Pantomime und Musik – oder umgekehrt

Musik und Pantomime – beides will ausgespielt, ausgedrückt sein. Die Erwartungshaltung vonseiten des Publikums ist mit Neugierde und Anteilnahme unweigerlich verknüpft. Angekündigt waren zwei Künstler, die sich mit solistischen Auftritten hohe Anerkennungen geholt haben und die sich vor gut drei Jahren anlässlich des Boswiler Sommers zu gemeinsamen Auftritten entschieden.




In der Aula der Kanti Glarus wartete die Pianistin Shani Diluka mit Erfüllendem auf. Mit noch Kleinem, so Stillem, Unspektakulärem und kunstreich Gefügtem stellte sich der Pantomime Carlos Martinez vor; beide in zuerst noch solistischen Teilen; beide mit hohem Können.

Shani Diluka, Konzertpianistin, sei in Monaco aufgewachsen, mit der westlichen Kultur gleichermassen vertraut, stand in den Unterlagen zu diesem Anlass – der von den Verantwortlichen des Dritten Programms der Kulturgesellschaft in gar sorgsamer Weise vorbereitet und ausgekündigt war.

Die Pianistin verfügt über ein offensichtlich breites, wertvolles Repertoire, das sie so beneidenswert mühelos bewältigt, mit viel Einfühlungsvermögen, spieltechnisch perfektem Reichtum ausdrückt. Sie malt musikalische Bilder, drückt Traum, Vorwärtsstreben, zuweilen riesige Ruhe, Majestätisches, Anmut und Neckisches aus. Sie ist enorm wirblig, kann zurückhaltend, dann wieder mitreissend munter, so lautmalerisch sein. Ihre Spielkunst ist schlicht und einfach schön, unterhaltend.

Der Pantomime Carlos Martinez ist seit 1982 auf gewiss unzähligen Bühnen aufgetreten. Ihm zuzuschauen ist erfrischend. Er ist zweifellos ein riesiger, sympathischer Meister einer Kunst, die punkto Gestik, Bewegungs- und Einfallsreichtum, hoher innerer Konzentration und kreativem Variieren ganz viel abverlangt. Es wurde zuweilen mit einer Geschwindigkeit ausgespielt, die gleichzeitig verblüffend und riesig vergnüglich war, Staunen und befreiende Freude weckte. Es wurden kleine Geschehnisse zu ganz starken Bildern mit hohem Unterhaltungswert gefügt. Und es war willkommen Vergnügliches. Ohne Worte trat der Pantomime mit dem Publikum ins Gespräch.

Er mimte den Unzufriedenen, Nörglerischen, Ausgeflippten, Ungeduldigen, Herrischen, Suchenden, den schwärmerischen Liebhaber. Er lebt als Geniesser, der so unanständig runterschlingt, dem Konfitüre einfach überall kleben bleibt, der den Hinterteil seines Kleinkindes zu putzen hat. Er hat sich mit technischen Neuigkeiten zu befassen, seien das nun Handy, Sprechfunk, Festanschluss oder anderes. Er reinigt den Bühnenboden, hoffend, dass nach der Pause die Leute endlich wieder ihre Plätz einnehmen. Der Besen bleibt kleben, geht kaputt, wird zum Billardstock, Minigolfschläger, Tennisracket, zur Angelrute, wo sogleich der Kampf mit einem riesig starken Fisch an der Angel einsetzt. Die halbtote, elend nervige Fliege kann so lästig und riesig blöd tun. Es werden das mühsame Arbeiten im Garten, das Fertigen einer Violine, die morgendliche Pflege, Rede und Gegenrede nach Konsultieren der Taschenuhr, das nicht ungefährliche Erklimmen und Verharren auf einer Leiter liebenswürdig kunstvoll und mit immensem Variieren der kleinen Geschehnisse ausgespielt. Und in vielem ist die Musik mittragend, ergänzend, vorgebend.

Es ist eine ungewohnte Kombination mit Glanz, Spannung und Vielfalt. Es wachsen schöne Momente, die so reich an Gefühlen sind, Lachen, Staunen und Verblüffung wecken.

Und plötzlich ist alles vorbei, viel Applaus, mehr als willkommene Zugaben und Lichterlöschen samt Weggehen in eine dunkle, elend nasse und kalte Nacht. Aber es ist ein Weggehen mit beinahe zahllosen, innerlich wärmenden Erinnerungen an meisterliche musikalische und mimisch ausgespielte Botschaften.