Pfingsten, Babylon und Corona



Das Pfingstfest ist in der Bibel das Fest, an dem aus einer Schar verängstigter Jünger eine mutige, in die Welt hinausziehende lebendige Kirche wird. Feuer und Sturm sind Zeichen dieses Aufbruchs – und das Wunder der Verständigung. Menschen, die sich fremd waren, reden miteinander und können einander verstehen. Kreter, Araber und Perser sind miteinander verbunden.
Dieser Neuanfang hat ein Gegenstück im Alten Testament – den Turmbau von Babel. Die Menschen wollen sich in Babylon ein Denkmal setzen, einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht: Nichts soll uns unmöglich sein.

Unterton der Erzählung sind Überheblichkeit und Grenzenlosigkeit. Diese Hybris nimmt ein jähes Ende mit einem Anti-Pfingst-Wunder: mit der babylonischen Sprachverwirrung. Menschen, die einander bisher verstanden haben, sprechen plötzlich eine andere Sprache. Ihr Projekt scheitert, sie werden vereinzelt und in alle Welt zerstreut.
Pfingsten und Babel – eine Heils- und Unheilsgeschichte, die einander entsprechen. Immer wieder haben Maler und Dichter auf diese Motive zurückgegriffen und ihre Epoche damit gedeutet – als Warnung oder als Ermutigung.

Gericht oder Aufbruch? Welches von beiden passt heute – in diesem Frühling, der von Covid 19 geprägt ist? Corona kann beides sein: Eine Mahnung und Vollbremsung – und ein Neuaufbruch in Richtung Zusammengehörigkeit.
Babel heisst: nichts geht mehr. Alles steht still. Shutdown. Die Krise führt allen vor Augen, wie verletzlich wir sind. Lieferketten werden unterbrochen, just in time Produktion kommt zum Erliegen, wenn China nicht mehr liefert. Vor allem in der grössten Unsicherheit im März, mit Warnungen vor häuslicher Gewalt, mit Hamsterkäufen und Angst beim Pendeln war diese Gerichts-Stimmung am deutlichsten spürbar. «Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir nie mehr so gebannt die Nachrichten verfolgt», meinte ein älterer Zeitgenosse. Und: «Es schadet nichts, wenn wir wieder zur Besinnung kommen.»

Krisen sind auch Chancen für Neuaufbruch. Wie oft ist in den vergangenen Wochen von Entschleunigung geredet worden. Wer sich ein Sabbatical oder ein längeres Time-Out im Kloster nehmen konnte, wurde oft benieden. Nun ist dieses Privileg von Besinnungszeit der Schweiz gleichsam zwangsverordnet worden. Verknüpft mit der Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit kann daraus eine grosse Kraft zur Neuorientierung entstehen. In Amerika sind nach dem 11. September 2001 die Anzahl von Babys und Hochzeiten, die Zahl von Scheidungen und beruflichen Veränderungen deutlich angestiegen. Das Leben ist zu kurz, um es zu vertrödeln oder im Hamsterrad zu verpassen.

Zum biblischen Pfingstfest gehört auch die neugewonnene Verständigung. Fremde verstehen einander und rücken zusammen. Die Corona -Krise kann auch in dieser Hinsicht eine Einladung sein. Nicht nur auf persönlicher Ebene erfahren manche eine neue Zusammengehörigkeit – die Jüngeren kaufen für Ältere ein, die Swisscom verzeichnet einen deutlichen Anstieg von Telefongesprächen. «Bleiben Sie zuhause» zeigt deutlich, wie wir Gemeinschaft brauchen und vermissen.
Auch auf der globalen Ebene zeigt die Krise, wie alles miteinander verbunden ist. Wie die Klimafrage, ist auch die Bewältigung der Pandemie eine Aufgabe, die nur gemeinsam gelöst werden kann. Selbst wenn es gelingt, die Neuansteckungen in der Schweiz auf eine Handvoll zu reduzieren – eine Dauerlösung ist der Alleingang nicht. Solange sich das Virus in anderen Weltgegenden ungebremst vermehrt, bleiben auch wir verletzlich. Wir sind weltweit eine grosse Familie.
Bleibt zu hoffen, dass Corona im langfristigen Rückblick mehr dem Ereignis von Pfingsten als dem Turmbau zu Babel gleicht.