Mut zum Mittelmass

Es war der Freitag der langen Kleider und der Anzüge: 66 Maturandinnen und Maturanden feierten am 28. Juni mit ihren Angehörigen in der Aula der Kantonsschule – Landammann Kaspar Becker DBK übergab die Zeugnisse, Annabelle Sersch hielt eine flammende Rede für mehr Mut zum Neuen.



66 Maturandinnen und Maturanden feierten am 28. Juni in der Aula der Kantonsschule (Bilder: fridolin jakober)
66 Maturandinnen und Maturanden feierten am 28. Juni in der Aula der Kantonsschule (Bilder: fridolin jakober)

Bei ihrer Begrüssung bezog sich Rektorin Franziska Eucken-Bütler auf Georg Christoph Lichtenberg als den Entdecker des Unbewussten: «Ich vergesse das meiste was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiss aber so viel: beides trägt nichtsdesto-weniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.» Und sie ermahnte die nun bezeugten Reifen, dem Körper und dem Geist möglichst Zuträgliches zuzuführen – ob nun Diätküche, Deftiges oder auch das, «was nicht nach Ihrem Geschmack war». Darauf trällerten zwei dieser Maturae aus der Zauberflöte die Arie der Königin der Nacht, die ja ebenfalls übers Kochen spricht: «Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen.»

Komplizen suchen

Danach sprach eine, die an das Wilde glaubt: Schaupielerin und IT-Projektleiterin Annabelle Sersch erklärte ihren unkonventionellen Lebenslauf vom Betriebswirtschaftsstudium über die Theaterlaufbahn zur Senior ICT Projektmanagerin der Digital Solutions als Teil der Direktion Justiz und Inneres im Kanton Zürich – sie entwickelte eine App, die den Gefängnisalltag revolutioniert. Neben Mut zum Mittelmass riet sie, der Vergangenheit «Tschüss!» zu sagen. Ihre eigene Zeit an der Kanti memorierte sie aber recht genau, von den HDL-Briefchen über Pink Vodka bis zu «die Eltern nerven». Sie habe eine genaue Vorstellung davon gehabt, die ungerechte Welt zu verändern. «Die vorgestellte Geschichte passiert nicht», stellte sie fest, doch wo immer man sich in einer falschen Geschichte finde, gelte es, zu verschwinden. «Mich beruhigt es zu wissen, dass ich immer gehen kann.» Sie forderte die Maturand/-innen auf, die Welt durcheinanderzubringen. «Ihr seid schon jemand.» Es gelte, Kinder und Jugendliche in die Politik einzubeziehen und diese nicht den 70-Jährigen zu überlassen. Und: «Sucht euch Komplizen, für das was ihr tun wollt. Irgendeiner hat es schon versucht.»

Kameraden kennenlernen

Maturandin Nadine Dürst bezog sich auf die Highlights – auf die Maturareise, die Skilager –, wo man die Lehrpersonen und seine Klassenkameraden bei ausserschulischen Aktivitäten neu kennenlerne. In einem ironischen Gedicht erwähnte sie, was jetzt vorbei sei – Differential und Biopsychologie. Derzeit sei man in einem Fronten-Hoch zwischen Tief «Kanti» und Tief «Studium», wo man die Krone richten, durchatmen und weitergehen könne. Landammann Kaspar Becker verteidigte sein Rederecht gegen die bereits auf die Bühne beorderte 6E mit der Begründung, die Diplome seien eh noch nicht hier, und verglich Lernen mit dem Schwimmen gegen den Strom. Er sehe hier nur strahlende Gesichter: «Als Politiker bin ich mir anderes gewöhnt.» Becker würdigte die Matura als Höhepunkt des Allgemeinwissen und gratulierte namens des Regierungsrates. Dann gab’s das Zeugnis und die Rose, das Photoshooting mit den Jungs als «Bachelors» auf den Knien und schliesslich das obligate «We are the champions». Die drei Noten-Champions Noelia Cheridito, Patrik Müller und Damaris Loser bekamen die Extra-Rose und der Fächer der angepeilten Studien ist so breit, dass er diesen Artikel sprengt.