Pose des Dichters und Wortfluten – Kilian Ziegler im Freulerpalast

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung der Kulturgesellschaft Glarus waren alle Gäste zu einem ganz besonderen Begegnen in den Festsaal des Freulerpalasts Näfels eingeladen – und es kamen erfreulich viele. Die Herren in Öl – seit Jahrzehnten an den Wänden des Saals prangend – schauten enorm ernst und gefasst drein, als Kilian Ziegler, Jahrgang 1984, aus Olten stammend, dem Publikum eine tiefschürfende Einführung in die Pose des erfolgreichen Dichters gab: Brust ein klein wenig raus, den Körper seitlich zur Zuhörerschaft abgewinkelt, ein Arm leicht schräg himmelwärts gerichtet, der andere cool nachgestreckt.




Das sei – so Kilian Ziegler – der Beginn des Erfolgs. Alle sehen und spüren, wie ernst es nun wird, wie aufmerksam man zu sein hat, um möglichst alles zu erfassen. Das Problem war, dass Ziegler zuweilen in einem Tempo loslegte, das jede Innerortsgeschwindigkeit krass überschritten hätte. Ziegler sei, war aus der Ankündigung zu diesem durchaus kurzweiligen kulturellen Treffen zu entnehmen, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Slam-Poeten der Schweiz.

Ziegler nahm sich auch die Mühe, den Weg zu diesem hehren Ziel zu erklären. Das tönte nun wirklich sagenhaft plausibel. Man wählt ein Thema aus vielen, die einen beschäftigen, kleidet das in kluge, ein- bis mehrdeutige Wortgefüge, Reime sind ebenso willkommen wie knapp gehaltene Erzählungen, tritt an irgendwelchen Wettkämpfen gegen Gleichgesinnte, in diesem Bereich ebenfalls begabt Sinnierende und Formulierende an und schaut, wie die Jury oder das Publikum reagiert.

Ziegler war nicht unbescheiden, wenn er zuweilen von einem seiner grössten poetischen Erfolge sprach, von einem Höhepunkt, den andere vielleicht nie erreichen. Er tat das spassig, mit einiger Selbstironie – zuweilen leicht gehäuft anmerkend. Und wird irgendwann einmal ein Nobel-Literaturpreis in Slam-Poetry verliehen, ist Ziegler gut beraten, sich an Vorentscheidungen zu beteiligen.

Weltbelastendes, Ernsthaftes, Sorgen, Abneigung und Unverständnis Bescherendes, klammert er aus. Das hat in seinem kreativen Wort-Schaffen keinen Platz – aus welchen Gründen auch immer.

Wenn er loslässt, muss man einfach riesig aufpassen, über ein tadelloses Gehör und poesie-affine Gehirnwindungen verfügen, um alles mitzubekommen. Dann ist beispielsweise viel, ganz viel über Abneigungen von Ottern gegen das Wasser, Zuneigung, Baukunst des begnadeten Pool-Spezialisten Jean-Pooll Bassin, über die Wesenszüge der Beatrice Egli, die wundersame Rettung eines vom Ruin bedrohten Restaurants mit der Wirtin Rita und einem weltberühmten, leicht bedepperten Restaurant-Tester, über die Künste des einst weltberühmten Schanzenspringers aus England – Eddie the Eagle, die Bedeutsamkeit einer Polaroidkamera und anderes zu erfahren; zuweilen in übersprudelnden, munteren, geschickt, witzig und kreativ gefügten Gedanken. Es braucht Beobachtungsgabe, hohes sprachliches Geschick und Lust an zuweilen unalltäglichen Geschehnissen, um beispielsweise messerscharf feststellen zu können: Atem zu kurz, Marathon zu lang; Studium zu lang, Stipendien zu kurz oder – Doppelschlag an die Adresse von Beatrice Egli gerichtet, übrigens voller Liebe und Abgeklärtheit: Ich bin das Schiff, du bist eine (F)lotte; Wir haben Ohren und gehö(h)ren deshalb zusammen.

Die Annahme, dass Kilian Ziegler einfach permanent drauflosblödelt, ist absolut falsch. Er überlegt sich beim Ausformulieren der verbalen Sturzfluten sehr wohl, was sich reimt, was ankommt, was zutrifft. Und wer sich in derartige Gedankenwelten entführen lässt, kommt mit Garantie auf seine Rechnung und probiert im stillen Kämmerlein vielleicht das eine oder andere auch mal aus.