Näfelser Fahrt 2023: «Zuversicht in turbulenten Zeiten»

In seiner Fahrtsrede wünschte Landesstatthalter Kaspar Becker den Menschen Hoffnung und Zuversicht in einer krisengeschüttelten Welt. Für die Zukunft brauche es den Mut, Visionen und neue Denkanstösse zuzulassen.



An der Näfelser Fahrt gedenken die Glarner der Schlacht von Näfels vom 9. April 1388 • (Archivbild: Waldrapp)
An der Näfelser Fahrt gedenken die Glarner der Schlacht von Näfels vom 9. April 1388 • (Archivbild: Waldrapp)

Am 9. April 1388 stellten sich einige hundert Glarner, unterstützt von Urnern und Schwyzern, einem übermächtigen Habsburger Heer in Näfels entgegen und besiegten es. Jedes Jahr gedenken die Glarner den Gefallenen und ihrem Kampf für die Unabhängigkeit an der Näfelser Fahrt. Landesstatthalter Kaspar Becker wünschte den Menschen in seiner Fahrtsrede im Schneisigen den Mut, sich für eine bessere Welt einzusetzen und dabei hoffnungsvoll und zuversichtlich zu bleiben. Es brauche mehr denn je Menschen mit guten Ideen und solche, die an neue Lösungsansätze glauben. 

Fahrtsrede 2023

von Landesstatthalter Kaspar Becker

Hochgeachteter Herr Landammann
Hochvertraute liebe Mitlandleute
Liebe Gäste

Es ist mir eine Ehre, heute meine erste Fahrtsrede halten zu dürfen – eine Gedenkrede anlässlich eines für uns Glarnerinnen und Glarner sehr wichtigen Jahrestages.

An der Näfelser Fahrt erinnern wir uns daran, welch turbulente Zeiten die Glarnerinnen und Glarner im 14. Jahrhundert erlebt haben. Das Land Glarus war einst Spielball anderer Mächte, hin- und hergerissen zwischen dem Bund mit eidgenössischen Orten und der habsburgischen Herrschaft. Mit dem Sieg in der Schlacht von 1388 ebneten sich die Glarner den Weg zur vollwertigen Integration des Landes Glarus in die Schweizerische Eidgenossenschaft. Sie zeigten Widerstandsgeist und Freiheitswille, in der Hoffnung, ihre Lebenswelt zum Besseren verändern zu können.

Angesichts einer krisengeschüttelten Welt, sich wiederholenden Nachrichten von Klimakatastrophen und Kriegen – manche weit entfernt, andere beängstigend nahe –, Erschütterungen in Finanz- oder Energieversorgungssystemen bis hin zu Zusammenbrüchen von Institutionen, wird es immer schwieriger, optimistisch und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Viele von uns sehnen sich aber nach einer guten, gerechteren Welt, einer Welt, die auch unseren Nachkommen eine lebenswerte Grundlage bietet, in der sie sich wohlfühlen und entfalten können. Ein amerikanischer Philosoph, William James, sagte einmal: «Was sollen wir tun? Stark und guten Mutes sein! Zum Besten handeln, das Beste hoffen und nehmen was kommt ...». Ein Motto, das Zuversicht und Unerschütterlichkeit ausstrahlt.

Auch wenn die Zeiten schwierig sind, sei dies nun bezogen auf die Weltlage oder auch im persönlichen Umfeld, scheint es mir wichtig, daran zu glauben und zu arbeiten, die Welt für unsere Kinder besser zu machen.

Dazu brauchen wir positive Zukunftsentwürfe, die uns motivieren, den Weg in die Zukunft aktiv zu gestalten und auf diese Zukunft hinzuarbeiten. Wir brauchen neue Ideen und Menschen, die an neue Lösungsansätze glauben. Diese Menschen sehen vielleicht Ansätze, die andere noch nicht sehen können. Neue Denkansätze mögen zuweilen die Vorstellungskraft unserer Zeit noch sprengen. Die Vergangenheit zeigt aber auch, dass wir oft dank dieser Visionäre über uns hinausgewachsen sind.

So inspirierte der Schriftsteller Jules Verne, welcher im 19. Jahrhundert gelebt hat, seinerzeit Erfinder und Entdecker, die bereits in den 1930er-Jahren Tauchgänge bis in 923 Meter Tiefe unternahmen. In seinem Roman «Von der Erde zum Mond» von 1865 beschrieb er eine bemannte Mondmission. Knapp hundert Jahre später umkreiste der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 erstmals die Erde. Mittlerweile wurden und werden mehrere bemannte Raumstationen betrieben. Über 600 Menschen absolvierten bis heute Raumflüge. Was für die Gesellschaft im 19. Jahrhundert undenkbar erschien, ist für uns Realität.

Jules Verne lebte in der Zeit der industriellen Revolution. Er mag ein Futurist gewesen sein, doch nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern haben versucht, seine Visionen wahr werden zu lassen. Er hat in seinen Büchern Dinge beschrieben, die erst im 20. oder 21. Jahrhundert Realität geworden sind. Jules Verne glaubte offensichtlich an die Zukunft. Wir brauchen heute mehr denn je Denker, die sich eine zukünftige Gesellschaft vorstellen können, welche zentrale Probleme der Gegenwart gelöst haben wird. Selbstverständlich dürfen wir diese Ideenentwicklung kritisch begleiten, wir sollten den Denkprozess aber nicht unterbinden und auch nicht jene verunglimpfen, die sich für eine bessere Zukunft mit visionären Denkansätzen engagieren, auch wenn ihre Vorschläge heute noch nicht in unser Welt- und Alltagsbild passen.

Hochvertraute liebe Mitlandleute, geschätzte Gäste

Mehr als in vergangenen Jahrzehnten beschäftigen wir uns in der Gesellschaft, der Politik, in der Wirtschaft und Wissenschaft mit unserer Zukunft. Dabei ist es uns leider nicht in allen Themen vergönnt, wie der Schriftsteller Jules Verne ein futuristisches Bild zu malen, das sich vielleicht in mehreren Jahrhunderten realisieren könnte. Uns beschäftigt zurzeit die Zukunft, wie sie uns in den nächsten Jahrzehnten begegnet. Dabei geht es um Themen wie das Klima beziehungsweise die Klimaneutralität, die Mobilität der Zukunft, das Bevölkerungswachstum bzw. der Umgang mit Migration, die Einbindung der Digitalisierung in unseren Alltag und in die Arbeitswelt – Themen, die zum Teil auch als grosse Treiber des Wandels, sogenannte Megatrends, bezeichnet werden. Oft genanntes Datum in diesem Zusammenhang: Das Jahr 2050.

Etwas kritisch wurde in der Neuen Zürcher Zeitung dazu geschrieben, ich zitiere: «Das Jahr 2050 ist das ideale Jahr: Es liegt genug nah in der Zukunft, um noch etwas mit der Gegenwart zu tun zu haben. Und es liegt genug fern in der Zukunft, um nicht zu viel mit der Gegenwart zu tun zu haben. Bis im Jahr 2050 kann die Menschheit die Welt verändern, bis dann kann sich die Welt aber auch von allein verändern. Politikerinnen und Politiker, die die Welt verändern wollen, ziehen sich mit Visionen für das Jahr 2050 nicht zu sehr aus der Verantwortung, und gleichzeitig werden sie im Jahr 2050 auch nicht mehr in der Verantwortung stehen. 2050 liegt in der Mitte des Jahrhunderts und in der Mitte zwischen Machbarkeit und Utopie. Wäre das Jahr 2050 ein Wort, es hiesse: bald. Noch ist nicht alles gut, aber bald.». Zitat Ende.

Lässt man den etwas zynischen Unterton im Artikel der NZZ beiseite, so hat sich die Schweizer Politik einen machbaren Horizont für Veränderungen in Themen wie den Umgang mit dem Klimawandel beziehungsweise das Erreichen von Klimaneutralität als Zielsetzung oder auch in der Lenkung der Mobilität gesetzt. Mir scheint es besser, dass wir uns an einem Zeithorizont orientieren, in welchem wir uns machbare, aber ambitionierte Ziele setzen, als gar keine Perspektiven zu entwickeln. Eine Utopie würde uns bei den gegenwärtigen Herausforderungen, die wir bereits in den nächsten Jahrzehnten gelöst haben müssen, kaum helfen. Dennoch: Jules Verne hat uns gezeigt, dass Utopien der Gegenwart in der Zukunft durchaus eine Berechtigung haben können. Wichtig ist in erster Linie, eine Zukunftsvision zu haben, die motiviert, sich dafür zu engagieren und Veränderungsprozesse anzugehen und anzunehmen.

Liebe Mitlandleute, gerne möchte ich Ihnen heute Folgendes mitgeben: Seien Sie mutig für eine bessere Welt, wie dies auch unsere Vorfahren waren. Schauen Sie trotz schlimmer Ereignisse positiv und mit Hoffnung in die Zukunft. Die Zuversicht ist die Motivation, die uns antreibt, für ein weiterhin gutes, ja besseres Leben und eine bessere Welt einzustehen. Für uns und für unsere Nachkommen. Denn wer die Hoffnung verliert, steht schon mit einem Bein im Nichts. Seien wir also zuversichtlich und hoffnungsvoll.

In diesem Sinne bitte ich für Land und Volk von Glarus um den Machtschutz Gottes.