Nach der Erklimmung von etlichen Treppenstufen im alten Weseta-Gebäude in Engi sitzt Anita Borschberg im Besprechungsraum vor einer Wand voller Frottiertücher in schönen Farben. Ruhig und überlegt beantwortet sie unsere Fragen. Über sich selbst zu sprechen, falle ihr nicht leicht, meint sie: «Ich glaube, dass andere Menschen dies treffender können.» Also haben wir zwei Soroptimistinnen gefragt. Sie sei eine «äusserst empathische und herzliche Frau», sagt die eine. «Sie betreibt die Weseta mit viel Herzblut», die andere. Beides ist sicher zutreffend.
Spannendes Leben
Unsere 63-jährige Gesprächspartnerin ist noch nicht lange im Glarnerland tätig. Im Gespräch blickt sie auf etliche spannende Momente und Stationen zurück: «Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Ich konnte meist mit Herz arbeiten. Wenn nicht, war es nicht die richtige Stelle.»
In Zollikon aufgewachsen, zog es sie nach der kantonalen Handelsschule zunächst nach England. Dann erhielt sie die grosse Chance, in New York City in einem Hotel zu arbeiten. «Das war eine prägende und inspirierende Zeit. Ich war schon immer USA-Fan. Es ist nach wie vor das Land der Träume für mich – trotz der gegenwärtigen schwierigen Führung.» In New York sei es extrem spannend gewesen. Doch leider scheiterte das Projekt eines Schweizer Hoteliers, und sie kehrte in die Schweiz zurück.
Hier war sie mehrere Jahre bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) tätig. Sie konnte sich im Bereich Public Relations kontinuierlich weiterentwickeln und übernahm schliesslich Verantwortung für die internationalen Investor-Relations-Aufgaben der Holding. «Auch diese Stelle hat mich sehr geprägt», betont sie.
Bewusste Familienphase und beruflicher Wiedereinstieg
Mit 30 Jahren wurde sie Mutter und entschied sich bewusst, sich während zehn Jahren ganz ihrer Familie zu widmen. Ihr Sohn ist heute CEO der Weseta, ihre Tochter arbeitet in der Notfallpflege eines grossen Zürcher Spitals. «Ich bewundere sie sehr, das ist eine äusserst anspruchsvolle Tätigkeit.» Die Zeit mit den Kindern zu Hause sei sehr erfüllend gewesen, sagt sie rückblickend.
Der Wiedereinstieg erfolgte schrittweise über die Selbstständigkeit als Event Managerin. Sie organisiere sehr gerne Anlässe, sagt sie: «Eine Drehscheibenfunktion liegt mir am meisten.»
2010 führte sie dann eine erste Festanstellung ins Gesundheitswesen. Sie hatte das grosse Glück, von einer «aussergewöhnlichen Klinikdirektorin» begleitet zu werden, die sie als Mentorin prägte und ihr einen «vertrauensvollen und motivierenden Wiedereinstieg» ermöglichte. In einer Neuroklinik war sie zusammen mit ihrem Sohn, der als Prozessmanager fungierte, tätig. «Da haben wir gemerkt, dass wir sehr professionell miteinander arbeiten können, dass das funktioniert.»
Später wechselte sie in eine norwegische Reederei mit Sitz in der Schweiz – und tauchte in eine neue, faszinierende Welt der Fracht-Seefahrt ein, die sie nachhaltig beeindruckte. «Das weltumspannende Geschäft hat mich tief beeindruckt», sagt sie. Sie selber trage Heimatverbundenheit und Internationalität in sich. In der Reederei sei sie wieder vor allem international tätig gewesen und habe das äusserst privilegierte Leben eines Reeders kennengelernt. So sei nochmals eine neue Welt für sie aufgegangen.
Glarnerland war ihr nicht vertraut
Am 1. März 2022 erfolgte schliesslich der Wechsel zur Weseta Textil AG und damit ins Glarnerland. «In einer persönlichen Umbruchphase bot sich mir die Möglichkeit, in einem traditionsreichen und gleichzeitig sehr lebendigen Produktionsbetrieb Verantwortung zu übernehmen – eine Chance, die ich mit grosser Überzeugung ergriffen habe.»
Möglich wurde dies, weil Mehrheitsaktionär Conrad Peyer mit dem Angebot an sie herantrat, die freiwerdende Marketingfunktion in Kombination mit Aufgaben im Personalwesen zu übernehmen. «Mich reizte besonders die Möglichkeit, in eine mir bis dahin unbekannte Branche einzutauchen – und dies in einem kleinen, spezialisierten Produktionsbetrieb inmitten der eindrücklichen Glarner Bergwelt. Als Stadt-Zürcherin war mir das Glarnerland zuvor kaum vertraut. Umso mehr schätze ich heute diese Region, die Natur und die Arbeit hier. Ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut», betont sie. Wohnhaft ist sie in Linthal.
Was schätzt sie denn am meisten? Sie muss nicht lange überlegen: «Die Glarnerinnen und Glarner haben zum grössten Teil eine Klarheit, Authentizität und Bescheidenheit. Das finde ich sehr schön. Sie haben ihre Bräuche und Eigenarten bewahrt. Man kennt und hilft einander. Es gibt kein Gehetze. Ich gehe zum Beispiel gerne in Glarus einkaufen.»
Gemeinsam stetig weiterentwickeln
Von Beginn an war sie in Engi Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für Marketing und Personalwesen. Mit der Ernennung ihres Sohnes Maximilian Gugelot als CEO per 1. Januar 2024 wurde die operative Führung neu strukturiert. Heute sind die beiden zusammen mit Carmen Zemp als Leitung des Verkaufs zu dritt in der Geschäftsleitung.
Was ist ihr wichtig in ihren Verantwortungsbereichen? «Vor allem Verlässlichkeit, Eigenverantwortung und ein respektvoller Umgang miteinander. Die konstruktive Zusammenarbeit für zufriedene Kunden ist entscheidend für den Erfolg. Jeder Mitarbeitende bringt individuelle Fähigkeiten und Fachwissen mit, um kreative Lösungen zu finden. Es ist uns im Unternehmen ein Anliegen, die Mitarbeitenden zu fördern und uns gemeinsam stetig weiterzuentwickeln.» Das Team sei gut aufgestellt und familiär: «Man nimmt Anteil. Das ist sehr schön.»
Innovativ denken
Wie erklärt sie sich den heutigen Erfolg der Weseta? Es gab ja auch Krisenzeiten. «Die Weseta Textil AG blickt 2026 auf 162 Jahre Unternehmensgeschichte zurück – eine Zeit mit vielen Hochs und Tiefs. Heute ist sie die einzige Frottierweberei der Schweiz und mit rund 25 Mitarbeitenden ein kleines Unternehmen in einem anspruchsvollen, sich stark wandelnden Markt», so Anita Borschberg. Ein zentraler Erfolgsfaktor seien die «über Jahrzehnte gewachsenen und sehr loyalen Kundenbeziehungen». Gleichzeitig investierten sie viel in den Vertrieb sowie in persönliche Beratung und Serviceleistungen, die über das reine Produkt hinausgingen.
Das Sortiment sei gezielt weiterentwickelt worden. Dabei sei die Eigenproduktion von Frottier der wichtigste Bereich. Ergänzend biete die Weseta ausgewählte Brands für Heimtextilien von nachhaltigen europäischen Partnern an. «Dadurch können wir unseren Kunden ganzheitliche Lösungen anbieten, sei es für den Fachhandel, Grosskunden oder Innenausstatter. Diese Kombination aus Tradition, Qualität, persönlicher Nähe und einem erweiterten Angebot stärkt die Partnerschaft mit unseren Kunden und bildet die Basis unseres heutigen Erfolgs», ist sie überzeugt.
Die aktuellen Kriege beeinflussten das Kaufverhalten der Leute. «Wir müssen innovativ denken, um neue Lösungen zu finden. Als kleiner Betrieb sind wir zwar wendig, aber auch herausgefordert.»
Herzensangelegenheit
Was gehört sonst zum Leben von Anita Borschberg? Sie ist Soroptimistin und Mitglied des Clubs Glarnerland. Wie kam es dazu? «Durch die damalige Präsidentin Victoria Hefti wurde ich zu einem Clubabend eingeladen – eine wunderbare Gelegenheit, im Glarnerland anzukommen und engagierte Frauen kennenzulernen. Es hat sofort gepasst. Die Soroptimistinnen im Glarnerland sind eine vielseitige und inspirierende Gemeinschaft, die sich mit grossem Engagement für die Prävention von Gewalt an Frauen und Mädchen einsetzt. Die aktuellen Entwicklungen zeigen leider, wie relevant dieses Thema weiterhin ist.»
Es sei ihr eine grosse Freude und Ehre, im kommenden Jahr das Präsidium zu übernehmen: «Dieses Engagement ist für mich eine echte Herzensangelegenheit.»
Generell sei ihr wichtig, «den Menschen und dem Leben mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen und den eigenen Weg authentisch zu gehen». Gleichzeitig sei sie dankbar für die vielen Facetten, die ihr Lebensweg mit sich gebracht habe.
Und wo kann sie sich erholen? «Die wertvollste Zeit verbringe ich mit meinen erwachsenen Kindern, ihren Partnern sowie mit Menschen, die mir nahestehen. Kraft finde ich in der Natur – besonders beim Wandern im Glarnerland, aber auch überall dort, wo die Schweiz ihre landschaftliche Schönheit zeigt.» Zudem begleite sie Yoga seit vielen Jahren: «Ich bilde mich in diesem Bereich kontinuierlich weiter und hege den Wunsch, künftig – neben meiner beruflichen Tätigkeit – eigene Yogalektionen und Retreats anzubieten.» Im Glarnerland? «Ja gerne», sagt sie. Es sei eine Zeitfrage. «Aber das kommt!»






