Porträt: Viele tanzten nach seiner Pfeife

Willi Baumgartner ist 71-jährig. 50 Jahre davon hat der Schwander als Schiedsrichter in den Dienst des Fussballs gestellt. Im Porträt verrät er Details und was er sonst noch gemacht hat.



Der Fussball nahm einen sehr grossen Teil des Lebens von Willi Baumgartner ein. (Bilder: mb)
Der Fussball nahm einen sehr grossen Teil des Lebens von Willi Baumgartner ein. (Bilder: mb)

Natürlich treffen wir einander auf dem Fussballplatz in Schwanden. Und natürlich sprechen wir die meiste Zeit über Fussball. Aber nicht nur. Denn es gab für Willi Baumgartner ja auch ein Leben neben dem runden Leder respektive der Schiedsrichterpfeife.

Ein Einzelkind

Der am 5. Mai 1953 Geborene wuchs in Schwanden wohlbehütet in einer Arbeiterfamilie auf. «Leider als Einzelkind», sagt er, «ich hätte gerne Geschwister gehabt.» Nach der Primar- und Sekundarschule absolvierte er eine vierjährige Lehre als Schriftsetzer in der Buchdruckerei Mivelaz in Netstal und arbeitete anschliessend während fast 14 Jahren beim «Fridolin» in Schwanden. Danach war er mehr als 30 Jahre (bis zur Pensionierung) im Inserateverkauf bei der Publicitas AG in Glarus tätig.

Willi Baumgartner ist Vater von zwei Söhnen und einer Tochter, die leider früh verstarb. Vier Enkelkinder zählen ebenfalls zur Familie. Und obwohl er bereits seit 15 Jahren in Mitlödi wohnt, sagt er klar: «Ich bin ein Schwander.»

Gründungsmitglied des FC Schwanden

Da es in Schwanden früher keinen Fussballclub gab, verbrachte er seine ersten Spielversuche ab dem Alter von 13 Jahren bei den Junioren C und B beim FC Glarus – unter anderem mit René Botteron – und bei den Junioren A beim FC Netstal.

Am 1. Juli 1969 wurde der FC Schwanden dann dank seiner tatkräftigen Mithilfe gegründet. Seine Erklärung löst Schmunzeln aus: «Weil mein Zahnarzt Alexander Askitis an der Bahnhofstrasse in Schwanden mich länger im Wartezimmer hat sitzenlassen, ist der Zug nach Glarus, welchen ich für das Training erreichen sollte, leider abgefahren. Ganz erstaunt fragte er mich, ob es denn in Schwanden keinen FC gebe? Sofort musste ich ihm möglichst viele Namen von Infragekommenden mitteilen, und zusammen mit drei andern, ebenfalls Fussballverrückten fuhren wir mit ihm im zu dieser Zeit fast heroisch anmutenden Camaro nach Zürich. Und schwupp war das erste Tenü (blaue Hosen, blau/weisse Stulpen und ein weisses Shirt mit einem blauen Längsstreifen) gekauft, bevor eine eigentliche Mannschaft bestand. Die entsprechenden Vorstandsmitglieder zu finden, gestaltete sich dann, nachdem man sich auch noch über die Platzbelegung auf dem Sportplatz Wyden mit dem allgegenwärtigen Turnverein einigen konnte, eher einfach.» Sein Zahnarzt gehörte notabene auch dazu.

Willi Baumgartner nahm vorerst nicht im Vorstand Platz. Dies geschah erst 1980, als er Beisitzer wurde. Von 1982 bis 1999 stand er dann dem FC Schwanden vor, anschliessend war er noch drei Jahre TK-Chef. «Es macht mich stolz, was wir in diesen Jahren alles realisiert haben: eine grosse Juniorenförderung, den zweiten Fussballplatz, die Bandenwerbung oder auch das schmucke Clubhaus im Wyden.» Heute zählt der FC Schwanden 14 Teams, darunter viele Juniorinnen und Junioren.

Voll auf Karte Schiedsrichter gesetzt

Selber spielte er bis 1981 im FC Schwanden noch aktiv Fussball, obwohl er seit 1974 als Schiedsrichter amtete. Diesen Weg habe er «mangels fussballerischem Talent und Einführung der Kontingentierung der Schiedsrichter pro Verein eingeschlagen», meint er: «Ich hätte keine fussballerische Karriere wie René Botteron machen können.» So setzte er voll auf die Karte Schiedsrichter, «was rückblickend auch richtig war und dann 1995 mit dem Aufstieg in die Oberliga gipfelte». Als erster Glarner Schiedsrichter pfiff er Spiele in der NLB. Die NLA hingegen blieb ihm wegen Verletzungspech verwehrt.

2014 zeichnete ihn der Ostschweizer Schiedsrichterverband für 40 Jahre Schiedsrichtertätigkeit mit der Ehrenmitgliedschaft aus, 2018 wurde er vom Ostschweizerischen Fussballverband (OFV) zum Schiedsrichter des Jahres erkoren. Das sind schöne Ehrungen. Was haben sie mit ihm gemacht? Die Jubiläen für 40 und 50 Jahre seien eher «Alterserscheinungen», sagt er. «Es zeigte mir aber auch, dass meine ehrliche Arbeit im Verband (nicht nur als Schiedsrichter, sondern auch als Instruktor/Coach und Verantwortlicher der Konditionstests für die Spitzenschiedsrichter) im OFV anerkannt und geschätzt wurden.»

Der Buhmann

Was war für ihn das Schönste an der Tätigkeit als Schiedsrichter? «Es war für mich immer eine Herzensangelegenheit. Anders kann man sich das nicht erklären, warum jemand das schon fast an Masochismus grenzende Tun trotzdem so lange durchgezogen hat. Es wurde eine Leidenschaft, sich für einen fairen Sport zu begeistern und einzusetzen, und es machte einfach Spass, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig war es eine hervorragende Lebensschule.» Inwiefern? «Es sind 22 verschiedene Charaktere auf dem Platz. Man muss mit ihnen umgehen, jedem kann man es nicht recht machen. Man muss aber schauen, dass keine Hektik aufkommt.»

Was gefiel ihm weniger? Auch da kommt die Antwort postwendend: «Zu denken gibt mir in den letzten Jahren die vorhandene Respektlosigkeit von Zuschauern und Spielern (bereits bei den Junioren) und die sehr tiefe Hemmschwelle. Darum verwundert es auch nicht, dass es immer weniger Idealisten gibt, welche die Funktion des Buhmanns annehmen.» Festzustellen sei eine grosse Fluktuation in den ersten fünf Jahren. «Dann bekommt man eine Lederhaut.» Der Begriff «Esel» sei übrigens schon fast human. Brems Tierleben lässt grüssen.

Der Fussball hat einen sehr grossen Teil seines Lebens eingenommen. Die Familie kam oft mit an die Spiele. Beide Söhne sind nun ebenfalls «fussballaffin». Der Ältere arbeitet sogar beim Schweizerischen Fussballverband in der Kommunikationsabteilung und war vor der Wahl von Adrian Arnold kurz Pressesprecher der Nationalmannschaft.

Am 7. Juni pfiff Willi Baumgartner seinen letzten Match in Bütschwil. «Eigentlich bin ich froh, ist es jetzt vorbei», bekennt er. «Ich habe keine Entzugserscheinungen, da ich mich lange darauf vorbereitet habe. Vielleicht wird es mir einmal fehlen. Aber im Moment nicht. Ich wollte dann aufhören, wenn die meisten sagten: Schade!» So wurde er in Bütschwil gebührend verabschiedet, seine langjährigen Wegbegleiter waren mit dabei, ebenso seine Familie.

Wird ihm nicht langweilig

Nun kann er sich dem Leben nach dem Fussball widmen. Wie sieht dieses aus? «Seit meiner Pensionierung engagiere ich mich als Freiwilliger beim Fahrdienst des Roten Kreuzes Kanton Glarus und kann so Leute unterstützen, denen es nicht so gut geht wie mir. Skifahren, wandern, andere Länder bereisen oder auch die vier Enkelkinder sorgen für zusätzliche Abwechslung.» Zudem wird er oft für Berichterstattungen in den Medien oder Einsitznahme in OKs angefragt. Wie zuletzt beim Kerenzerbergrennen.

Die obligate Frage zum Schluss: Würde er rückblickend alles nochmals gleich machen? «Vielleicht würde ich statt auf Fussball eher auf Eishockey setzen. Da ist das Spielfeld doch etwas kleiner», lacht er. Auch wenn das Bild der Schiedsrichter in der Öffentlichkeit sehr oft negativ sei: «Ich würde mich noch einmal für eine Schiedsrichterkarriere entscheiden. Es war eine gute Zeit.»