Pflege- und Betreuungsgesetz – erste öffentliche Auseinandersetzung

Über das in aufwendiger Kleinarbeit entstandene neue Pflege- und Betreuungsgesetz unseres Kantons wird an der kommenden Landsgemeinde abgestimmt. Im Rahmen einer bewusst breit angelegten Diskussionsrunde, mitgeprägt von den Teilnehmenden am Podiumsgespräch, wurden erste vertiefende Einblicke und durchaus Kritisches eingebracht. Der Anlass in der Aula unserer Kantonsschule war erfreulich gut besucht. Organisierende waren die glarnerischen Verbände Pro Senectute, die Alzheimer Vereinigung, das Schweizerische Rote Kreuz, Pro Infirmis und der Kanton.



Peter Zimmermann, Geschäftsstellenleiter der Pro Senectute unseres Kantons amtete als Moderator, Regierungsrat Dr. Rolf Widmer, Vorsteher des Departements Finanzen und Gesundheit, hielt das Impulsreferat. An der Podiumsdiskussion wirkten neben dem Gesundheitsdirektor, Christine Bickel, Spitex – Kantonalverband; Dr. Rolf Hanimann, Verwaltungsratspräsident APGS, Alters- und Pflegeheime Glarus Süd; Dorothea Suter, Bildungszentrum Gesundheit und Thomas Kistler, Gemeindepräsident Glarus Nord mit. Sie alle schilderten ihre Sicht der Dinge. Besinnliches, gewiss gern Gehörtes boten das Jodelduett mit den erfrischend jugendlichen, sorgsam ausgestaltenden Ladina aus Ennenda und der aus Rüti stammenden Seraina und – aus ganz anderen Perspektiven – der Bündner Kabarettist und Musiker Flurin Caviezel an.

Ruth Horner begrüsste namens der organisierenden Verbände, sie präsidiert die glarnerische Sektion des SRK. Peter Zimmermann zeigte auf, dass sich das neue Gesetz «auf dem Prüfstand» befinde. Mit Pflege und Betreuung hätten sich die zur Vernehmlassung eingeladenen Verbände nach Vorlage der neuen gesetzlichen Inhalte intensiv befasst. Es entspricht einem verständlichen Bedürfnis, dass Betagte so lange als möglich in den eigenen vier Wänden bleiben und dort auch begleitet und gepflegt sein wollen. Das bedingt einen hohen Aufwand an kompetentem Personal (Spitex), sorgsames, breit gefächertes Ausbilden und neue, taugliche, gesetzliche Vorgaben, die für den ganzen Kanton (und nicht wie bisher nur für jede der drei Gemeinden) Gültigkeit haben.

Das neue Gesetz

Dr. Rolf Widmer, Gesundheitsdirektor, stellte Kerninhalte des neuen Gesetzes und feststellbare Tatsachen aus unserer Gesellschaft vor. Bis ins Jahr 2030 wird die Zahl der pflegebedürftigen Betagten auf rund 1100 Personen ansteigen. Etwa 7300 Leute werden dann leicht pflegebedürftig sein. Bis zum gleichen Jahr rechnet man mit rund 11 000 Personen, die älter als 65 sind. ES ist eindeutig, dass in unserem Kanton die ambulante Langzeitpflege zu wenig stark ausgebaut ist. Neu wird der Kanton für die Langzeitpflege zuständig sein und verbindliche Minimalstandards vorgeben. Spezifisch abgestimmte Angebote wie Nacht- und Kinder-Spitex fehlen bei uns. In die nun abgeschlossene Planung ist der ambulante Bereich einbezogen. Zu befinden ist über die Bettenzahl. Für die pflegenden Angehörigen sind Entlastungen anzubieten. RR Widmer sieht da Kurzurlaube, niederschwellige Kursangebote, verantwortbare finanzielle Entschädigungen. Es fehlen Tages- und Nachtstrukturen. Für den Kanton ist ganz klar, dass die betroffenen Leute so lange als immer möglich zuhause bleiben sollen.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres besteht eine Informations- und Beratungsstelle. Es wird eine sogenanntes Fallmanagement gemacht.

RR Widmer erwähnte in seinem Impulsreferat die Pflicht zur Aus- und Weiterbildung von Pflegepersonen, den Ausbau von Akut- und Übergangspflege und die breite Vernehmlassung. Am 3. Juli 2018 sei mit den Arbeiten begonnen worden. Curaviva und Spitex und andere seien beim Erarbeiten einbezogen worden. Nach der Vernehmlassung seien 80 Stellungnahmen eingetroffen. Der Regierungsrat habe den Entwurf am 21. Oktober zuhanden des Landrats verabschiedet. Und nach der Annahme durch die Landsgemeinde wird das Umsetzen und Umdenken doch einige Zeit beanspruchen.

Gegenüber anderen Kantonen sei man bei uns klar im Hintertreffen. Man müsse alle Beteiligten einbeziehen.

Voten der Podiumsteilnehmer

Christine Bickel äusserte sich unter anderem zur Notwendigkeit der sorgsamen, professionellen Pflege und zur dringend notwendigen, gegenseitig wertschätzenden Zusammenarbeit auf Stufe Spital, Heim und Spitex. Das sei im Moment nicht gegeben. Bickel ist Präsidentin des Spitex-Personalverbandes und Leiterin des Alters- und Pflegeheims Salem in Ennenda.

Thomas Kistler, Präsident der Gemeinde Glarus Nord, zeigte auf, wie die Kompetenzen im Bereich der Heime sind. Er äusserte sich zur aktuellen Situation und zu den bald einsetzenden Beratungen im Landrat. Bei uns dominieren günstige Tarife, die Heime sind voll belegt. Nun lege der Kanton Qualität und Tarife fest, aber die Verantwortung liege bei den Gemeinden. Er äussert die Befürchtung, dass der Kanton nur noch ein Minimum garantiere. Wie steht es da um Forderungen und Erwartungen?

Dorothea Suter ist Schulleiterin des Bildungszentrums Gesundheit. Sie sprach zu den Ausbildungsangeboten. Es gebe 179 Ausbildungsplätze. Suter sprach von grossen Herausforderungen bezüglich Ausbildungsverpflichtung, zu unbefriedigenden Entlöhnungen, zur Reintegration ehemals Berufstätiger, zur schwierigen, teuren Stellensuche, zur Attraktivität der Ausbildungsplätze.

Dr. Rolf Hanimann, Verwaltungsratspräsident Glarus Süd, stellte sich als Newcomer vor. Er kam unter anderem auf den stationären Bereich in Glarus Süd zu reden. Man habe auch mit wirtschaftlichem Druck zu kämpfen. Die Versorgung sei gut. Herausforderndes stehe an. Das Potenzial zu einer guten Zusammenarbeit sei vorhanden. Die Standortfrage sei politischer Natur. Zu optimieren ist die Angebotsentwicklung. Das Gesetz erfülle seinen Zweck, wenn alles gründlich «z Bode gredt» sei.

Die Diskussion

Im Verlaufe der Diskussion – Peter Zimmermann stellte sachbezogene, konkrete Fragen – wurde deutlich ausgedrückt, wie wichtig ein bedachtsames Vorgehen sei. Ein «Dureboxe» nütze gar nichts. Zwischen Kanton und Gemeinden müsse ein konstruktiver Dialog Bestand haben. Sehr anforderungsreich ist die Versorgungsplanung. Standortfrage, rote Zahlen, nicht ausgelastete Heime, zeitgemässe Altersvorsorge – alles müsse in die Entscheidungs- und Verwirklichungsprozesse einfliessen. Ein gewisses Restrisiko bleibt bei den Gemeinden, vor allem wenn mehr als Minimalstandards umgesetzt werden. Dass zuweilen nicht optimal gearbeitet werden kann, zeigte Christine Bickel an konkreten Beispielen auf.

Das Rekrutieren kompetenter Fachleute ist alles andere als einfach. Diese Situation wird sich noch verschärfen. Attraktive Arbeitsbedingungen sind gefragt. Grösste Herausforderung – so der Gesundheitsdirektor – ist die sinnrichtige Umsetzung.

Mit Musik, der Überreichung von Geschenken und dem anerkennenden Dank durch Peter Zimmermann endete die gut besuchte Veranstaltung nach beinahe zweieinhalb Stunden.