Procap Glarnerland auf Mettmen

Nach den Schaffhausern, Thurgauern, Zugern und Luzernern ist Procap Glarnerland die fünfte Sektion des vormaligen schweizerischen Invalidenverbandes (heute Procap Schweiz), die den Mettmensee besuchte.



Gehbehinderte von Procap Glarnerland geniessen das schöne Mettmen (Bild: eing.)
Gehbehinderte von Procap Glarnerland geniessen das schöne Mettmen (Bild: eing.)

Einer der drei jährlichen Anlässe von Procap Glarnerland ist der Ausflug im August. Dieses Jahr führte der Präsident Paul Aebli und seine Vorstandskolleginnen die 41 Ausflugsteilnehmer und -Teilnehmerinnen auf Mettmen, 1626 Meter über Meer, wo die meist gehbehinderten Procap Mitglieder bisher selten anzutreffen waren. Die behindertengerechte Erschliessung hat das ermöglicht.

Aus der "Sicht" des Blinden

Nachdem der AS-Bus die Procap Mitglieder in der Nähe ihres Wohnortes abgeholt hat, alle Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer dank behindertentauglichen Bussen und geschickten Helferinnen und Helfern sicher verstaut hat, fahren wir via Schwanden ins Niederental. Neben dem monotonen Brummen des Motors höre ich die freundschaftliche und lebhafte Unterhaltung der Procap-Mitglieder. Die Fahrt im Niederental erscheint mir länger und kurvenreicher, als dass ich sie in Erinnerung habe. Bei der Seilbahn angekommen werde ich von Gerrie Aebli über ein paar Stufen zur Seilbahn geführt. Rechts von mir höre ich den hydraulischen Lift für die Gehbehinderten und Rollstuhlfahrer. Oben kommen wir wieder alle zusammen und finden in den geräumigen Seilbahnkabinen, praktisch ohne weitere Schwellen zu überwinden Platz. Ruckfrei bewegt sich die Seilbahnkabine nach oben, eben eine richtige Schwebebahn. Die 600 Höhenmeter überwinden wir in kurzer Zeit und ich musste mich nie irgendwo halten, denn es gab keine nennenswerten Schwankungen, die eine grössere Gleichgewichtsverlagerung erfordert hätte. Oben angekommen führt mich Gerrie wieder aus dem Stationshaus und wirklich, keine Schwellen, Stufen oder der steinige Weg, an den ich mich von früher erinnern kann. Ein breiter Weg, sanft ansteigend, nur an einer kurzen Stelle maximal 6 % steil, führt hinauf zum Restaurant. Dieses ist stufenfrei im unteren Säli erreichbar, wo wir auch unser Mittagessen einnehmen. Ein behindertengerechtes WC ist gleich nebenan. In einer späteren Ausbauphase werde auch der obere Stock behindertengerecht erschlossen, was insbesondere wegen der Erschliessung der Aussichtsterrasse einen grossen Gewinn für die Behinderten brächte.

Gehbehinderte von Procap Glarnerland geniessen das schöne Mettmen

Christa Landolt, Paul Aebli, Peter Hefti und Kurt Schärer schoben die schwer Gehbehinderten in ihren Rollstühlen von der Station ins Restaurant und später auch auf den Staudamm hinauf. Junge Selbstfahrerinnen und Selbstfahrer, die den Rollstuhl sicher beherrschen, schaffen die Steigung zum Restaurant selbst, etwas fitere Rollstuhlsportler schaffen auch die kurze Steilstrecke (Maximum 11 % Steigung) kurz vor dem Staudamm. Oben auf dem Damm und links vom See stehen überhaupt keine Hindernisse mehr im Weg.
Ich sitze mit Anna Giambanco auf einer lehnenlosen Sitzbank und Anna erklärt mir das Glitzern auf dem See. Ueber dem Staudamm sehe man die ganze Glärnischkette, den Wiggis und den Rauti. Alles sei gestochen scharf unter einem wolkenfreien blauen Himmel.

Ein Blinder erlebt Mettmen anders

Am Arm von Gerrie gehe ich über den Seedamm, Anna fährt mit ihrem Rollstuhl selbst vor uns bis zu der Stelle, wo sie zwischen den Tannen im Dunst das kleine Eckchen des Zürichsee lokalisiert, das man von Mettmen aus sehen kann. Ich greife mit meinem Stock über das Geländer und versuche die Natursteinverkleidung des ersten Staudamms zu ertasten, der aus Stahlbeton gebaut wurde. Ich höre das wenige Restwasser, das tief unter mir aus der Mauer ins Tal fliesst. Auf der Seeseite präsentiert sich eine grosse Forelle gleich unter dem Wasserspiegel. Sie steht regungslos und wartet offensichtlich vergeblich auf einen Fischer, der sein Glück mit der Angel versuchen möchte. Ein paar von uns umwandern den ganzen See, stellen aber fest, dass nur die eine Seite für Gehbehinderte wirklich geeignet ist. Auffallend ist die Ruhe, die sich über dem See ausbreitet. Kein Verkehrslärm, kein fernes Motorrad und kein Flugzeug sind zu hören. Orte mit dem reinen Klang der Natur sind auch bei uns selten geworden, weshalb sie mir natürlich sofort auffallen.
Zurück auf der Terrasse im Restaurant höre ich die helle Stimme vom Schriftsteller Emil Zopfi, der mit seiner Begleitung auf dem Klettergarten war. Ich hätte ihm so gerne gesagt, dass ich seine Bücher von der Hörbücherei ausgeliehen und sehr gern gelesen habe. Sein spannender Glarner Krimi um die Landsgemeinde hat mir einige fröhliche Lacher entlockt. Wie gut kennt er doch unser schönes Land. Ich erkenne auch Zürcher- und Baslerdialekte, Badenwürtenbergisches "Schwäze" und allgemein fröhlich gestimmtes Lachen. Die gute Stimmung überträgt sich auch auf das Bedienungspersonal. Aufmerksam wird mir das Glas gezeigt und die Flasche in die Hand gedrückt. Alles selbstverständlich, als ob jeden Tag ein Blinder auf dieser Terrasse sässe. Mein Dankeschön und grosses Kompliment an die Wirtsleute und ihr Personal. Der Mettmensee ist für viele Behinderte zugänglich geworden. Diese Initiative verdient grosse Anerkennung. Davon profitieren aber auch Familien, der Restaurantbetrieb, die Seilbahn und der Alpbetrieb. Nur ich als Blinder gehe etwas traurig nach Hause, denn für mich bleibt diese schöne Welt ein Bild "vom Hörensagen".