Porträt: Nie gescheut, etwas Neues zu beginnen

Sie ist gut vernetzt in Wirtschaft und Politik, offen, empathisch und neugierig: Simone Eisenbart aus Mitlödi hat sich stetig weiterentwickelt. Dank Bauchentscheiden.



Simone Eisenbart hat sich noch nie davor gescheut, etwas Neues zu beginnen, auch wenn sie nicht genau wusste, was sie erwarten würde. (Bilder: Madeleine Kuhn-Baer)
Simone Eisenbart hat sich noch nie davor gescheut, etwas Neues zu beginnen, auch wenn sie nicht genau wusste, was sie erwarten würde. (Bilder: Madeleine Kuhn-Baer)

«Das Leben ist nicht immer fair und nicht immer planbar. Es gibt Dinge, die man nicht verhindern kann. Aber man kann entscheiden, wie man damit weiterlebt. Meine Familie, meine Kinder und meine beruflichen Aufgaben haben mir dabei immer wieder Kraft und auch einen Grund gegeben, nach vorne zu schauen.» Dies sagt Simone Eisenbart beim Rückblick auf ihr bisheriges Leben. Dieses ist geprägt von immer wieder neuen Herausforderungen, die sich oft durch Zufälle ergeben haben. Seit vergangenem Jahr leitet sie die Standortförderung Glarus Süd, zudem ist sie Geschäftsführerin der Glarner Wirtschaftskammer.

Lehre als Betriebsassistentin

Aufgewachsen ist die Tochter einer Bündnerin und eines Glarners mit zwei Geschwistern grösstenteils in Chur. Ihre Grosseltern wohnten in Niederurnen. «Wir haben sie oft besucht», erzählt sie.
Nach der Sekundarschule weilte sie für ein Jahr in der Westschweiz, um Französisch zu lernen. Es folgte die Lehre als Betriebsassistentin bei der PTT, anschliessend tingelte sie als Springerin auf verschiedenen Postämtern in der Schweiz. «Das war sehr interessant, aber gleichzeitig merkte ich, dass ich mich beruflich weiterentwickeln wollte.»
So führte sie «ein erster beruflicher Zufall» zur Swisscom nach Rapperswil. Zunächst arbeitete sie im Immobilienbereich. Kurz darauf wurde sie angefragt, ob sie als Assistentin des Leiters Operations & Networks beim Aufbau der Region Ost in Zürich, später auch in Bern, mitwirken möchte. «Mit knapp 24 Jahren war ich damals die jüngste Assistentin in einer solchen Position. Ich durfte in dieser Zeit enorm viel lernen und wurde Schritt für Schritt mit neuen Aufgaben und Verantwortungen betraut.»
Ihr damaliger Chef habe sie stark gefördert, und sie durfte ihn bis auf die Ebene eines Konzernleitungsmitglieds begleiten. «Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, denke ich oft: Es war streng, aber einfach genial.» In den zehn Jahren bei Swisscom habe sie gelernt, was es bedeute, Verantwortung zu übernehmen, mit unterschiedlichen Menschen zu arbeiten und auch in hektischen Situationen den Überblick zu behalten. «Vieles davon begleitet mich bis heute.»
Als ihr Chef in Frühpension ging, entschied sie sich spontan, Swisscom ebenfalls zu verlassen. Sie war inzwischen der Liebe wegen in Näfels gelandet. So startete sie 2001 als Assistentin für den Geschäftsführer bei der Eternit AG. «Die Zusammenarbeit mit Anders Holte war für mich eine grosse Bereicherung. Gleichzeitig war es eine anspruchsvolle Zeit, insbesondere aufgrund der Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Folgen der Asbestproblematik», erinnert sie sich.

Wechsel in die öffentliche Verwaltung

2005 ergab sich für sie eine neue Laufbahn als Gemeindeschreiberin von Mitlödi. «Damit begann für mich ein komplett neuer Abschnitt. Plötzlich hatte ich mit Gesetzen, Verordnungen, politischen Prozessen und unzähligen administrativen Aufgaben zu tun. Ich musste mir vieles neu aneignen – und habe dabei unglaublich viel gelernt.» Die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und den anderen Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreibern sei sehr gut gewesen. Besonders beeindruckt habe sie, was möglich sei, wenn Menschen gemeinsam an einem Ziel arbeiteten.
2009 kandidierte sie dann für den Gemeinderat von Glarus Süd. Einige Leute rieten ihr zwar davon ab. Sie sei schliesslich ein «Schamauch» aus dem Bündnerland und würde das Glarnerland zu wenig kennen. Doch Simone Eisenbart liess sich nicht davon abbringen. Als Parteilose erhielt sie 2037 Stimmen und wurde zur ersten Vizepräsidentin von Glarus Süd gewählt. «Das war für mich und meine Familie ein sehr schöner und besonderer Moment. Politisch war diese Zeit allerdings enorm intensiv. Der Tag hatte gefühlt mehr als 24 Stunden.»

Hochs und Tiefs erlebt

Mit dem Start der neuen Gemeinde wurde sie 2011 Mutter einer «wunderbaren Tochter». Sechs Jahre später kam ihre zweite Tochter zur Welt. «Für mich sind meine beiden Töchter bis heute das Schönste, was mir das Leben geschenkt hat – und gleichzeitig wohl auch meine grösste Herausforderung und meine wichtigste Lebensschule.»
Denn ihr Leben verlief nicht immer geradlinig. Es gab Zeiten, in denen ihr das Schicksal einiges abverlangte: «Zeitgleich mit der Geburt meiner ersten Tochter erkrankte mein damaliger Partner schwer, einige Jahre später auch meine Mutter. 2015 entschied ich mich deshalb, mein Amt als Gemeinderätin aus familiären Gründen abzugeben. Ich wollte diese Lebensphase bewusst meiner Familie widmen. Heute bin ich froh, dass ich damals den Mut hatte, diese Priorität zu setzen.» Ihre Mutter verlor sie Anfang 2018, drei Jahre später auch ihre jüngere Schwester – beide an Krebs. «Das sind Verluste, die einen ein Leben lang begleiten.»

Ein Schoggi-Job, der mehr als ein Job war

Aufgrund der gesundheitlichen Situation ihres damaligen Partners hatte sie eine finanzielle Verantwortung ihrer Familie gegenüber. «Deshalb suchte ich nach einer beruflichen Herausforderung, die sich mit meinem Familienleben vereinbaren liess. So kam ich zur Läderach (Schweiz) AG. Das war für mich wiederum ein völlig neues Umfeld.» Zwar kannte sie die Firma schon lange – als Kind hatte sie sich immer gefreut, wenn ihre Grossmutter beim Besuch Läderach-Schokolade auf den Tisch stellte, die sie beim Zweitwahl-Abverkauf in Ennenda hatte ergattern können.
Teil dieses Unternehmens zu werden, war dann aber nochmals etwas ganz anderes: «Ich durfte das Unternehmen über viele Jahre begleiten, starkes Wachstum miterleben und auch den Übergang in die dritte Generation mitgestalten. Mein Aufgabenbereich veränderte sich immer wieder, und ich durfte viel Vertrauen von Verwaltungsrat und Aktionären erfahren. Diese Zeit hat mich beruflich und persönlich sehr geprägt», betont sie.

Akademischen Abschluss nachgeholt

Doch sie wollte sich nochmals weiterentwickeln: «Ich hatte zwar Weiterbildungen und Zertifikate im Bereich Management und Leadership, aber einen akademischen Abschluss hatte ich nicht. Also entschied ich mich vor knapp vier Jahren – trotz zwei Kindern und einem anspruchsvollen Job – für ein Executive MBA an der Fachhochschule Graubünden. Einige Freunde haben damals den Kopf geschüttelt und gefragt, warum ich mir das noch antue. Ich wollte es einfach für mich erreichen.»
Sie schloss das Studium mit der Note 5,5 ab. «Darauf bin ich bis heute stolz – nicht primär wegen der Note, sondern weil ich gelernt habe, dass man sich auch später im Leben nochmals etwas vornehmen und es tatsächlich durchziehen kann.»
Nach dieser intensiven und spannenden Zeit merkte sie, dass sie beruflich nochmals etwas bewegen wollte. «Ich hatte bei Läderach eine sehr spannende und erfüllende Zeit und durfte viel Verantwortung übernehmen. Irgendwann stellte sich für mich aber die Frage, ob ich mich beruflich nochmals verändern und etwas Neues aufbauen möchte. Für einen ruhigen Endspurt bis zur Pensionierung fühlte ich mich definitiv noch zu jung.»

Vielfältiger Job als Standortförderin

Seit einem Jahr leitet sie nun in einem 70-Prozent-Pensum die Standortförderung der Gemeinde Glarus Süd. Die Stelle habe sie gereizt, weil sie sehr vielfältig sei: «Es geht um Unternehmen, Arbeitsplätze, Tourismus, Infrastruktur, Projekte und letztlich um die Frage, wie sich eine Region weiterentwickeln kann. Was mir ebenfalls wichtig war: Ich wollte meine langjährige Erfahrung aus der Privatwirtschaft mit meiner früheren Tätigkeit in der Gemeinde verbinden. Beides zusammenzubringen, finde ich spannend. Und vielleicht passt auch dieser Wechsel zu meinem bisherigen Berufsleben: Ich habe mich noch nie davor gescheut, etwas Neues zu beginnen, auch wenn ich nicht genau wusste, was mich erwartet.»
Im vergangenen Jahr konnte sie Unternehmen bei bereits laufenden oder geplanten Erweiterungen unterstützen, damit eine Umsetzung möglich war. Daneben arbeitet sie in verschiedenen Arbeitsgruppen in Glarus Süd mit. Hinzu kommen kleinere und grössere Projekte im Tourismus, «die auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär wirken, aber teilweise eine erstaunliche Komplexität haben und viel Koordination und Abklärungen benötigen. Ein aktuelles Beispiel ist der Prozess rund um die Destination Braunwald, bei dem ich Teil der Kerngruppe sein darf.»
Es sei die Komplexität der Aufgabe, die sie reize: «Ich finde es spannend, an einem Prozess mitzuwirken, der für Braunwald und die gesamte Region von grosser Bedeutung ist. Entscheidend wird sein, dass aus den Gesprächen am Ende eine gemeinsame Richtung und konkrete nächste Schritte entstehen. Das gelingt nur, wenn wir zusammenhalten, offen und anständig diskutieren, bereit sind, Kompromisse einzugehen. Am Ende ist es keine Frage mehr des Wollens. Jetzt müssen alle gemeinsam anpacken – mit Betonung auf GEMEINSAM.»

Eine starke Stimme für die Wirtschaft

Seit Mai 2022 ist sie zudem in einem 30-Prozent-Pensum Geschäftsführerin der Glarner Wirtschaftskammer. «Dabei freut es mich besonders, auch weiterhin mit Johannes Läderach zusammenarbeiten zu dürfen.» Ein grosses Anliegen sei ihr, «dass bezüglich Wirtschaft nicht nur über Zahlen, Arbeitsplätze und Rahmenbedingungen gesprochen wird, sondern dass die Menschen und Unternehmen dahinter gesehen werden. Die Glarner Wirtschaft ist vielfältig und hat viele engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer.»
Besonders wichtig ist ihr dabei die Vernetzung – und ein selbstbewusster Auftritt des Kantons. «Wir sind ein kleiner Kanton, haben aber viel zu bieten. Wir wollen wachsen und uns weiterentwickeln. Dafür braucht es gute Rahmenbedingungen und eine leistungsfähige Erschliessung – auf der Strasse, der Schiene und mit einer zeitgemässen Veloinfrastruktur.» Denn die Erreichbarkeit sei der Lebensnerv einer Region: «Eine gute Verkehrserschliessung verbindet Menschen, Arbeitsplätze und Unternehmen und ist damit entscheidend für die Standortqualität.» Das gelte für den ganzen Kanton bis in die hintersten Regionen: «Jede Gemeinde hat ihre eigenen Stärken und Entwicklungsschwerpunkte. Diese gilt es zu nutzen und zu stärken – und dafür braucht es gute Verbindungen.»
Beim Bund müsse das Glarnerland seine Interessen deshalb selbstbewusster vertreten. «Andere Bergkantone machen es vor. Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind, sondern klar und selbstbewusst fordern, was wir für die Entwicklung unseres Kantons brauchen. Wir haben gute Argumente – diese müssen wir auch nutzen.»

Viele Bauchentscheide

Neben Beruf und Familie engagiert sie sich seit 2010 im Rotary Club Glarus. 2025/26 durfte sie das Präsidialjahr übernehmen. Weiter präsidiert sie seit Anfang dieses Jahres die Wohnbaugenossenschaft Glarus Süd.
«Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, fällt mir auf, dass ich erstaunlich wenig davon langfristig geplant habe. Viele wichtige Stationen sind eher aus einer Gelegenheit, einem Gespräch oder manchmal schlicht aus einem Zufall entstanden. Und für mich ganz wichtig: Es waren am Schluss Bauchentscheide. Ich glaube deshalb nicht unbedingt an den perfekten Lebensplan. Ich glaube vielmehr daran, Chancen zu erkennen, wenn sie sich ergeben, Verantwortung zu übernehmen und den Mut zu haben, auch einmal einen neuen Weg einzuschlagen», so Simone Eisenbart.

Hinterfragt sich auch selbst

Wie würde sie sich denn selber beschreiben? «Als empathisch, offen und neugierig. Ich bin manchmal vielleicht etwas zu offenherzig. Gleichzeitig bin ich jemand, der viel reflektiert und sich durchaus auch selbst hinterfragt.»
Nach aussen wirke sie vermutlich oft sehr selbstsicher und entscheidungsfreudig. Innerlich sei sie ein Mensch mit einem guten Gespür für andere und nehme vieles wahr, was um sie herum passiere. Sie könne sich gut in andere Menschen hineinversetzen und versuche, auch unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen.
«Privat bin ich spontan, lache gerne, interessiere mich für Menschen und Neues und würde sagen, dass ich im Kopf ziemlich jung geblieben bin», meint sie schmunzelnd. Was sie nicht habe: Ein Talent zum Nein-Sagen. «Oft habe ich das Gefühl, dass die Projekte eher mich finden, als dass ich sie suche.»

Laute Musik im Auto zum «Abefare»

Lange Auszeiten zur Erholung brauche sie nicht, meint sie. «Sondern immer wieder kleine Inseln im Alltag. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein: Zeit mit meiner Familie, ein Theaterbesuch, Wandern, eine Reise oder einfach einmal ein Abend, an dem nichts auf dem Programm steht.»
Sie sei gerne unterwegs und unter Menschen, geniesse aber genauso die Momente, in denen sie für sich sein könne. «Und manchmal ist Erholung auch ganz simpel, zum Beispiel wenn ich im Auto sitze und die Musik laut aufdrehen kann.»
Sie habe gelernt, dass man nicht erst völlig erschöpft sein sollte, bevor man sich eine Pause gönne; auch wenn sie sich ab und zu an dieser Linie bewege. «Und wahrscheinlich gehört auch dazu, dass ich nicht alles immer perfekt machen muss. Das ist etwas, woran ich mich selbst gelegentlich erinnern darf.»