Netstaler sind sich Staublawinen gewöhnt

Die letzten Tage waren geprägt von ausgiebigen Schneefällen, die im ganzen Alpenraum von der Menge eher als selten einzustufen sind. Im Vergleich zu unseren Nachbarn in Österreich und in Bayern kamen wir hier im Glarnerland bis jetzt glücklicherweise mit einem blauen Auge davon. Trotzdem wurde gestern die Gefahrenstufe auch im Kanton Glarus auf die höchste Stufe 5 gesetzt. Das heisst «sehr grosse Gefahr» und musste bis jetzt von den zuständigen Instanzen selten ausgerufen werden.




Das Dorf Elm war kurzzeitig wegen Lawinengefahr von der Umwelt abgeschlossen. Auch in Netstal wurden die Spazierwege von den verantwortlichen Instanzen in die Hinter Allmeind gesperrt. Nicht ohne Grund, wie der Berichterstatter auf einem seiner obligaten Spaziergänge gestern Dienstag erleben durfte. Dabei gelang ihm ein Prachtsschuss auf seiner Kamera. Hoch oben bei den «Bockbändern» ging ein Schneebrett los und löste eine Lawine aus, die in rasender Geschwindigkeit immer grösser wurde und über die «Höchwand» in majestätischer Grösse ins Tal fiel. Trotz der Grösse kamen die Schneemassen nur bis auf den Altiger-Hügel, wo sich bereits jetzt schon ein grösserer Lawinenkegel aufgebaut hat.

«D’Staublaui chunnt!»

Die Netstaler leben seit jeher mit ihren Lawinen. Urgewalten, welche schon manchen «Schamauch» allein schon beim Erzählen in Angst und Schrecken versetzten. Für die Bewohner des Dorfes am Fusse des Wiggis gehören diese spektakulären Naturereignisse schon beinahe zur Gewohnheit. Der Gefahren bewusst, begegnen die Menschen im «Lauidorf» diesen Naturgewalten mit grossem Respekt, aber trotzdem mit stoischer Ruhe. Schon in der Schule lehrt man die Kinder, wie sie sich verhalten sollen, falls sie einmal in eine Staublawine geraten. Da heisst es, sich sofort auf den Boden legen, mit den Armen oder Händen den Kopf schützen und versuchen, die Atemwege einigermassen frei zu halten. Vor allem die Ruhe bewahren, auch wenn wegen der Druckwelle im ersten Moment das Atmen schwerfällt. Wenn die Zeit noch reicht, sich in einen Hauseingang oder einen Unterstand retten. Doch meistens ist es zu spät. Die Staublawine kommt schnell, sehr schnell sogar und vor allem lautlos wie ein schleichendes Gespenst mit riesigen Armen, wie eine Krake, breit um sich greifend, kalt und zerstörend.

Grösstes Lawinenunglück im Jahr 1817

Gefährlich für das Dorf Netstal werden oft nach starkem Schneefall die mächtigen Lawinen, die von den steilen Felswänden des Wiggis herabfallen. Die Schlimmste, von der wir Kunde haben, war diejenige im Jahre 1817. Ein Augenzeuge schildert dramatisch das Ereignis mit folgenden Worten:

«Wir Kinder gingen morgens um acht Uhr zur Schule. Der Schnee lag fusshoch. Es schien, als wäre Regenwetter im Anzuge. Alles hatte Furcht vor Lawinen. Kaum waren wir eine halbe Stunde im Schullokal im oberen Stock des sogenannten «Stüblihauses», als plötzlich mit donnerartigem Gekrache stockfinstere Nacht eintrat. Wir meinten, der jüngste Tag wäre gekommen und weinten und heulten fürchterlich. Als es wieder hell geworden, sahen wir, dass unser Schulhaus seines Daches beraubt und das Treppenhaus weggeschleudert worden war, sodass wir Kinder vermittelst Leitern heruntergebracht werden mussten. Und welchen Anblick bot uns das ganze Dorf dar! Die meisten Häuser waren teilweise zerstört. Hunderte von Bäumen waren entwurzelt und weit von ihrem Standort weggetragen. Der Schaden war amtlich auf 150 000 Franken heutiger Währung geschätzt. Von dieser grossen Lawine des Jahres 1817 wird man nach hundert Jahren noch reden.»