Ortstockhaus Braunwald – Berggasthaus, Architekturgeschichte

Das «Ortstockhaus» in Braunwald hat es mehr als verdient, bekannter zu werden. Es gilt als einer der wichtigsten Zeitzeugen der architektonischen Moderne und ist mit dem glarnerischen Architekten Hans Leuzinger eng verbunden. Heute ist das Haus ganzjährig gewartet und hat sich erfreulicherweise zu einem ganz speziellen Ort der Begegnung entwickelt.



Die Geschichte zum Heute ist lange, aufgezeichnet im bemerkenswert sorgsam und reichhaltig ausgestalteten Bildband «Ortstockhaus Braunwald – ein Berggasthaus in den Glarner Alpen». Verfasser sind Michael Hanak und Christof Kübler. Die Buchvernissage war im Kunsthaus Glarus angeboten.

Der Ort für die Vernissage war sehr bewusst gewählt, ist dieser Bau doch ebenfalls Hans Leuzingers Werk. Es gab wenige, bemerkenswert kurze Reden. Umso mehr Zeit blieb für Gedankenaustausch und Verweilen – und dem ersten Einblick in ein Buch, das wertvoller Zeitzeuge für eine hoffentlich grosse Zahl von Interessierten sein wird. Zum Begegnen eingeladen hatte die OSH Braunwald GmbH mit Margrit Althammer, Peter Birrer, David Burkhard, René Hochuli, Marlen Pratter und Marion Steiger und Verantwortliche des AS-Verlages.

Es braucht Mut, hohes Engagement, viel Sachwissen und eine gehörige Portion Beharrlichkeit, um ein derartiges Vorhaben umzusetzen. Und wenn sich das über eine lange, gewiss ungemein fordernde Zeitspanne hinweg in guter, konstruktiver Weise fügt, steht dem guten Gelingen nicht mehr allzu viel im Weg.

Dem Vorwort des Buches ist beispielsweise zu entnehmen, dass Architekt Hans Leuzinger (1887 in Glarus geboren, 1971 in Zollikon verstorben) anno 1930 mit der Planung des kleinen Sporthauses begann. Auftraggeber war der Schwandner Peter Tschudi. Er wollte mit diesem Begegnungsort den wachsenden Fremdenverkehr in unserer Region fördern. Die leichte Zugänglichkeit auf der Braunwaldalp kam ihm dabei sehr entgegen. Das Sporthaus war ganzjährig bewirtschaftet.

Nach rund 85 Jahren waren die einstigen Qualitäten stark eingeschränkt. Das Haus hatten einigen Glanz eingebüsst. Die einstige Gesamtheit liess sich auch wegen verschiedener An- und Umbauten nur noch ansatzweise erahnen. Sinnrichtig steht im Vorwort geschrieben: «Die dunkelgrau eingefärbten Eternitplatten waren verblasst. Der leuchtend rote Anstrich des Dachgebälks liess sich nur noch erahnen. An- und Umbauten hatten die einfache und harmonische Gebäudeform verunklärt.»

Das Besondere dieses Hauses ist glücklicherweise spürbar geblieben. Um dieses wertvolle architektonische Erbe zu erhalten, die Ursprünglichkeit wieder zu wecken und den Weiterbestand als Berggasthaus mit ganzjährigem Betrieb zu sichern – dies mit Maja Rhyner und Hans Rauner – erwarb die OSH Braunwald GmbH das «Ortstockhaus» im Sommer 2015. Im Folgejahr wurde eine umfassende Sanierung durchgeführt. Die architektonischen Qualitäten des Baus und Anforderungen an einen zeitgemässen Gastbetrieb waren «unter einen Hut» zu bringen. Bund, Kanton, Gemeinde und die kantonale Denkmalpflege leisteten willkommene und wertvolle Beiträge für dieses «Denkmal von nationaler Bedeutung» – wie es im Vorwort erwähnt ist. Eine weitere Absicht der Herausgeber ist mit dem Verfassen von spezifischen Beiträgen über die architekturhistorische Bedeutung dieses Pionierbaus realisiert worden. Im Herbst 2016 wurde das «Ortstockhaus» nach viermonatiger Bauzeit wieder eröffnet. Dessen Beachtung und Bekanntheit sind kontinuierlich gestiegen.

Weitere Buchinhalte  

Eine Vielzahl stimmiger Fotos gehört untrennbar zu den verschiedenen Texten. Der im Landesarchiv Glarus aufbewahrte Nachlass von Hans Schönwetter (1906 – 1997) gestattet wertvolle Einblicke. Hans Schönwetters Tätigkeit als Porträt-, Studio- und Landschaftsfotograf zeugt von hohem Können. Dank ihm sind zahlreiche Baudokumentationen entstanden; einige im Auftrag von Hans Leuzinger. Schönwetter fotografierte häufig in Braunwald.

Christof Kübler befasst sich mit der «Suche nach der guten Form». Er stellt Hans Leuzinger, unter anderem auch sein Forschen im Bereich der Kunstgeschichte, ebenso Braunwald, Hotelbauten, Geografisches, das Bad Stachelberg, den Bau der Standseilbahn ab Linthal im Jahre 1907, die fortschreitende Industrialisierung im Tal vor und weist darauf hin, dass Leuzinger in den Ennetbergen ob Ennenda Ende der Zwanzigerjahre drei Häuser erbaut hat.. Baugeschichtliches, Stil und Ausstattung dieser Häuser des fach- und formenkundigen Leuzingers finden Erwähnung.

«Erinnerungen an die ersten Jahre» sind Hinführung zu einem Gespräch mit Regina Fischer-Tschudi über Persönliches und Peter Tschudis «Ortstockhaus». Die vielen Fotos sind eine willkommene Verdeutlichung und willkommene Ergänzung.

Michael Hanak befasst sich mit dem «Prototyp alpiner Architektur». Viel Architekturgeschichtliches samt jeweiliger touristischer Entwicklung sind in diesem Kapitel enthalten, zu dem Skizzen und Pläne dazukommen. Hanak stellt Tradition und Moderne Projektpläne, auswärtige Einflüsse, Verbindung von Architektur und Topografie und das Entstehen von Berghäusern in anderen alpinen Gegenden verschiedener Länder vor. Er formuliert die Erkenntnis, dass Hans Leuzinger mit dem «Ortstockhaus» einen Prototyp alpiner Architektur geschaffen hat.

Hannes Henz, Architekturfotograf, hat wertvolles, willkommenes Bildmaterial zu verschiedenen Texten beigetragen. In seiner äusseren und inneren Schlichtheit ist das «Ortstockhaus» ungemein beeindruckend, formschön. «Eine Erneuerung im Spiegel des Originals» (Bericht der Architekten) und viele Pläne bilden mit Bibliografie, Bildnachweis und Dank bilden den Schluss des 116 Seiten umfassenden Buches.