Nadelmalerei – die leidenschaftliche Passion von Kaminfeger Ernst Fischli

Eigentlich war die Absicht des Berichterstatters, im Rahmen eines Interviews über ein ausgefallenes und schweizweit einzigartiges Hobby zu berichten, welches der in Netstal wohnhafte ehemalige Kaminfeger und heutiger Rentner Ernst Fischli seit Kindesalter bis heute mit viel Herzblut betreibt. Dieses Hobby nennt sich Nadelmalerei und darf marginal mit dem traditionellen Sticken verglichen werden.



Aus dem vorgesehenen Interview wurde aber eine längere Lebensgeschichte von einen liebeswürdigen, charmanten und humorvollen, mit 91 Lenzen immer noch äusserst agilen Mann, der in seinem Leben viel erlebt hat und deshalb auch viel zu erzählen weiss. Gemeinsam mit seiner lieben Gattin Helen verbringt das Ehepaar Fischli im schmucken Chalet an der Mattstrasse in Netstal seinen Lebensabend, umgeben vom schönsten Rosengarten weit und breit, und einem selbstangelegten, prächtigen Bergblumengarten. Deshalb ist sein gepflegter Garten zugleich sein ganzer Stolz. Daneben betreibt der rüstige Rentner zahlreiche Hobbys wie das Bemalen und Beschriften von Treicheln, Bauernmalerei und wie bereits erwähnt die Nadelmalerei.

Vom Schuhmacher zum Kaminfeger

Eigentlich wollte Ernst Fischli als junger Bursche den Beruf eines Bildhauers erlernen. Schon damals hatte er Affinität zur Kunst. Aus finanziellen Gründen konnten ihm seine Eltern diesen Wunsch leider nicht erfüllen. So startete der junge Mann eine Lehre als Laborant in der Kartonfabrik in Ennetbühls. Schnell musste er einsehen, dass auch dieser Beruf nichts für ihn war. Positiv für ihn war, dass er wegen mangelnder Arbeitsaufträge viel Zeit hatte, sein künstlerisches Talent mit Malen von Bildern auszuüben. Bereits mit 19 Jahren musste er in die Rekrutenschule. Im Anschluss führte ihn sein Weg zurück nach Ennenda in die Firma Holenstein AG, welche damals bekannt war für den Druck von qualitativ hervorragenden Batikstoffen, die in alle Welt exportiert wurden. Dort durfte er wie sein Vater mit Model und Hammer tolle, farbenprächtige Stoffe von Hand bedrucken. Seine ausserordentlichen handwerklichen Fähigkeiten blieben bei den Verantwortlichen nicht unbemerkt und bald einmal war er Meister im Maschinensaal. «26 Frauen hatte ich unter mir, natürlich nur beruflich», frotzelte er in seiner bekannten Manier. Ein glücklicher Umstand ermöglichte ihm, das Geschäft von Kaminfeger-Meister Trümpy in Ennenda zu übernehmen. Doch vorerst musste er noch die Kaminfeger-Lehre absolvieren, welche er mit Bravour bestand. Nachdem er offiziell von der Gemeinde als Kaminfeger gewählt wurde, blühte er in seinem Beruf buchstäblich auf. Viele seiner ehemaligen Kunden erzählen noch heute über den smarten und charmanten Kaminfeger aus Ennenda, bei dem Sauberkeit und Perfektion in der Ausübung seiner Tätigkeit bis zum heutigen Tage im Vordergrund standen und immer noch stehen. 

So fing das mit der Nadelmalerei an

Seine Mutter war Wirtin im Restaurant Löwen in Ennetbühls. Spannend und mit leuchtenden Augen erzählt mir Ernst aus dieser Zeit und wie er auf den Geschmack der Nadelmalerei gekommen ist: «Bei uns im Restaurant arbeiteten ab und zu auch Serviertöchter aus dem Appenzellischen. Manchmal habe ich diesen interessiert zugeschaut, wie sie kunstvolle Trachtentüchlein stickten. Mit der Zeit kam in mir der Wunsch auf, selbst einmal zu sticken. Um meinen Wunsch zu realisieren, musste ich meiner Mutter in einem guten Moment Leinenfetzen, Nadel und Strickgarn stehlen. Mein erstes Kunstwerk war der Kopf einer Kuh, den ich klammheimlich in der Nacht im Bett und in manchmal schlaflosen Nächten realisierte.» Und sein erstes Kunstwerk durfte sich sehen lassen. So sehr, dass später ein deutscher Hochkaminbauer ein anderes, etwas grösseres Bild unbedingt kaufen wollte und deswegen mit dem schon damals schlitzohrigen Ernst einen Kuhhandel einging. So durfte er einen Tag lang beim Renovieren beim Hochkamin bei der Teppichfabrik Ennenda mithelfen. Doch zurück zu den Anfängen seiner Kunst als Nadelmaler. Tagtäglich hat der kleine Ernst im Alter von 10 Jahren in der Wirtschaft seiner Mutter gestickt und dabei haben ihm die Gäste bei seinem für Buben eher ungewöhnlichen Hobby zugeschaut. Da gab es solche, die motzten: «Das isch doch ä Halbwiibene» und Sticken sei doch eine Arbeit für Frauen. Doch Ernst liess sich von solch dummen Äusserungen nicht beirren.

Jagdszenen und Tiere sind seine Lieblingsmotive

Seine Bilder wurden immer grösser und sein Talent zur Nadelmalerei blieb der Gesellschaft nicht verborgen. Immer mehr Leute, vor allem die Glarner Jägerschaft, interessierten sich um seine Kunstwerke, die hauptsächlich aus Wildtier-Motiven stammten. Diese entnahm er aus Jagd-Kalendern, Jagdzeitschriften und Fotos, die ihm als Vorlage dienten. Guten Freunden malte er auf speziellen Wunsch hin direkt auf ihre Pullover, Hemden spezielle Sujets und Logos. Einmal ermöglichte ihm ein Fabrikant aus Netstal, zugleich Mitglied des Glarner Jagdvereins Diana, eine Ausstellung mit seinen Bildern im Restaurant Waage in Glarus. Auf die Frage des Fabrikanten, was denn ein solches Bild koste, war die Antwort von Fischli: «Das kann man nicht bezahlen, da stecken rund 2000 Stunden Arbeit dahinter.» «Wenn du noch eine Null daraufsetzst, dann kauf ich dir das Bild», versicherte ihm dieser. Anderntags konnte Fischli wie vereinbart das Geld auf dem Sekretariat des Firmenbesitzers abholen. Doch geht es ihm bei seiner Nadelmalerei keinesfalls ums Geld, sondern um die Freude und die Leidenschaft zu seinem Hobby. Wünschen wir unserem Protagonisten Ernst Fischli, dass seine Leidenschaft und Passion zur Nadelmalerei noch viele Jahre andauert und er noch viele schöne Stunden mit seiner lieben Frau Helen verbringen darf. Dazu wünschen wir ihm beste Gesundheit und viel «Gfreuts».