Orchestrina Chur in Schwanden – ein gar liebenswürdiges Gastspiel

Wenn einfach alles so zusammenstimmt, wie es am vergangenen Samstag in der reformierten Kirche Schwanden der Fall war, darf ohne Übertreibung von einem Glücksfall geschrieben werden. Durch den Kulturverein Glarus Süd war ein «Gastspiel» angekündigt worden, weil dem im Jahre 1994 entstandenen Ensemble unter anderem Anita Jehli, Cellistin und musikalische Leiterin, und die Flötistin Katharina Brunner angehören.



Beide haben enge Beziehungen zum Glarnerland und es war vielleicht so etwas wie ein «Heimspiel». Wenn man die musikalischen Karrieren der beiden hochqualifizierten Musikerinnen und deren Vielseitigkeit kennt, kam der Gang nach Schwanden einer sehr angenehmen Aufgabe gleich. Man fragte sich mit verständlicher Neugierde, was zu erwarten war. Und es sei vorweggenommen – enttäuscht wurde gar niemand. Das Orchestrina Chur besteht aus Musikerinnen und Musikern, die aufeinander spürbar abgestimmt sind, die klug, elegant und kenntnisreich auszugestalten vermögen, an einem breiten Repertoire mit Spielstücken aus ganz verschiedenen Epochen interessiert sind und die Fähigkeiten haben, sich sehr gewissenhaft und mit beneidenswertem Können in zuweilen sehr Forderndes einzuarbeiten.

Hätte der Kirchenraum in Schwanden den gleichen Glanz wie die ausgespielte Musik, müsste über eine erfüllende Vollkommenheit berichtet werden. Im Vordergrund stand das attraktiv zusammengestellte Programm mit verschiedenen Kompositionen der «Bach `schen Sippschaft», die ihr Handwerk wirklich verstand und Erfüllendes, Jahrhunderte Überdauerndes schrieb. Vieles ist erhalten geblieben, vermag Freude, Leidenschaften, Anteilnahme, Betroffenheit, Staunen und zahlreiche weitere Gefühle zu wecken.

Von Johann Ludwig Bach (1677 – 1731) stammt die mehrsätzige Suite G-Dur für Streicher und Basso continuo. Anita Jehli dirigierte mit grosser Umsicht, hoher Präsenz, klaren Forderungen und guter Direktheit zu allen Orchesterleuten. Diese Intentionen wurden bereitwillig aufgenommen und einfühlend umgesetzt. Es kamen Beschwingtheit, Anmut, Lebensfreude, Tanz und Lockerheit auf. Man weilte gerne in diesem formschönen, reizenden Ausgestalten, liess sich mittragen und genoss diese musikalische Vielfalt.

Eine erste Abkehr von der Barockzeit ergab sich mit «Stupendous Seas, To One Playing (2018 entstanden) von Trudi Strebi (*1966). Einem stillen Pizzicato des Orchesters folgte weit Tragendes, aus Verhaltenem wuchs eine intensive Spannung, die zuweilen schroffe Ansätze, dann wieder weite Ruhe aufwies. Die Vielzahl an Stimmungen – neben fast Schrillem stand Beschwörendes, waren hin und wieder in beinahe Geheimnisvollem eingebettet – weckten Anteilnahme. Dass der Applaus zu früh kam, war unerwartete Nebensache. Träumereien, Momente mit Plaudereien, Anmutiges und anderes schlossen an, endeten mit einem weiten, ins Nichts entschwindenden Basston. Die in der Kirche anwesende Komponistin durfte viel verdiente Anerkennung entgegennehmen. Sie zollte der Leistung des Orchesters spürbar starken Beifall.

Mit der Sinfonie in d-Moll von Johann Christoph Friedrich Bach (1732 – 1795) erfolgte so etwas wie eine Rückkehr in die vertrauten Harmonien des Barocks. Anmut, Festlichkeit, Tanz, Beschwingtheit und Frohmut waren klangvolle, erhebende Erlebnisse für die vielen Gäste.

Es schloss «Ritus» von Daniel Schnyder (*1961) an. Weit holte der Bassist aus, beinahe wimmernd begannen die Geigen mitzutragen. Die Klänge verdichteten sich, mündeten in Helligkeit, Schrilles, hurtig Dahineilendes, sanken wieder in ihren Ursprung zurück. Eine Fülle an Dramatik, Schroffheit, Bewegendem kam auf. Es waren spannende Momente, sich ablösend, wieder vereinend, in einen schnellen Schluss mündend. Dieses Werk erforderte hohes Können, die Bereitschaft auf Ungewohntes einzugehen.

Von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) erklang die Orchestersuite Nr. 2 in h-Moll, BWV 1067 für Flöte, Streicher und Bc. Mit hohem Können und grossem Einfühlungsvermögen wurde in gar formschöner Art ausgestaltet. Katharina Brunner gestaltete mit immenser Eleganz, Leichtigkeit, wusste sich vom Orchester bestens getragen. Es klang viel Kurzweil und Anmut in hervorragender Abgestimmtheit auf. Der Reichtum an Gefühlen war kaum zu erfassen. Kurzweil, Schönheit, Inniges, zuweilen beinahe überbordende tänzerische Fröhlichkeit wurden ausgespielt. Man liess sich mitnehmen in diese nichts als formschöne, lichtdurchflutete Klangwelt. Und zu Recht wurde ganz, ganz viel Beifall gespendet. Der organisierende Kulturverein überreichte Blumen als gehaltvoller, verdienter Dank. Eine Zugabe war wie ein Geschenk. Man lauschte Klängen von Mozart, die auf dem Heimweg wie nachklangen.