Neuseeland hat hervorragend auf die COVID-19-Pandemie reagiert

Eindrücklich schildert der Exil-Netstaler und seit über 30 Jahren in Neuseeland wohnende ehemalige Meeres-Biologe und heutige Rentner Heiri Kaspar die aktuelle Corona-Pandemie-Situation am anderen Ende der Welt, genauer gesagt in Neuseeland. Als profunder Kenner dieses Landes und dank einem ausgezeichneten Beziehungsnetz ist er über die aktuellen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Geschehnisse im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bestens informiert.



Bei meinen Recherchen über die Entwicklung der Corona-Pandemie in anderen Ländern der Welt habe ich mich an meinen Schulkollegen Heiri Kaspar erinnert. Heiri ist in Netstal aufgewachsen und in die Schule gegangen. Die Familie Kaspar wohnte ganz in der Nähe der Milchzentrale in einem stattlichen Wohnhaus an der Ecke Kantonsstrasse-Tschuoppisstrasse. Auf meinen Wunsch hin hat mich mein Schulkollege mit einer Fülle Informationen gefüttert, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen. In komprimierter Form versuche ich dem Leser einige Eindrücke zu vermitteln, wie dieses Land am anderen Ende gegen den kleinen, unerwünschten, perfiden Fiesling kämpft.

Neuseeland – die Perle im Pazific

Neuseeland liegt im Südwestpazifik und besteht aus zwei Hauptinseln, die beide durch Vulkane und Vergletscherung geprägt sind. Die Hauptstadt Wellington auf der Nordinsel ist Sitz des grossen Nationalmuseums Te Papa Tongarewa. Der spektakuläre Mount Victoria in Wellington sowie die Regionen Fiordland und Southern Lakes auf der Südinsel dienten in der «Herr der Ringe»-Trilogie als Kulisse für Tolkiens mythische Mittelerde. Mit Stand von 2018 zählt Neuseeland eine Bevölkerung von 4,886 Millionen Menschen. Neuseeland ist umgeben von einem Wassergraben von mehreren tausend Kilometer Breite. Sämtlicher Verkehr ins Ausland wickelt sich auf ein paar wenigen Flugplätzen und Häfen ab. Das vereinfacht natürlich die Kontrolle des Verkehrs mit dem Ausland. Das Land ist achtmal so gross wie die Schweiz und hat etwa die Hälfte Einwohner. Ein Drittel der Einwohner leben in Auckland und Umgebung und ein weiterer Viertel in anderen Städten mit über 100 000 Einwohnern. Neuseeland ist dünn bevölkert und die meisten Menschen leben in Städten, die allerdings nicht so dicht bevölkert sind wie in der Schweiz.

Keine Kapazitätsprobleme und wenig Todesfälle

Neuseeland hat 153 Betten in Intensivstationen. Es war deshalb von Anfang an klar, dass das Spitalsystem einer uneingeschränkten COVID-19-Pandemie nicht standhalten könnte, geschweige denn gleichzeitig noch die üblichen Krankheiten und Unfälle zu bewältigen. Im Notfall könnten rund 600 Betten für ernsthafte COVID-19-Fälle gebraucht werden. Der erste Fall eines Patienten mit dem Convid-19-Virus registrierte die Gesundheitsbehörde am 28. Februar 2020. Am 28. März verzeichnete Neuseeland 73 neue Fälle. Dieses Datum war gleichzeitig der Start zu einem vierwöchigen Lockdown. Am 28. April, also exakt einen Monat später, verzeichneten Neuseeland vier neue Fälle und dank diesen erfreulichen Tatsachen konnten die Restriktionen in Neuseeland mittlerweile etwas gelockert werden. Bis am 8. Mai wurden insgesamt 1490 Patienten positiv getestet. Davon haben sich mittlerweile 1347 von der Krankheit erholt. Zurzeit liegen noch drei Convid-19-Patienten im Spital, müssen aber nicht intensiv behandelt werden. Insgesamt müssen 21 Todesfälle beklagt werden, wovon zwei Person über 60 und alle anderen über 70 Jahre alt waren. Etwa ein Drittel der Fälle lässt sich in 16 Gruppen von mehr als 10 Fällen pro Gruppe unterbringen, beispielsweise Hochzeiten, Konferenzen, Schulen, Altersheime und Kreuzfahrtschiffe. Zehn von diesen Gruppen sind verbunden mit Auslandreisen. 70% sind direkt oder indirekt mit Auslandreisen verbunden, 24% sind lokal infiziert und epidemiologisch verbunden, 4% sind lokal infiziert ohne bekannten Ursprung, 1% wird noch untersucht. Insgesamt wurden 176 000 Tests gemacht. Neuseeland darf von sich behaupten, dass es in einer geografisch privilegierten Situation ist, kleine Zahlen aufweist, gute Analysen besitzt und von einem ausgezeichneten Know-how und Daten profitieren kann. Der Erfolg bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie muss aber auch einer schnell handelnden Regierung zugesprochen werden. Das Gesundheitssystem in Neuseeland hatte deswegen zu keinem Zeitpunkt Kapazitätsprobleme und der menschliche Verlust ist minimal.

Prime Ministerin ist der Darling des Volkes

Die Regierung unter Premierministerin Jacinda Ardern macht einen hervorragenden Job. Sie und ihre Regierung handelten schon vor dem Ausbruch des COVID-19-Virus in Neuseeland sehr schnell und kompetent. Prime Ministerin Ardern ist mit ihren 39 Jahren nicht nur eine kompetente Krisenmanagerin, sondern auch der Darling des Volkes. Ashley Bloomfield als höchster Bürokrat im Gesundheits-Ministerium wurde zum Volkshelden. Hingegen ist David Clark (Minister für Gesundheit) nur noch befristet im Amt. Er hatte zweimal die Lockdown-Regeln verletzt. Die Opposition ist eher schwach, es gibt aber Stimmen, die vorhersagen, dass die Mitte-Rechts National Party die Wahlen später in diesem Jahr gewinnen werden, weil die Labour-Regierung die Wirtschaft ruiniere.

Dank einem 4-Phasen-System die Pandemie im Griff

Die Massnahmen der neuseeländischen Regierung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Neuseeland starteten am 28. März und wurden in 4 Phasen aufgeteilt:
Phase 4 begann mit dem Lockdown. Das hiess im Klartext: Die Menschen müssen zuhause bleiben. Ein enger Kontakt ist nur mit Menschen in derselben «Blase» gestattet! Das betrifft Haus- oder Wohnungsgenossen. Supermärkte, Tankstellen und Apotheken haben offen, aber praktisch kontaktlos. Wichtige Unternehmen dürfen weiterhin produzieren und die Arbeiter dürfen in diesen Unternehmen ihrer Arbeit nachgehen. Auch hier gilt wie überall das Social Distancing mit dem 2 Meter Abstand. Reisen im Inland und ins Ausland sind verboten. Hingegen sind Joggen, Spazieren, Biken in der Nachbarschaft erlaubt. Die Wirtschaft ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Früchte dürfen aber geerntet werden. Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Diese drastischen Massnahmen wurden aber am 28. April aufgrund der Fallzahlen faktisch beendet. Phase 3 ist vorerst einmal bis zum 11. Mai beschränkt. Sie erlaubt gewisse Erleichterungen bei den Massnahmen. Die «Blase» darf ein bisschen erweitert werden, zum Beispiel darf man die Grosseltern in der Nachbarschaft besuchen. Kinder bis 14 Jahre dürfen in die Schule respektive in den Kindergarten (aber nur etwa 2% gehen in eine Schule). Die meisten Geschäfte haben offen, müssen aber das Social Distancing genau einhalten. Das Reisen im In- und ins Ausland sind nach wie vor absolut verboten. Es dürfen sich Gruppen à 10 Personen treffen, beispielsweise an Beerdigungen oder Heirat. Sport darf nur innerhalb der «Blase» und mit keinem Risiko für Verletzungen betrieben werden. Bei der Phase 2 wird das Sozial Distancing auf 1 Meter reduziert. Es dürfen sich Gruppen bis 100 Personen treffen, vorausgesetzt, die Distanz von einem Meter kann eingehalten werden. Geschäfte, Betriebe und Schulen dürfen geöffnet werden unter Einhaltung der Verhaltensregeln. Reisen in die Region sind erlaubt, müssen aber begründet werden. Bei der Phase 1werden die Einreisen durch die Behörden strikte kontrolliert. Personen mit den typischen Symptomen müssen in Quarantäne oder Selbstisolation gehen. Es wird intensiv getestet und die Kontakte nachverfolgt. Selbstdisziplin wird in Neuseeland grossgeschrieben.

Neuseeland erwartet eine starke Rezession

Die Regierung greift tief in die Staatskasse und unterstützt die Wirtschaft mit beachtlichen Unterstützungsbeträgen. Damit will sie die Geschäfte am Leben erhalten und gleichzeitig die Arbeitsplätze der Menschen schützen. Angeblich wird die Unterstützung z.T. unrechtmässig beansprucht. Es wird eine starke Rezession erwartet. Die Tourismusbranche ist einer der grösste Devisenverdiener. Diese Industrie wird sehr viel Zeit und Geduld benötigen, damit sie sich erholen kann. Unter dem Strich darf man aber mit Fug und Recht behaupten, dass es der Bevölkerung von Neuseeland den Umständen entsprechend gut geht.