Peter Stamm las aus «Weit über das Land»

Wunderbar abgelegen, von Bergen, Weiden, Bächlein eingerahmt und einer Strasse, unterbrochen, die vor allem ganz sportlichen Velofahrern, dem landwirtschaftlichen Verkehr und unter der Woche auch den Ausflüglern dient – hier findet sich das Gasthaus Richisau.

Etwas Geheimnisvolles geht von diesem Ort aus. Der Wiederaufnahme dieser kraftvollen Ausstrahlung steht unter anderem mit dem eben erst begonnen Literatursommer nichts im Wege. Unlängst las Peter Stamm aus seinem neuesten Roman «Weit über das Land». Darin spielen der Schwialppass, das Gebiet am Pragel und Silberen eine bedeutende Rolle.

 



Auf Einladung von Bäschlin littéraire – einer Arbeitsgemeinschaft für Literatur im Glarnerland – und in Zusammenarbeit mit der Melchior und Katharina Kamm-Menzi-Stiftung gastierte Peter Stamm vor erfreulich grossem Publikum im Gasthaus Richisau. Es begrüsste Gaby Ferndriger, Geschäftsführerin der Buchhandlung Baeschlin. Sie zeigte in wohltuender Kürze auf, dass das Programm gegenüber dem Vorjahr mit einer Literaturreise in den südlichen Teil der Schweiz leicht erweitert worden sei. Zudem würden die Bücher jener Autorinnen und Autoren, die bis September im Richisau mit Lesungen aufwarten, vor Ort aufgelegt. Gastauftritte werden nach Peter Stamm, Lisa Semadeni, Charles Lewinsky und Emil Zopfi haben.

Peter Stamm, 1963 im thurgauischen Scherzingen geboren, hatte literarisch gesehen einen harzigen Start. Seine Werke, drei Romane, wurden anfänglich nicht angenommen. Er studierte, war dann unter anderem in verschiedenen psychiatrischen Kliniken tätig, studierte Psychologie mit Psychopathologie und im Nebenfach Informatik. Er hielt sich in New York, Paris und nordischen Ländern auf und liess sich 1990 in Winterthur nieder. Erwähnt wurde, dass seit 1995 17 Prosawerke entstanden seien. Titel einiger Romane wurden genannt. Stamm ist auch Verfasser verschiedener Theaterstücke. Er ist ein bekannter, weit herum geachteter Autor, dessen Texte man gerne liest. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er bedient sich einer sehr klaren, bildhaft starken Sprache. Er gewährt den Lesenden Zeit zum Verweilen, Weiterdenken, Träumen, Hoffen und Fordern. Er weckt Spannung, stachelt Neugierde an, lädt zum oft leidenschaftlichen Mitvollziehen ein.

In seinem neuesten Roman wechseln sich Traumwelten und eigentlich Reales ab, vermischen sich zuweilen. Stamm komponiert dieses wechselvolle Geschehen ungemein geschickt aus. Thomas ist Familienvater. Eines Tages verlässt er seine Frau und die beiden Kinder. Er lässt sich nicht einfach an einem andern Ort nieder. Das Weggehen führt ihn in eine schroffe Bergwelt im Grossraum Klöntal. Kommunizieren kann und will er nicht. Er überlässt seinen Angehörigen nur das Vermuten, das Fragen nach dem Wieso. Er verschwindet. Stamm lässt die Lesenden mitgehen, hinauf in bedrohlich felsige Gegenden, auf abgelegene Alpen, über beinahe unpassierbare Pfade. Thomas stürzt irgendwann ab. Stamm wechselt die Schauplätze und Geschehnisse in brillanter Art. Er lädt ein, sich den Fragen und Vermutungen der Ehefrau und Kinder hinzugeben, die Reaktionen des Umfelds kennen zu lernen. Er deutet knapp und konzentriert an, verfällt nicht in weinerlich-kitschige Plaudereien. Er deutet an, dass sich wohl schon viele mit dem Wunsch befasst haben, das alte Leben, den Alltagstrott einfach mal zu verlassen, sich abzukehren, anders zu sein, unerkannt in vermeintlich Neues einzutauchen. Stamm entführt in diese Welten, geschickt erfassend.

Stamm las enorm konzentriert, rasch und doch Raum lassend für Vermutungen, Erwartungen, vielleicht auch Wünsche. Der Sturz in die etwa fünf Meter tiefe Felsspalte, der beinahe erdrückende Schnee, die Suche nach einem rettenden Platz, die Arbeit der Rettungskräfte, der Sack mit Kleiderfetzen im Korridor seiner einstigen Wohnung, die Suche nach den Gründen dieses Ausbrechens, die quälenden Fragen seiner Gattin, Überlebenskampf, Kälte und Tod, Träume, Erwachen; Stamm komponiert das packende Geschehen meisterhaft aus.

Vieles gab es nach der Lesung zu erfragen. Stamm gab Antworten. Zuweilen laufe man nicht wegen Belastendem oder Negativem weg. Man nehme sich die Freiheit, irgendwo unterzutauchen. In «Weit über das Land» wird sich wohl jeder Leser für eine Version entscheiden, die für ihn stimmt. Die Handlung entsteht bei ArtikelStamm während dem Schreiben. Von vorhandener Literatur lässt er sich durchaus inspirieren.

Dann war es der Stadtzürcher Christian Portmann, Präsident der Melchior und Katharina Kamm-Menzi-Stiftung, über das Richisau in seiner Gesamtheit ganz kurz zu informieren. Die Alp Vorderrichisau und das Gasthaus gehören dieser im Jahre 1957 errichteten Stiftung. Sie bezweckt, das Richisau in seiner Gesamtheit, mit Alpwirtschaft, Gasthaus, Kunst und Kultur zu erhalten. Das Gasthaus Richisau in seiner heutigen Form wurde 1987 eröffnet. Es gibt wahrlich viel nachzulesen und zu entdecken. Zu erneuten Besuchen und dem gemütvoll-genüsslichen Verweilen wurde nachdrücklich eingeladen.