen, dass das Gebiet der Linth und seiner Zuflüsse schon sehr früh industriell geprägt wurde – zuerst von der Textilindustrie, später kamen dann weiter Zweige wie die Bau-, Maschinen- und Chemieindustrie dazu.
Immer wieder mussten sich die Menschen im Glarnerland den Entwicklungen anpassen, Lösungen suchen, grosse Notlagen überstehen: Hungersnöte, Brände, industrielle Umwälzungen, geopolitische Veränderungen. Etliche Glarner wollten oder mussten ihr Glück woanders suchen, zum Teil weit weg in Russland oder Amerika. Der mitgenommene Glaube und die damit verwobenen Werte aus der Heimat – wie Mut, Ausdauer und Pioniergeist – halfen ihnen, durchzuhalten. So zeigte sich dies in der Neugründung von New Glarus in den USA, das sich dadurch zur blühenden Bauerngemeinde entwickeln konnte.
Ein Meilenstein, der die Entwicklung der Industrie in unserem Kanton positiv beeinflusste, erwuchs ebenfalls aus gelebtem christlichem Glauben und den in ihm verwurzelten Werten. Das wegweisende Fabrikgesetz kam an der Landsgemeinde 1864 auf Initiative von vier mutigen Fabrikarbeitern aus Luchsingen zur Abstimmung und wurde mit Pioniergeist angenommen. Es brachte als wichtige Änderung die Begrenzung der Arbeitszeit auf zwölf Stunden mit sich. Grossen Anteil am Gesetz hatte Pfarrer Bernhard Becker, Linthal, der unermüdlich gegen die damals unmenschlichen Verhältnisse in der Textilindustrie kämpfte.
Inspiration aus unseren geistlichen Wurzeln
Die Herausforderungen mögen sich gewandelt haben, doch die Grundwerte der Pioniere wie Becker, Curschellas, Bisquolm bleiben gleich. Eines dieser Werte – nämlich Ausdauer – fehlt heute unserer Gesellschaft im Vorwärtskommen besonders oft. Wir wollen alles sofort haben – möglichst einfach und billig. Ausdauer hat mit Geduld zu tun; Auch Geduld fehlt uns oft. Alles muss schnell gehen; Geduld haben wir kaum. Den Mutigen gehört die Welt, aber wir schwimmen in der Masse mit.
Auch in der Bibel gibt es Menschen mit Pioniergeist – Pioniere. Einer davon ist sicher Mose. Er hat dem israelitischen Volk das Gesetz gebracht und es aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt. Bis heute wird in Israel diese Tatsache als hohes Fest gefeiert.
Pioniere waren sicher auch die alttestamentlichen Propheten. Sie rüttelten das Volk auf, damit es nicht in Trägheit und Oberflächlichkeit versank. Weil sie den Menschen oft Unangenehmes zu sagen hatten, waren sie meist unbeliebt. Aber gerade so brachten sie das Volk weiter.
Ein Pionier war sicher auch Johannes der Täufer. Er brachte das Volk zur Umkehr und bereitete den Weg für Jesus vor. Dabei musste er sich selbst zurücknehmen – was er auch tat. Er liess Jesus den Vortritt.
Ein Pionier war sicher auch Jesus selbst. Er verkündete eine ungewöhnliche Botschaft, die bei den gewöhnlichen Leuten ankam, aber bei den Gesetzeshütern auf Widerstand stiess. Er brauchte wirklich Mut, seine Sache durchzuziehen. Aber es war seine Aufgabe, auch wenn es ihn schliesslich das Leben kostete.
Was er angestossen hatte, zog Kreise. Seine Apostel trugen es weiter in die ganze Welt hinaus bis zu uns. Die Pioniertat von Jesus hatte eine ungeheure Wirkung bis heute.
Pioniere müssen sich oft selbst zurücknehmen, bescheiden sein.
Pioniere brauchen ein inspirierendes Umfeld
Pioniere haben die Schweiz und den Kanton Glarus stärker und erfolgreicher gemacht. Ihr Kampf gegen die Natur und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten liess uns zu einer wohlhabenden Gesellschaft heranwachsen. Wir sind zu selbstbewussten Bürgerinnen und Bürgern geworden. Es gibt keine Grenzen mehr zwischen Wildnis und Zivilisation. Der Tödi ist bezwungen. Ungerechtigkeiten werden sofort bekämpft. Die grossen Errungenschaften sind vollbracht, die Welt entdeckt. Es ist dadurch eng geworden für die Pioniere und ihre Taten.
Wir hüten, wie es sich für gute Bürgerinnen und Bürger gehört, nun sorgsam unseren Besitz. Dies nicht nur materiell, sondern auch ideell in Form von Positionen und persönlichen Haltungen. Cancel Culture und Identitätspolitik sind die aktuellen Auswüchse davon, die Gräben in unsere offene Gesellschaft reissen. Sie stören den unvoreingenommenen Austausch miteinander empfindlich. Das ist kein fruchtbares Klima für Pioniertaten. Solche benötigen ein Umfeld, das geprägt ist von Freiheit, Toleranz und Chancen. Es lässt sich heute nicht mehr einfach in unbesiedelte, grenzenlose Abenteuer versprechende Gebiete ausweichen.
Es ist daher die Aufgabe von uns Bürgerinnen und Bürgern, hier wieder Räume für Pioniere zu schaffen und zu bewahren. Grundvoraussetzung dazu ist eine nicht ideologisch geprägte Diskussionskultur, die vorgeschlagene Lösungen alleine am Wohl der Gemeinschaft misst, aber auch eine vorurteilslose pragmatische Förderung von guten Ideen. Die Pioniere, die unser Staatswesen politisch und wirtschaftlich auf den Gipfel führten, waren diesem Geist verpflichtet. Besinnen wir uns auf sie, ihren Mut sowie ihre Ausdauer und inspirieren wir auch unseren Mitmenschen mit diesen Tugenden!
Bettagsmandat
Seit der Gründung des Bundesstaates 1848 hat der Dank-, Buss- und Bettag besondere Bedeutung als Zeichen staatlicher und konfessioneller Einigung. Zu diesem Zweck veröffentlichten die Kantonsregierungen jeweils eine Botschaft an das Volk, das sogenannte Bettagsmandat. Damit bieten sie ihren Bewohnern einmal im Jahr einen Halt an, um sich über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg auf gemeinsame Werte und Orientierungspunkte zu besinnen und zu verständigen. Das Bettagsmandat im Kanton Glarus verfasst der Regierungsrat zusammen mit zwei Vertretern der Landeskirchen.
Die Autoren
Sie nähern sich dem diesjährigen Thema – Mut, Ausdauer, Pioniergeist – aus unterschiedlichen Perspektiven an:
Regierungsrat Thomas Tschudi über «das Vorhaben zur Erstbesteigung des Tödis»;
Ratsschreiber Arpad Baranyi über «Pioniere, die ein inspirierendes Umfeld brauchen»;
Pfarrer der Römisch-Katholischen Kirche in Niederurnen Gebhard Jörger über «Inspiration aus unseren geistlichen Wurzeln»;
Pfarrer der Reformierten Kirche in Niederurnen René Hausheer-Kaufmann über «Inspiration aus der Vergangenheit».




